Die Fahnen vieler europäischer Staaten zierten den Festsaal, in dem der Kreisverband der Europa-Union Hammelburg sein 70-jähriges Bestehen feierte. Schon diese Symbolik zeigte die Ausrichtung der 1956 gegründeten Vereinigung, die damals wie heute für ein Europa der Freiheit, des Friedens und der Demokratie eintritt. Nicht nur die Festredner verwiesen auf die Gründungsidee, sondern auch Sebastian Kleinhenz als Vertreter des Vorstandes betonte in seiner Moderation die Bedeutung des europäischen Gedankens: „Europa beginnt nicht in Brüssel. Europa beginnt hier vor Ort, in den Herzen und Köpfen der Menschen.“
Nicht umsonst hatte sich der Kreisverband Hammelburg den 9. Mai für den Festakt ausgesucht. Am 9. Mai 1950 hatte der französische Außenminister Robert Schumann die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft vorgeschlagen. Mittlerweile ist dieser Tag als „Europa-Tag“ bekannt und wurde unter anderem in Hammelburg mit einem „Demokratie-Fest“ gefeiert.
Aus einer „kühnen Idee“ entstanden
Für Moderator Sebastian Kleinhenz zeige dies, dass „Demokratie lebendig ist und ein geeinigtes, friedliches Europa gelebt wird“. Was vor 70 Jahren in Hammelburg mit einer „kühnen Idee“ entstand, habe sich mit vielen Aktivitäten und großem Engagement in der Stadt etabliert, „doch Europa ist kein abgeschlossenes Kapitel, es entwickelt sich weiter – zum Wohle der Menschen“.
Joachim Hockgeiger, Stellvertretender Bürgermeister, lobte die Brücken, die der Kreisverband zu benachbarten Ländern und zur Partnerstadt Turnhout aufgebaut hat, sowie die Aktivitäten in den Schulen und betonte, „Europa ist keine Selbstverständlichkeit, man muss die europäische Idee jeden Tag leben“.
Ein Lob für die Mitglieder
Roland Limpert überbrachte als Stellvertretender Landrat die Glückwünsche zum vom Blechbläser-Quintett Melo Brass umrahmten Jubiläum und lobte die Mitglieder der Europa-Union Hammelburg als Brückenbauer, die in einer turbulenten Welt mit außerordentlichem Engagement Europa erklärt, Europa gestaltet und Europa leben würden.
Für den Bezirk Unterfranken der Europa-Union übermittelte Dr. Reinhard Schaupp, der zugleich Stellvertretender Bayerischer Landesvorsitzender ist, die Glückwünsche zum Jubiläum des Kreisverbandes: „Meine Hochachtung und meinen Respekt für das außergewöhnliche europäische Engagement – verbunden mit meinem Dank an Ehrenvorsitzenden Edgar Hirt als Gründungsmitglied und jahrzehntelang die treibende Kraft im Kreisverband.
In der Defensive
In einer sehr politischen Rede blickte er auf die Entwicklung der Europa-Union zurück, deren Wurzeln er im „Hertensteiner Programm“ sah, das bereits 1946 in der Schweiz die Grundzüge einer europäischen Einigungsbewegung aufzeichnete. Den historischen Bogen spannte er über Winston Churchills Rede an die europäische Jugend über Robert Schumann bis zur „Charta von Paris“, die 1990 die Schaffung einer neuen friedlichen Ordnung in Europa zum Ziel hatte. Die Idee eines freiheitlichen, friedlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen Europas sei in der Defensive und „das Gespenst des Autoritarismus, des Rechtspopulismus und des Antisemitismus geht um“. Dr. Schaupp forderte positive Zeichen für ein vielfältiges und handlungsfähiges Europa, „denn es geht um die Zukunft unserer Kinder“.
Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen sieht auch MdEP Markus Ferber, der als Ehrenvorsitzender der Europa-Union Bayern in seiner launigen Festrede die Rolle der Europäischen Union in einer globalisierten Welt thematisierte. Dabei blickte er auf seine persönlichen Kontakte zum Kreisverband Hammelburg zurück, die seit 32 Jahren bestehen und dank Edgar Hirt sehr intensiv seien.
In einer veränderten Welt
Wenn nach 1990 der Wunsch nach einem konfliktfreien Miteinander in Europa vorherrschte, so habe sich die Welt mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der Abwendung der USA als „Schutzmacht, Freund und Verbündeter“ verändert. Das europäische Schutzbedürfnis könne nur gemeinsam umgesetzt werden und dürfe nicht nationalen Bestrebungen geopfert werden.
Damit verband Markus Ferber seine Sorge, dass „westliche Werte nicht mehr gelebt werden“ und dass nationalistische Kräfte die Gesellschaft spalten, „weil sie nichts erklären, nur kritisieren und nichts zur Lösung beitragen“. Natürlich dürfe man den Bürokratismus des europäischen Binnenmarktes und weiteres in Europa kritisieren, aber nicht mit dem Ziel, eine funktionierende Europäische Union zu zerschlagen.
Es fehlt an SelbstbewusstseinLeider habe man auf europäischer Ebene manches nicht geschafft, was jetzt für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt fehlen würde, so Ferber, und nannte einheitliche Normen und Standards als Beispiel. Die Wirtschaftskraft Deutschlands sei trotz Krise noch bedeutend, nur das Selbstbewusstsein fehle. Er wünsche sich, dass man den europäischen Gedanken wieder offensiver vertrete – „in der Familie, bei Freunden, am Arbeitsplatz“.
Hintergrund: Einer der mitgliederstärksten Verbände in Bayern
- Im Jahr 1956 trat Edgar Hirt als 23-Jähriger dem Kreisverband der Europa-Union Hammelburg bei und wurde damit ein Gründungsmitglied des Verbandes. Darüber hinaus war er einer von nur vier Vorsitzenden und führte den Verein von 1979 bis 2008, also 29 Jahre.
- Weitere Vorsitzende waren Franz Weidling, Konrad Peschka und Hans Dieter Scherpf. Mittlerweile steht mit Christof Hirt, Albrecht Leurer und Sebastian Kleinhenz ein gleichberechtigtes Trio an der Spitze des Verbandes – mit Ulrike Bach als Geschäftsführerin und Anton Köhler als Kassenverwalter.
- Von daher war es verständlich, dass Ehrenvorsitzender Edgar Hirt bei der Feier zum 70-jährigen Bestehen als profunder Kenner und Initiator vieler Entwicklungen einen Rückblick gab. Am 23. Februar 1956 erfolgte die Gründung auf Initiative vom Bund Europäischer Jugend, der bereits seit 1953 existierte. Das damalige Ziel, die Bevölkerung auf die Einigung Europas aufmerksam zu machen, ging einher mit aktiver Mitgliederwerbung, mit Vorträgen und Seminaren zu europäischen Themen, mit Bildungs- und Informationsreisen. Damit sei man sehr erfolgreich gewesen. 2006 zählte der Kreisverband über 500 Mitglieder und war einer der mitgliederstärksten Verbände in Bayern. Gründe für diesen Erfolg waren auch die kulturellen Angebote.
- Der Kreisverband engagierte sich aber auch im gesellschaftlichen Leben der Stadt und unterstützte finanziell andere Einrichtungen. Unterstützung erhielten auch Schulen für die Teilnahme an europäischen Wettbewerben oder für einen Schüleraustausch.
- Als Bauherr betätigte sich der Kreisverband im Jahre 1990 mit der Errichtung des Europa-Pavillons am Heroldsberg und im Jahr 2001 mit dem Erwerb vom „Europa-Haus am Viehmarkt“, das mit viel Eigeninitiative renoviert wurde und mittlerweile Geschäftsstelle und beliebte Tagungsstätte ist.
- Weitere Aktivitäten sind der Arbeitskreis „Politik und Gesellschaft“, der zu den Themen europäischer Politik informiert, oder die Betreuung von Schulen, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen. Die Aktivitäten der Europa-Union führten dazu, dass Hammelburg vom Europarat mit dem „Europa-Diplom“ ausgezeichnet wurde und dass in Hammelburg die 60. Landesversammlung der Europa-Union Bayern im Jahre 2011 ausgerichtet wurde.









