Die Situation scheint verfahren: Bereits Ende 2021 hat die HWT Invest Aktiengesellschaft als Eigentümerin den Abriss des Gebäudes am Marktplatz 9 und einen viergeschossigen Neubau beantragt. Das Landratsamt Bad Kissingen sieht aktuell die Bedingungen für eine Baugenehmigung nicht erfüllt.
Trotzdem spielt die Eigentümerin auf Zeit und lässt die Mieter im Unklaren. Kurz vor Weihnachten hat die Stadt eine Teilsperrung des Gehweges vor dem Gebäude angekündigt und verwies auf notwendige Sicherungsmaßnahmen.
Standsicherheit in Frage gestellt
Das Landratsamt Bad Kissingen teilt auf Nachfrage mit, dass der Eigentümer im November 2022 eine Stellungnahme zur Standsicherheit des Gebäudes von einem Prüfamt für Standsicherheit vorgelegt habe. „Gemäß dieser Stellungnahme ist von einer Gefährdung der Standsicherheit auszugehen, sofern maßgebliche Schneelasten in den Wintermonaten auftreten“, heißt es.
Deshalb sei der Eigentümer aufgefordert worden, regelmäßig für eine Räumung der Dachflächen bei etwaigen Schneelasten zu sorgen. Für das Aufstellen von Gerüsten und um eine Gefährdung der Fußgänger auszuschließen, solle der Gehweg auf einer Breite von drei Metern abgesperrt werden.
Keine Baugenehmigung in Sicht
Zum Bauantrag teilt das Landratsamt Bad Kissingen mit: „Das erforderliche gemeindliche Einvernehmen sowie die Zustimmung des Sanierungsbeirats der Stadt Hammelburg liegen zum heutigen Tag bisher nicht vor.“
Zudem habe das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege nicht zugestimmt, vor allem weil die „wirtschaftliche Unzumutbarkeit der Erhaltung des Bestandes durch den Bauherrn nicht nachgewiesen worden ist“. Deshalb sei bis heute keine Baugenehmigung erteilt worden.
Termin im Landratsamt
„Wenn keine Schneelast droht, sollte nach unserer Auffassung auch keine Absperrung nötig sein“, heißt es zur aktuellen Lage aus dem Hammelburger Rathaus. Laut Stadtverwaltung fand Mitte November ein Termin wegen des Projektes im Landratsamt statt.
Das Landesamt für Denkmalpflege habe nach wie vor „gegen einen Abbruch erhebliche Bedenken“. „Auch die Stadt ist am Erhalt der Marktplatzfassade interessiert und sieht zudem keine Möglichkeit für einen Bebauung mit einem viergeschossigen Gebäude“, heißt es weiter aus dem Rathaus, und weiter: „Wenn der Bauherr sich also um einen Lösung zum Erhalt des Gebäudes und/oder der Marktplatzfassade entschließen kann, könnte die Maßnahme rasch umgesetzt werden.“
Hose investierte in Apotheke
Dr. Sebastian Hose hat die Einhorn-Apotheke 2004 übernommen und grundlegend saniert. Unter anderem baute er eine automatisierte Kommissionierung ein, vergrößerte den Verkaufsraum und schuf einen barrierefreien Zugang vom Hinterhof aus.
Grundlage sei ein Mietvertrag bis ins Jahr 2031 gewesen. Noch 2019 sei ihm zugesichert worden, dass durch geplante Umbaumaßnahmen der Fortbestand der Einhorn-Apotheke mit zehn Mitarbeitern nicht tangiert werde.
Allerdings sei durch Bauarbeiten „die Statik der Obergeschosse nachteilig berührt“ worden, erklärt Hoses Rechtsanwalts Ekkehard Martin. Das habe auch eine „sachverständige Beurteilung“ bestätigt.
Praxis zieht vermutlich aus
Aus Sicht des Juristen soll der Abrissantrag „durch eine herbeigeredete, tatsächlich widerlegte, vermeintliche Standunsicherheit des Gebäudes“ belegt werden. Unverständlich ist aus Martins Sicht auch, „dass seitens der HWT-Invest AG auf die Aufforderung, mietvertragliche Verpflichtungen einzuhalten, bislang lediglich Einschüchterungsversuche (…) folgten“.
Immerhin habe es vor kurzem „konstruktive Gespräche“ mit dem Vermieter gegeben, berichtet Hose selbst.
Verständnis für beide Seiten äußert Psychiater Bernhard Hamelback, der seine Praxis neben der Apotheke hat. „Letztlich ist es ja auch begrüßenswert, wenn jemand soviel Geld in die Hand nimmt, ein ganzes Gebäude neu zu bauen“, sagt er und verweist auf die schwierige Abwägung zwischen Ensembleschutz und Wirtschaftlichkeit.
Trotzdem übt auch Hamelbeck Kritik am Vorgehen, vor allem weil Gesprächsangebote vom Vermieter immer wieder ausgeschlagen worden seien. Obwohl Hamelbeck eigentlich noch zweieinhalb Jahre Mietvertrag hat und noch nicht einmal die Investitionen in die Praxiseröffnung 2014 abgeschrieben seien, habe er vorsorglich bei der Kassenärztlichen Vereinigung einen Praxisumzug beantragt.
Trotz mehrfacher Anfragen gab es weder von Architekt Stefan Buttler, noch von der Eigentümerin des Hauses, der HWT Invest Aktiengesellschaft mit Vorstand Dr. Hubert-Ralph Schmitt, eine Rückmeldung.
Geschichte
Die Einhorn-Apotheke am Hammelburger Marktplatz geht laut Apotheker Dr. Sebastian Hose auf eine Privilegierung durch den Fuldaer Fürstabt Heinrich von Bibra aus dem Jahr 1781 zurück. Durch den Stadtbrand 1854 wurde das Anwesen zerstört und unter Einbeziehung des Nachbarhauses neu errichtet.
Eigentümer
Ab 1854 gehörte das Gebäude den Inhabern der Apotheke, die auch im Haus wohnten. 1904 kaufte Hoses Urgroßvater Dr. Gottfried Gerhard die Apotheke mit Haus und Garten. Ab Mitte der 1970er Jahre zogen Arztpraxen in Erdgeschoss und erstes Obergeschoss ein. Sebastian Hose wohnte mit seiner Familie nach eigenen Angaben bis 2013 im zweiten Obergeschoss. Das Dachgeschoss sei nie genutzt worden.
Verkauf
Hoses Onkel Albrecht Gerhard hat das Gebäude 2016 an die damalige Schilling-Bank verkauft, die wiederum Rechtsvorgängerin der HWT-Invest AG ist.











