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Standort vor Wendepunkt
ZF in Schweinfurt: So blickt der Betriebsrat auf die Lage
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Glaubt an die Fähigkeiten seiner Belegschaft: der ZF Betriebsratsvorsitzende am Standort Schweinfurt, Oliver Moll. Das Bild zeigt Moll auf einer Kundgebung der IG Metall im vergangenen Jahr am Werk Nord. // René Ruprecht
Signet des Fränkischen Tags von Marcel Dinkel
Schweinfurt
Schweinfurt – Schweinfurts Betriebsratsvorsitzender Oliver Moll sieht den Standort vor einem Wendepunkt. Die Folgen könnten weitreichend sein. Aber es gibt auch Hoffnung.

Vieles steht auf dem Spiel. Bei Deutschlands zweitgrößtem Automobilzulieferer ZF stehen weitreichende Entscheidungen an – mit unklaren Folgen für den Elektromobilitätsstandort Schweinfurt. Was droht? Schweinfurts Betriebsratsvorsitzender Oliver Moll spricht im Interview über die aktuellen Entwicklungen, Fehler der Vergangenheit und eine Belegschaft, die an sich und ihren Standort glaubt.

Frage: Vor zwei Jahren haben Sie und die IG Metall damit begonnen, Alarm zu schlagen. Wie ist die Lage?

OLIVER MOLL: Vor zirka sechs Wochen hat uns der Vorstand über seine Pläne informiert. Das Problem ist, dass in keinem davon eine Perspektive für Beschäftigung enthalten ist. Unter diesen Umständen konnten wir die Absenkung der Arbeitszeit nicht weiter verlängern – auch wenn ich dieses Instrument nach wie vor für sinnvoll halte.

Wozu diente diese Vereinbarung?

Mit der Absenkung wollten wir uns Zeit erkaufen, ein Zielbild für den Standort zu entwickeln und die damals akut 650 bedrohten Menschen vor betriebsbedingten Kündigungen bewahren. Zusammen mit Altersteilzeit- und Aufhebungsverträgen ist das gelungen.

Aber die Welt hat sich weitergedreht.

Leider sind die Nöte der ZF nicht geringer, sondern größer geworden. Jetzt gibt es Anzeichen, dass weit mehr als die bisher kommunizierten 650 Stellen abgebaut werden könnten – und das, obwohl der Konzern nicht von Personalkosten erdrückt wird.

Sondern?

2016 führten wir als Erste die Elektromobilität ein und bauten sie zur Division aus. Doch wir setzten uns Ziele, die technologisch und industriepolitisch nicht erreichbar waren. Mit einem unausgereiften Produkt und ungesicherten Prozessen wagten wir den Schritt ins Ausland. Das führte nicht nur zu Qualitätsproblemen, sondern auch zu hohen Investitions- und Unterhaltskosten.

ZF-Vorstand zur Zukunft des Standorts Schweinfurt: "Ein möglicher Partner soll unser Herz gewinnen und es nicht herausreißen"

In Schweinfurt arbeitet die Belegschaft gerade an einem Zielbild für den Standort. Wie weit sind sie damit?

Wir wollten längst fertig sein, doch der Prozess erwies sich als langwieriger. Das war nötig, um Stärken und Schwächen aufzudecken. Gleichzeitig entstanden Ideen, die dem Unternehmen finanziell und personell zugutekommen könnten. Spannend bleibt, ob ZF das finanzieren kann.

Intern kursieren seit Monaten verschiedene Szenarien. Was sehen diese vor?

Der Vorstand Mathias Miedreich war zuletzt Gast auf unserer Betriebsversammlung. Er hat dort vier mögliche Szenarien vorgestellt – allerdings ohne Zahlen zu nennen. Der Vorstand prüft neben einer Exit-Strategie, bei der alle Aufträge auslaufen und der Betrieb anschließend endet, auch die Chancen, mit Elektromobilität weiterhin Geld zu verdienen.

Gibt es diese Chance noch?

Vermutlich werden Verbrenner und Hybride länger im Einsatz bleiben als gedacht, aber die Elektromobilität wird kommen. Offen ist, ob ZF den Zeitraum angesichts der negativen Margen überlebt. Wenn wir es schaffen, unsere Kosten an dieser Stelle zu senken, können wir Teile der Elektromobilität quersubventionieren.

Welche weiteren Szenarien sind denkbar?

Ein weiteres Szenario seitens des Vorstands ist es, einen Partner zu suchen. Dazu bräuchte es jedoch eine Abspaltung oder Teilabspaltung in eine rechtlich selbstständige Einheit, die in Teilen oder in Summe verkauft wird.

Was kritisieren Sie daran?

Hier am Standort Schweinfurt sind drei Divisionen vertreten. Die Gebäude können sie aber schlecht zerteilen. Das nächste Problem ist, dass sie bei rechtlichen Einheiten, doppelte Strukturen aufbauen. Sie benötigen eine eigene Verwaltungseinheit, Instandhalter und Gebäudemanagement. Das heißt, die Fixkosten verdoppeln sich womöglich. Auch die Zugänge müssten neu geregelt werden. Ein Albtraum für jeden, der sich mit Unternehmenssicherheit beschäftigt.

Ein Name, der immer wieder die Runde als möglicher Partner macht, ist der Tech-Gigant Foxconn.

Das kann ich weder bestätigen noch dementieren. Richtig ist, dass Foxconn über die monetären Mittel verfügt, die es bräuchte. Die Frage ist aber, was so ein Konzern von uns wollen würde und ob wir das auch wollten. Foxconn hat als Arbeitgeber weltweit leider keinen guten Ruf, was Arbeitsbedingungen, Vertragseinhaltungen und Zuverlässigkeit betrifft.

Oliver Moll ist seit 1984 beim Autozulieferer ZF tätig. Seit 2013 leitet er den Betriebsrat in Schweinfurt und vertritt außerdem die Arbeitnehmer im ZF-Aufsichtsrat.
Oliver Moll ist seit 1984 beim Autozulieferer ZF tätig. Seit 2013 leitet er den Betriebsrat in Schweinfurt und vertritt außerdem die Arbeitnehmer im ZF-Aufsichtsrat. // Josef Lamber

Welche Einsparmöglichkeiten bleiben ZF aus ihrer Sicht?

Wir als Arbeitnehmervertretung hatten schon vor Jahren auf überbordende Strukturen hingewiesen. Unsere Entscheidungswege sind zum Teil länger als der Gang von Schweinfurt bis Canossa. Hätte man rechtzeitig begonnen, diese Strukturen umzubauen, befänden wir uns in einer anderen Ausgangslage.

Gibt es bereits Ergebnisse seitens der Unternehmensberater von McKinsey, die ZF derzeit durchleuchten?

Nicht im Detail. Ich denke aber, dass 70 Prozent der Beobachtungen, die McKinsey gemacht hat, sowohl von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Ideenmanagement als auch von Führungskräften vorgestellt wurden. Früher hat bei uns ein normaler Meister eine Entscheidungsvollmacht bis zu einer gewissen Wertgrenze haben. Heute geht das durch 20 Hände.

Das hört sich nach einem Vertrauensproblem an?

Ja. Ich kann aber versichern, dass keiner unserer Meister und Einkäufer in der Vergangenheit Ersatzteile für eine Maschine bestellt hätte, wenn es nicht notwendig gewesen wäre. Die entscheidenden Fehler liegen aus meiner Sicht woanders.

Und wo?

Seit 2011 hat man Einheiten voneinander getrennt und individuelle Ziele gesetzt. Ein Einkäufer hat dann zwar zum Beispiel sein Budget eingehalten, dafür aber nicht das optimale Ersatzteil bestellt. Eine Matrixorganisation und die unterschiedlichen Ziele der Abteilungen führen dazu, dass niemand mehr garantiert zum Wohl des Unternehmens arbeitet.

Hat sich der Ton bei ZF verschärft?

Man merkt, dass bestimmte Menschen angespannter sind. Wir als Arbeitnehmervertreter stehen dabei unter Generalverdacht. Ich habe mal gelernt, dass der Kluge nicht nach den Schuldigen, sondern nach Lösungen sucht. Allerdings kann ich auch den Vorstand verstehen, der sich über den ein oder anderen Medienbericht wundert – auch, weil manches davon mehr schadet als hilft.

Am 29. Juli trifft sich der Aufsichtsrat in Friedrichshafen. Sie sind ebenfalls Mitglied. Wie wird das Gremium entscheiden?

Als Aufsichtsratsmitglied darf und werde ich nicht über alles sprechen. Es ist aber kein Geheimnis, dass wir nächste Woche eine neue strategische Planung verabschieden wollen, die zeigt, welche Aktivitäten man weiter entfalten, entwickeln oder fortführen will. Begleitend zur Aufsichtsratssitzung wird am Dienstag in Schweinfurt vor dem Werk Süd eine Infoveranstaltung des Betriebsrats und der IG Metall stattfinden.

Ist die Situation denn wirklich so aussichtslos?

Leider kann ich im Moment keine der Sorgen zerstreuen. Aber ich bin ein optimistischer Mensch. Dieser Standort existiert seit 130 Jahren, hat zwei Weltkriege überlebt, und sich immer wieder neu erfunden. Wir werden auch diese Krise überleben. Vielleicht nicht in der Größe wie heute, dafür mit einer Perspektive. Diese Menschen da draußen haben Ideen, sind kreativ und können die Hinterbacken zusammenkneifen. Das unterscheidet uns von vielen anderen.

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