Wehmütig ist Ralph Knüttel nicht. Der 47-Jährige sieht die Sache pragmatisch, freut sich eher auf das, was kommt. Dabei endet am 31. Januar eine Ära. Für ihn. Für Bad Brückenau. Nach 75 Jahren Geschäftstätigkeit schließt in der Sinnaustraße der Elektro-Laden, der als erster in Brückenau Fernseher verkaufte und den alle nur "den Knüttel" nannten.
Drei Jahrzehnte hat Ralph Knüttel dort gearbeitet. Wie sein Cousin Mathias stieg er 1994 ins Geschäft seines Vaters Hermann ein, lernte Einzelhandelskaufmann. Einen anderen "Arbeitgeber" hatten beide nie, abgesehen vom Staat als Bundeswehrler (Ralph) und Zivildienstleistender (Mathias).
Kriege und Krisen setzen Knüttel-Geschäft zu
Als die beiden im April 2011 die Geschäftsführung der aus Laden und Elektroinstallations-Abteilung bestehenden Firma übernahmen, war die Welt noch in Ordnung. Sie schien es auch 2019, obwohl der zunehmende Handel im Internet einige Prozente kostete. Dann kamen Corona, Ukraine-Krieg, Energiekrise. Und zuletzt die Energiewende-Pläne der Bundesregierung.
Während der Corona-Zeit musste der Knüttel-Laden ein halbes Jahr geschlossen bleiben, während Discounter wie Lidl und Aldi, die auch Elektrogeräte verkaufen, offen bleiben durften. Kaum waren die Lockdowns überwunden, sahen sich die Knüttels anhaltenden Lieferschwierigkeiten ausgesetzt. Ein Dilemma, das Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine noch befeuerte. "Gefühlt jeder Kabelbaum kam ja aus der Ukraine", erinnert sich Ralph Knüttel.
Kunden kauften lieber Ölheizungen als Fernseher und Waschmaschinen
Der Krieg löste nicht nur eine Knappheit an fossilen Energieträgern aus, sondern auch nie gekannte Preissteigerungen. Die Kunden übten sich in Kaufzurückhaltung. Als vergangenes Jahr die Pläne der Ampel mit der Wärmepumpe als zentrales Element der Energiewende durchsickerten, verstärkte sich dieser Trend noch. "Die Leute haben ihr Geld umgelagert", stellt Knüttel fest. "Viele haben sich noch schnell eine neue Gasheizung gekauft, aber eben nicht Fernseher oder Waschmaschine."
Dem insgesamt gesunkenen Umsatz stehen gestiegene Beschaffungs-, Strom- und Gaskosten gegenüber. Die über 400 Quadratmeter Verkaufsfläche in der Sinnaustraße wollen beheizt und unterhalten werden.
Stadtwerke Bad Brückenau interessieren sich für Gebäudeteil
Zuletzt sahen sich die beiden Knüttelschen Geschäftszweige komplett gegensätzlichen Entwicklungen gegenüber. Während das Ladengeschäft kriselte, brummt Mathias Knüttels Abteilung für Elektro-Installation. Sie wird auf jeden Fall fortgeführt.
Dass das Ladengeschäft jetzt schließt, hat mit einem Gespräch mit Stadtwerke-Geschäftsführer Torsten Zwingmann zu tun. Dieser bot an, diesen Gebäudeteil zu übernehmen. Die Stadtwerke benötigen ihm zufolge seit Längerem mehr Platz für ihre Fahrzeuge und die Materialien. Letztere sind auf verschiedene Lager verteilt. Der Standort vis-a-vis der Zentrale wäre optimal, all das zusammenzufassen. Laut Zwingmann ist man sich mit den Knüttels prinzipiell einig. Bis Ende Februar soll der Kauf notariell festgezurrt sein, sodass die Stadtwerke zum 1. März übernehmen können.
Elektro-Installation bleibt vor Ort
Während also ein Teil des Gebäudes, das die Knüttel-Brüder Peter und Hermann selbst um die Jahrtausendwende errichten ließen, veräußert wird, bleibt der "Mittelteil" zwischen Stadtwerken/Zulassungsstelle und bisherigem Ladengeschäft im Familienbesitz. Mathias Knüttel wird dort mit den vier Installateuren und einer Bürokraft seines Elektro-Handwerksbetriebs bleiben, ebenso die Mieter Autoschilder Kürzinger, ITK & more und die YOU! Personal Fitness Lounge von Tina Zeller. Die drei Angestellten des Ladens sind bei anderen Unternehmen untergekommen, versichern die beiden Cousins.
Gutscheine können noch bis 31. Januar im Geschäft eingelöst werden. Auf Kundenwunsch werden weiter Elektrogeräte bestellt. Geplant ist eine neue Website, wo Kunden bequem sehen können, was zur Abholung bereit ist. Allerdings fällt der Service für gekaufte Geräte weg.
Der Name Knüttel bleibt also der Bad Brückenauer Geschäftswelt erhalten. Aber was wird aus Ralph Knüttel? Er wechselt komplett die Branche. Wohin genau, will er noch nicht sagen.
Ein Dreiviertel-Jahrhundert Geschichte
Den Grundstein für das heutige Traditions-Unternehmen legte Theodor Knüttel am 1. März 1948 mit einer kleinen Reparaturwerkstatt in der Brückenauer Heimgartenstraße. Am 21. Mai des folgenden Jahres eröffnete er sein Ladengeschäft in der Judengasse. Dort verkaufte Knüttel Radiogeräte, Musikinstrumente und Schallplatten. Im Frühjahr 1951 erweiterte er sein Angebot um Fernseher. Es waren nach eigenen Angaben die ersten, die in der Stadt verkauft wurden.
Auch baute Knüttel das Angebot an Haushaltselektrogeräten nach und nach aus, stellte aber den Handel mit Musikinstrumenten ein. Im Herbst 58 bezog der Geschäftsmann neue Räume in der Ludwigstraße. Sieben Jahre später wurden Verkaufsfläche und Werkstatt erweitert. 1974 übernahmen die Söhne Peter und Hermann Knüttel die Firma. Seit 1986 boten sie auch Elektro-Installation als Dienstleistung an. Die Verkaufsfläche wurde erweitert, indem man Räume im Nachbarhaus anmietete. Am 1. März 2000 zog man in die Sinnaustraße, wo noch mehr Verkaufsfläche zur Verfügung stand.
Mit Ralph und Mathias Knüttel übernahm 2011 die dritte Generation in der Geschäftsführung. Laut Ersterem dreht sich der Hauptteil des Geschäfts zuletzt um Großgeräte wie Herde, Waschmaschinen und Kühlschränke. Produktgruppen wie Konsolen oder CDs verschwanden aus dem Sortiment.
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