Das Firmenschild an der Ernst-Putz-Straße ist verschwunden. Nur noch die Metallstreben stehen, zwischen denen es einst klemmte. Doch ansonsten wirkt das frühere Seniorenheim Sinntal nicht so verlassen, wie es nach reichlich einem Jahr ohne regulären Betrieb sein müsste. Ja, die Rollos sind fast überall halb runtergelassen, in den untersten Stockwerken sogar ganz. Aber in den Fenstern, die einsehbar sind, stehen teilweise Pflanzen und in einem zwei barocke Figuren in Puppengröße.
Jemand kümmert sich um das Gebäude; davon zeugen auch die halbwegs gepflegten Rabatten und ein Besen vor dem Haupteingang, der scheinbar vor kurzem benutzt wurde.
Regierung schließt Mietvertrag über zehn Jahre
Dennoch: Viele in und rund um Bad Brückenau fragen sich, ob der nüchterne Bau aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt eine Zukunft haben kann. Hat er, sagt Alexander Warkotsch, Sprecher der Regierung von Unterfranken in Würzburg. Und zwar als vorübergehender Wohnort für Asylsuchende.
"Ich kann bestätigen, dass die Regierung von Unterfranken in dem genannten Gebäude eine Unterkunft für Geflüchtete einrichten wird", schreibt Warkotsch auf Nachfrage dieser Redaktion. Ein Mietvertrag über zehn Jahre sei bereits abgeschlossen. Stadt Bad Brückenau und das Landratsamt seien über das Vorhaben informiert.
70 bis 75 Menschen sollen im Haus unterkommen
Laut Warkotsch können bis zu 85 Menschen in dem Gebäude untergebracht werden. "Aufgrund von Fluktuation, Wartung et cetera ist eine Belegung des Objektes mit circa 70 bis 75 Personen realistisch." Wann die ersten Bewohner einziehen würden, stehe zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest. Dies hängt vom weiteren Gang des Baugenehmigungsverfahrens und der Dauer der notwendigen Umbauarbeiten ab. "Wir gehen aber von einer Belegung in drei bis sechs Monaten aus."
Das Ende des Seniorenheims Sinntal im Sommer 2023 kam nicht überraschend. Schon länger kriselte der Betrieb des Familienunternehmens Seniorenheim Brückel GmbH & Co. KG.
Betreibergesellschaft ging in Insolvenz
Noch im Jahr zuvor hatte Geschäftsführer David Brückel gehofft, dass eine Gesellschaft aus dem Raum Hamburg den Pflegebetrieb im sanierungsbedürftigen 56-Betten-Haus übernimmt. Obwohl die Verhandlungen weit gediehen waren, zog sich der Interessent überraschend zurück.
Daraufhin hatte Brückel Zahlungsunfähigkeit anmelden müssen; zum 1. März 2023 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Zuvor hatte die Agentur für Arbeit von Dezember 2022 bis Februar 2023 die Nettolöhne der Beschäftigten gezahlt.
Bürgermeister Marberg: sich der Aufgabe stellen
Bad Brückenaus Bürgermeister Jan Marberg (SPD) weiß seit Anfang Dezember vom Ansinnen der Regierung von Unterfranken, im alten Seniorenheim eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge einzurichten. Die Stadt könne nichts daran ändern; das Objekt sei auf dem freien Immobilienmarkt gewesen.
Laut Marberg hilft es nicht, die Augen vor dieser Entwicklung zu verschließen. "Die Migration wird zunehmen, auch aus anderen Staaten Europas. Wir müssen uns dem stellen, können es nicht verhindern."
Im Sinne einer erfolgreichen Integration müsse man die Aufgabe annehmen und den Menschen vor Ort ihre Sorgen, Bedenken und Vorbehalte nehmen. Dafür gelte es, bei der Regierung einzufordern, dass die nötige Ausstattung und genügend Personal in der neuen Gemeinschaftsunterkunft vorhanden ist.
Mangel an Sprachkursen
Auch für ausreichend Sprachkurse müsse gesorgt werden. Wobei das Marberg zufolge schwierig werde, da der Markt auf diesem Sektor leergefegt sei.
Zuletzt waren im Altlandkreis Brückenau in Wildflecken und Geroda Gemeinschaftsunterkünfte unter dem Dach der Regierung von Unterfranken entstanden. Die Bewohner dort verhalten sich augenscheinlich unauffällig.













