Die Bundesregierung plant Änderungen bei der Rente. Jetzt soll eine neue Kommission, in die auch der Würzburger Volkswirt Prof. Peter Bofinger berufen wurde, Vorschläge erarbeiten, um das System langfristig bezahlbar zu halten. Auch ein höheres Renteneintrittsalter wird diskutiert.
Die geplanten Änderungen betreffen Beschäftigte in körperlich anstrengenden Berufen und junge Menschen, die gerade ins Berufsleben starten. Experten befürchten Konflikte zwischen den Generationen.
Der Ökonom Patrick Sturm hat an der Universität Würzburg über Reaktionen auf vergangene Rentenreformen promoviert. Im Interview erklärt der 33-jährige Wirtschaftswissenschaftler, wer von Reformen besonders betroffen ist – und wie sich junge Menschen heute wappnen können.
Wenn Sie 10 Sekunden mit Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hätten: Welchen Satz aus Ihrer Forschung muss die SPD-Ministerin hören?
Patrick Sturm: Rentenreformen sind nie nur Rentenpolitik – sie wirken sich auch auf den Arbeitsmarkt aus und können unbeabsichtigte Folgewirkungen mit sich bringen, die politisch Verantwortliche berücksichtigen müssen.
Treffen Rentenreformen alle gleich?
Sturm: Rentenreformen treffen nicht alle gleich. Wer im Büro sitzt, kann seine Arbeit oft leichter ein paar Jahre weitermachen. Wer im Pflegeheim schuftet, auf dem Bau arbeitet oder psychisch belastenden Tätigkeiten nachgeht, stößt viel schneller an Grenzen. Gerade diese Menschen brauchen Alternativen wie existenzsichernde, echte Teilzeit im Alter. Sonst reden wir zwar über längeres Arbeiten, aber vorbei an der Realität vieler Beschäftigter.
Was sind die Kernpunkte Ihrer Forschung?
Sturm: Ich habe mir die Rentenreform von 1999 genauer angeschaut. Vorher konnten Frauen häufig schon mit 60 in Rente gehen – danach war für viele Schluss damit. Die Reform wirkte nicht nur auf diese Frauen selbst. Weil sie länger arbeiten mussten, blieben oft auch ihre Ehemänner länger im Job. Das zieht Kreise: in den Familien, den Betrieben, bei Kolleginnen, Kollegen, Jüngeren. Eine Rentenreform verändert viel mehr als nur das Renteneintrittsalter – sie greift direkt in das Leben und Arbeiten ganzer Familien und Belegschaften ein.
Wie würde sich eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf die Jobchancen jüngerer Menschen auswirken?
Sturm: Ob Ältere den Jüngeren wirklich die Jobs wegnehmen, hängt stark von der wirtschaftlichen Lage ab. Läuft die Wirtschaft gut und der Arbeitsmarkt ist flexibel, können alle profitieren. In Krisen sieht das anders aus: Nach der Finanzkrise 2008 etwa ist laut Eurostat in Ländern wie Italien und Spanien die Jugendarbeitslosenquote auf bis zu 35 Prozent geklettert – und gleichzeitig wurde das Rentenalter angehoben.
Dort blieben mehr Ältere länger im Job, viele Jüngere fanden keinen Einstieg. Man kann also nicht pauschal sagen: ‚Rente mit 70 verstopft den Arbeitsmarkt‘. Aber in wirtschaftlich schwachen Phasen kann genau dieser Effekt auftreten.
Wie groß ist die Gefahr eines Generationenkonflikts Alt gegen Jung?
Sturm: Eine gute wirtschaftliche Lage führt nicht zwangsläufig dazu, dass längeres Arbeiten die Jobchancen oder Aufstiegsmöglichkeiten für Jüngere verringert. Unternehmen passen ihre Strukturen an, schaffen neue Stellen, verteilen Aufgaben neu. Der Generationenkonflikt zeigt sich derzeit eher bei Themen wie Rentenhöhe, Eintrittsalter und der Finanzierung der Rentenversicherung, weniger bei der Konkurrenz um einzelne Stellen. Bei einer schwachen Konjunktur würden solche Spannungen zunehmen.
Was müsste man tun, damit unsere Rente zukunftsfähig bleibt?
Sturm: Die Politik muss an mehreren Hebeln ansetzen: beim Renteneintrittsalter, Rentenniveau oder der Finanzierungsbasis, etwa durch die Einbeziehung weiterer Gruppen wie Selbstständige oder Beamte. Zusätzlich könnten flexiblere Arbeitsmodelle die Attraktivität von Arbeit im Alter steigern.
Derzeit arbeiten viele Menschen bis zur Rente in Vollzeit und hören dann abrupt auf. Für bestimmte Berufe wären Modelle sinnvoller, bei denen ältere Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit schrittweise reduzieren – zum Beispiel erst auf 80, dann auf 60 und schließlich auf 40 Prozent. So bleibt ihre Erfahrung im Betrieb erhalten, während die Belastung allmählich abnimmt.
Was empfehlen Sie jungen Menschen, die gerade ins Berufsleben starten?
Sturm: Wer heute ins Berufsleben startet, sollte anpassungsfähig sein. Das heißt: sich regelmäßig weiterbilden, neue Fähigkeiten dazulernen und beruflich beweglich bleiben. Bei der Altersvorsorge würde ich nie nur auf eine Karte setzen: Am besten auf drei Säulen bauen – gesetzliche Rente, betriebliche Rente und private Vorsorge. Die Rente soll später den Lebensstandard sichern, bezahlbar bleiben und verlässlich sein.











