Gabi Hamelmann geht. Zum Jahresende schließt die Friseurin ihren Salon in Bad Brückenau. Aus der Welt ist die 55-Jährige damit aber nicht. In Wildflecken wagt sie einen Neuanfang. Corona spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Mitte 1992 eigenen Salon eröffnet
Seit mehr als 31 Jahren residiert der „Friseur Hamelmann“ in der Sinnau 18, zunächst im heute blau gestrichenen Haus an der Kreuzung zu Unterhainstraße und Altem Schlachthofweg, seit 5. Januar 2015 im Zwischenbau, zur früheren Schlosserei Kuhn hin.
Als Gabriele Hamelmann Mitte 1992 an dieser Adresse anfing, da sah das Umfeld noch ganz anders aus. Die publikumsträchtigen Stadtwerke und die Verwaltungsgemeinschaft am Sinnauplatz gab es noch nicht, geschweige denn das Sinnaucenter. Die Ludwigstraße war noch eine Einkaufsmeile, die Umgehungsstraße gerade erst am Entstehen.
Umzug in etwas abgelegene Lage
Insofern galt die Adresse, in die die Jung-Friseurin Mitte 1992 zog, als etwas abgelegen. Am Sinnauplatz stand noch das alte Feuerwehrhaus.
Hamelmann, die zuvor eineinhalb Jahre einen mobilen Service betrieben hatte, etablierte sich. Ihr Salon erstreckte sich über zwei Stockwerke – sieben Plätze unten, zehn weitere im Obergeschoss.
Das barg Nachteile. Kunden mussten oft Treppen steigen; von Barrierefreiheit war keine Rede. Deswegen ergriff die Bad Brückenauerin die Chance, als Mitte der 2010er-Jahre der benachbarte ebenerdige Flachbau frei wurde.
Salon in Sinnau sollte für immer sein
Am 5. Januar 2015 eröffnete Hamelmann dort nach einer größeren Investition neu. „Es sollte für immer sein“, erinnert sie sich heute.
Vergrößert hatte sich die Unternehmerin nicht unbedingt. In den barrierefreien Räumen bot sie 18 Plätze; acht Mitarbeiterinnen (inklusive Hamelmann) kümmerten sich um die Charakterköpfe der Kunden.
In jener Zeit brummte das Geschäft, auch weil sich der Geschäftsmittelpunkt Bad Brückenaus mehr und mehr in Richtung Sinnau verlagerte; viele Besucher waren Laufkunden. Dann kam Corona.
Personal hat sich umorientiert
Es war eine Zeit, in der sich viele Angestellte umorientierten, nicht nur in der Gastronomie, sondern auch in anderen Branchen wie dem Friseurhandwerk. Als körpernahe Dienstleistung war dieses besonders stark von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen betroffen.
Deswegen und wegen Familiengründung schrumpfte Hamelmanns Belegschaft auf weniger als die Hälfte. Und das trotz übertariflicher Zahlungen.
Die drei verbliebenen Mitarbeiterinnen schaffen auch nicht voll, sondern nur 32 beziehungsweise 16 Stunden. Die Vier-Tage-Woche – für Gabi Hamelmann bedeutet sie keinen Segen.
Zu großer Laden, zu wenig Mitarbeiterinnen für die Kunden
Der Personalmangel ist der Hauptgrund, warum die 55-Jährige in Bad Brückenau aufhört. „Ohne Menschen, die hier arbeiten, kann ich das Geschäft nicht beleben.“ Wenn jemand sich überhaupt für einen Friseurjob interessiere, dann auch höchstens in Teilzeit.
Der personelle Notstand zieht andere Schieflagen nach sich. Plötzlich sind die 248 Quadratmeter Ladenfläche viel zu groß – zumal die Heizkosten nach Beginn des Ukraine-Krieges ja auch stark gestiegen sind. „Wir müssten alle 18 Plätze belegen, um unsere Kosten zu decken“, so die Geschäftsfrau. Eine 50-prozentige Belegung bedeute aber nun mal nur den halben Umsatz.
Letzter Öffnungstag am 23. Dezember
An ausbleibender Kundschaft – das betont Hamelmann – liege es aber nicht. „Wenn man die Laufkundschaft permanent wegschicken muss, blutet einem das Herz, weil man weiß: Man könnte Umsatz machen.“ Selbst kann sie wegen eines Unfalls mit dem Arm im vergangenen Jahr Lücken nicht mehr wie früher ausgleichen.
Am Samstag, 23. Dezember, wird Gabi Hamelmann ihren Friseursalon das letzte Mal für Kundschaft geöffnet haben. Zwischen Weihnachten und Silvester wird abgebaut und ausgeräumt.
Mitinhaberin in Agnes Haarstudio in Wildflecken
Ab Januar beginnt für Hamelmann eine neue Herausforderung. Dann fängt sie als Mitinhaberin in „Agnes Haarstudio“ in Wildflecken neu an. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Agnes Kleinheinz empfängt sie an einem Herren- und vier Damenplätzen vorwiegend Stammkunden. Eine Verkleinerung, die Hamelmann „nach den letzten Jahren des gefühlten Kampfes“ sehr schätzt. Zudem muss sie keine Verantwortung für Mitarbeiter mehr tragen.
Apropos Mitarbeiterinnen: Ins neue geschäftliche Abenteuer geht Hamelmann mit der Gewissheit, dass diese versorgt sind. Alle drei wechseln zum „Friseur Kehm“ in der Unterhainstraße. Früher war das Konkurrenz, ist jetzt dank des Fachkräftemangels willkommener Kooperationspartner.
Nicht gescheitert, aber Opfer der Umstände
Sieht Gabi Hamelmann sich als gescheitert an? „Nein“, sagt sie ganz klar. Die genannten Umstände, aber auch die Orientierung in der Gesellschaft zur Work-Life-Balance sprächen für sich. Auch die Politik tue nichts dafür, dass etwas anders werde.
Was ab 2024 in ihre Räume in der Sinnau kommt, weiß die Brückenauerin nicht. Interessenten soll es geben.
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