Das iranische Regime hat die jüngsten Proteste blutig niedergeschlagen. Das in den USA ansässige Menschenrechtsnetzwerk Human Rights Activists News Agency (HRANA) hat bislang über 6000 Tote bestätigt – Zahlen, die in den letzten Tagen immer wieder zugenommen haben. Die Dunkelziffer soll weit höher liegen.
Währenddessen spricht das Time Magazine von 30.000 Toten an nur zwei Protesttagen. Das Blatt beruft sich auf zwei ranghohe Beamte des iranischen Gesundheitsministeriums.
Zudem befürchten mehrere Hilfsorganisationen die Hinrichtung von Demonstranten. Hintergrund ist der Vorwurf der iranischen Justiz: „Kriegsführung gegen Gott“ – ein Tatbestand, der nach dem dort herrschenden islamischen Recht mit dem Tod bestraft werden kann. Die Hoffnungen auf Veränderung haben damit einen herben Rückschlag erlebt.
Sara Amirmoez-Kutlay (38) hat ihre Wurzeln im Iran, ebenso wie die Brüder Moghtader (40) und Meghdad (38) Salehan. So haben die drei Bewohner des Landkreises Bad Kissingen die Proteste wahrgenommen.
Mut der jungen Menschen
Sara Amirmoez-Kutlay lebt seit Sommer 2025 in Bad Kissingen und betreibt hier zusammen mit ihrem Mann das Café Roch. Mit fünf Jahren floh ihre Mutter mit ihr aus dem Iran. Dem vorausgegangen war die Trennung ihrer Eltern. Als ihre Mutter ein Anwaltsschreiben erhielt, das dem Vater das Sorgerecht zugestand, entschloss sie sich zur Flucht.
Die 38-Jährige war seitdem zwei Mal im Iran. Bei ihrem letzten Aufenthalt hatte sie jedoch ein traumatisches Erlebnis mit der Sittenpolizei. Aus diesem Grund hat sie ihre Heimat seit 15 Jahren nicht mehr besucht. Durch Bekannte und Familie hielt sie allerdings Kontakt zu ihrem Herkunftsland, dem sie sich nach wie vor verbunden fühlt.
Die Pächterin des Café Roch bewunderte bereits damals die jungen Menschen und deren Mut. „Es gibt so viele Underground-Clubs und Partys. Es ist cool, dass junge Leute so viel Mut haben“, sagt sie. Trotz ihrer Bewunderung sieht Sara Amirmoez-Kutlay darin auch eine bittere Realität. „Wenn du jeden Tag in Angst lebst, hast du nichts mehr zu verlieren.“
Die Partys gelten als geheime und illegale Veranstaltungen. Sie werden vom Regime als Akt des Widerstands gegen staatliche Verbote von Musik, Alkohol und gemischtgeschlechtlichem Tanzen gesehen. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Razzien und Festnahmen – Drogendelikte können sogar in einer Hinrichtung durch Erhängen münden.
Mutig, aber gefährlich
Die Brüder Moghtader und Meghdad Salehan kamen Anfang der 2000er Jahre nach Deutschland und leben seitdem in Nüdlingen. Auch sie finden die Menschen, die auf die Straße gegangen sind, sehr mutig. Dennoch würden sie vor dem Hintergrund der damit einhergehenden Gefahr an niemanden eine Erwartungshaltung richten – schon gar nicht aus dem Ausland heraus. „Ich finde es schlimm, dass Leute von außen die Menschen auffordern, auf die Straße zu gehen“, sagt Moghtader Salehan.
“Am Ende ist es einfach hier etwas zu fordern, man wird ja auch nicht erschossen.
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Sein Bruder sieht das ähnlich. „Am Ende ist es einfach, hier etwas zu fordern, man wird ja auch nicht erschossen“, sagt er. Was er selbst gemacht hätte, weiß er nicht. Das sei ein weiterer Grund, warum er niemanden zum Protest auf der Straße auffordern würde.
Kontaktabbruch durch Internetsperre
Seit 8. Januar ist das Internet im Iran gesperrt – doch mittlerweile schaffen es immer mehr Menschen, die Sperre technisch zu umgehen.
Während Sara Amirmoez-Kutlay keine lebenden Verwandten mehr im Iran hat, wohnt ein großer Teil der Familie von Moghtader und Meghdad Salehan noch dort. Lange Zeit hatten sie nichts von ihnen gehört. Dann vor ein paar Tagen eine erste Erleichterung: „Uns geht es gut“, heißt es in einer Nachricht.
Ursachen für die Proteste
Kopftuchpflicht und Alkoholverbote sehen sowohl Sara Amirmoez-Kutlay als auch die Brüder Salehan nicht als Ursachen für die jüngsten Proteste. „Die Wirtschaft ist der Hauptmotivator. Niemand kann sich mehr was leisten. Nur die Mullahs und ihre Reichen leben gut“, sagt die 38-Jährige.
Diese Meinung wird auch durch Experten gestützt. Der Iran befindet sich seit mehreren Jahren in einer Wirtschaftskrise, was bereits im Vorfeld für große Unzufriedenheit in der Bevölkerung sorgte. Erst Ende des Jahres 2025 sank die Währung Rial dann plötzlich auf ein Rekordtief. Das führte in der Hauptstadt Teheran dazu, dass Ladenbesitzer und Händler spontan auf die Straße gingen. Der Vorwurf von Misswirtschaft und Korruption wurde immer lauter.
Zusätzlich haben fehlende Perspektiven, politische Repression und internationale Isolation die Unzufriedenheit im Land über Jahre hinweg gesteigert.
Härte des Regimes
Sara Amirmoez-Kutlay hätte nicht gedacht, dass das Regime so hart zuschlägt – ähnlich ging es auch Meghdad Salehan. Sein älterer Bruder war aufgrund des Unterschieds zu den letzten Protesten weniger überrascht.
Die Frauenrevolution von 2022 äußerte sich vor allem in zivilem Ungehorsam und dezentralen Protesten. Dabei blieb es weitgehend friedlich, auch wenn die Sicherheitskräfte bereits damals mit maximaler Härte, einschließlich Tötungen, reagierten.
Die Breite der Bewegung aus dem Januar 2026 war hingegen um einiges größer. Die früheren Forderungen nach Freiheit vermischten sich mit dem Überlebenskampf gegen die Armut.
„Es war klar, dass sich das Volk wehren würde. Deswegen ging das Regime härter vor“, sagt Moghtader Salehan.
Umgang und Anteilnahme
Mit Menschen aus dem erweiterten Umfeld reden Moghtader und Meghdad Salehan kaum über das Thema – auch mit ihrer Familie. Diese sei momentan gedanklich auch viel zu zerstreut. Von außen gäbe es so gut wie kein Interesse, mehr über die Zustände zu erfahren. Auch eine gewisse Anteilnahme träfe man nur selten. „Man würde es sich schon wünschen“, sagt der jüngere Bruder, betont allerdings, dass er keine Erwartungshaltung an die Menschen richtet.
“Ich bin froh, dass mein Sohn hier groß werden kann.
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Sara Amirmoez-Kutlay erging es dahingehend anders. Teile ihrer Gäste kamen vermehrt auf sie zu und fragten nach, wie es ihr geht. „Sie kümmern sich, das ist schön zu sehen“, sagt die gebürtige Iranerin. Insgesamt fällt ihr auf, wie viel Respekt in Bad Kissingen untereinander herrscht. Das habe sie so noch nirgendwo gesehen. „Ich bin froh, dass mein Sohn hier groß werden kann.“
Ein Funke Hoffnung
„Wir sind ein sehr warmes Volk und haben eigentlich immer Hoffnung“, beschreibt die 38-Jährige die iranische Bevölkerung. Die letzten Proteste und deren brutale Niederschlagung haben allerdings Spuren bei ihr hinterlassen. „Wir hatten erst Hoffnung, die jetzt wieder weg ist.“
Die Berichterstattung über die vielen Toten hat mit dafür gesorgt, dass sie die Nachrichten und Social Media derzeit meidet – auch, wenn sie versucht, nicht zu viel daran zu denken. Der dadurch ausgelöste innere Stress tue ihr nicht gut, sagt sie.
Die vielen Videos, die trotz Internetsperre auf die Social-Media-Plattformen gelangten, machten auch Meghdad Salehan fassungslos. „Solche Bilder sind wir hier nicht gewohnt“, sagt er.
Die gebürtigen Iraner wünschen sich in den Medien eine breitere Aufmerksamkeit für das Thema – sehen diesbezüglich aber noch eine andere Notwendigkeit. „Wichtig wäre es, wenn man nicht nur berichtet, wenn es eskaliert, sondern auch sonst eine konsequente Berichterstattung erfolgt“, sagt Moghtader Salehan.
Die Hoffnung auf Änderung ist gedämpft, aber nach wie vor vorhanden. „Die Menschen haben so viele Angehörige verloren, aber in meinem Herzen hoffe ich auf Änderung. Wir warten schon so lange darauf, dass die Freiheit kommt“, sagt Sara Amirmoez-Kutlay.














