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Im Landkreis Coburg
Trickbetrüger bringen 84-Jährige um 45.000 Euro
Mit dem Enkeltrick versuchen Betrüger, gezielt ältere Menschen in Telefongesprächen unter Druck zusetzen. Senioren können sich mit einfachen Tipps dagegen wehren.
Trickbetrüger schlagen im Landkreis Coburg zu und erbeuten 45.000 Euro. Die betroffene Familie erzählt von den erschütternden Ereignissen. // Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Coburg – Trickbetrüger schlagen im Landkreis Coburg zu und erbeuten 45.000 Euro. Die betroffene Familie erzählt von den erschütternden Ereignissen.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren würde. Aber das hat einfach seinen Lauf genommen“, sagt Irmgard Müller (*Name von der Redaktion geändert). Die 84-Jährige aus dem Landkreis Coburg wurde im September Opfer von Trickbetrügern. 45.000 Euro haben die Täter dabei erbeutet. Jetzt möchte ihre Enkelin auf die Masche aufmerksam machen, um andere zu warnen.

Es war der 5. September, um etwa 18.30 Uhr, als bei Irmgard Müller und ihrem Mann das Telefon klingelte. Eigentlich geht die 84-Jährige bei unbekannten Nummern gar nicht ans Telefon, doch an dem Abend ist sie ran. Am anderen Ende: ein Mann, der sich als Gerichtsvollzieher ausgibt. „Er hat ihr gesagt, dass meine Mutter und ich in einen Autounfall mit einer Radfahrerin verwickelt waren und meine Mutter in U-Haft sitzt. Der Anrufer hat 65.000 Euro für eine Kaution gefordert“, sagt die 27-jährige Enkelin, Sophia Schmidt (*Name von der Redaktion geändert), die unserer Redaktion von der Geschichte erzählt. Die Familie möchte anonym bleiben, weil der Vorfall besonders der 84-Jährigen sehr unangenehm ist. Die Scham, auf so einen Trick hereingefallen zu sein, ist häufig groß, dabei trifft die Opfer keine Schuld.

Organisiertes Verbrechen

Hinter den Betrugsmaschen stecken zumeist organisierte Banden, die gezielt im Telefonbuch nach älter klingenden Vornamen suchen, weil sie auf Rentner hoffen, bei denen sie ein leichtes Spiel erwarten. Oder auch nach kurzen Telefonnummern, denn die geben einen Hinweis darauf, dass der Anschluss schon länger besteht. Am Telefon werden dann die Opfer gezielt unter Druck gesetzt, meist durch mehrere Anrufe oder längere Gespräche. So auch im Fall aus dem Coburger Landkreis.

Über zwei Stunden terrorisierte der Anrufer die Seniorin. Kitzelt geschickt persönliche Informationen aus Irmgard Müller und dramatisierte die Erzählungen immer weiter. „Zwischendurch hat sie auch gefragt, wie sie sich denn sicher sein kann, mit wem sie da redet. Doch dann wurde der Anrufer böse und hat weiter Druck aufgebaut“, sagt Sophia Schmidt. Dass das möglich war, hängt sicher auch mit der aktuell schwierigen familiären Lage zusammen, die erst kürzlich einen plötzlichen Trauerfall hatte. „Da war Oma natürlich sensibilisiert“, sagt Schmidt.

45.000 Euro übergeben

Der Täter schaffte es, die 84-Jährige so zu verunsichern, dass sie alles Geld, was im Haus war, zusammenpackte und sich auf Anweisung gegen 21 Uhr vor die Haustür stellte. Während der Geldübergabe hielt der Ehemann der 84-Jährigen am Telefon Stellung. In Kapuzenpullover und kurzer Hose sei dann ein Komplize vorbeigekommen. „Er hat kein Wort mit ihr gewechselt, nur das Geld an sich genommen“, sagt Sophia Schmidt. Insgesamt 45.000 Euro sind weg. 

Doch warum hatte das Ehepaar überhaupt so viel Bargeld zu Hause? „Wir wussten das nicht. Aber Oma hatte das für ihre Beerdigung zur Seite gelegt. Sie möchte gerne eine Seebestattung und hatte auch für Familienmitglieder Geld zur Seite gelegt, um ihnen im Fall der Fälle die Reise und Unterbringung dorthin zu ermöglichen. Sie wollte das geregelt haben und misstraut Banken“, sagt Sophia Schmidt. Ein gefundenes Fressen für die Betrüger. 

„Opa wurde kreidebleich“

Sie würden bald Nachricht von ihrer Tochter erhalten, habe der Anrufer nach der Übergabe gesagt. Das Paar wartete. Als gegen 23 Uhr noch kein Anruf der Tochter eingegangen ist, machte sich der 81-Jährige auf dem Weg zum Haus der Tochter. „Mein Stiefvater war noch wach. Opa hat ihn dann gefragt, wie es meiner Mutter nach dem Unfall denn geht. Als mein Stiefvater gesagt, hat, dass sie nichts passiert ist und sie im Bett liegt und schläft, wurde mein Opa kreideweiß“, sagt Sophia Schmidt.

Im anschließenden Telefonat mit der 84-jährigen Oma sei es schwer gewesen, ihr verständlich zu machen, dass es den Unfall nie gegeben hat. „Sie haben so Gehirnwäsche bei ihr betrieben“, sagt Sophia Schmidt. Am nächsten Tag ist die Familie zur Polizei, doch die habe ihnen wenig Hoffnung gemacht. Eine der wenigen Optionen sei ein DNA-Abgleich, denn der Mann bei der Geldübergabe mit einem Stift eine Art Formular unterschrieben. „Wir hoffen, dass die DNA in der Datenbank ist“, sagt Sophia Schmidt. 

Luftaufnahme der Coburger Veste

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Der ganze Vorfall habe ihre Großeltern, insbesondere ihre Oma stark mitgenommen, sagt die 27-Jährige. „Sie ist sehr vorsichtig geworden“, erläutert Sophia Schmidt. „Ich möchte das ganze eigentlich nur vergessen“, erzählt Irmgard Müller. Trotzdem ist es der Familie ein Anliegen, dass vor der Masche gewarnt wird. „Wir dachten auch immer, dass uns so etwas nicht passiert und hoffen, dass wir andere warnen können“, sagt Sofia Schmidt, die zur Unterstützung der Großeltern nun ein Spendenkonto eingerichtet hat.

Tipps bei Schockanrufen

Die bayerische Polizei hat einige Tipps, wie man sich bei Telefonbetrügern verhalten sollte:

  • Denken Sie daran, die Polizei oder der Rettungsdienst rufen Sie niemals unter den Notrufnummern 110, 112 oder unter 19222 an! Das machen nur Betrüger. Wenn Sie unsicher sind, wählen Sie selbst die Notrufnummern. Aber nutzen Sie dafür nicht die Rückruftaste.
  • Legen Sie am besten auf, wenn Sie sich im Verlauf dieses Telefonats unwohl oder unter Druck gesetzt fühlen.
  • Wenn ein Anrufer Geld oder andere Wertsachen von Ihnen fordert: Besprechen Sie dies mit Familienangehörigen oder anderen, Ihnen nahe stehenden Personen. Die Polizei fordert niemals Geld von Ihnen.
  • Sprechen Sie am Telefon nie über Ihre persönlichen und finanziellen Verhältnisse.
  • Übergeben Sie niemals Geld an unbekannte Personen!
  • Bedenken Sie: Niemals ist die Behandlung eines Unfallopfers von einer vorherigen Zahlung eines Geldbetrages abhängig.
  • Seien Sie misstrauisch, wenn sich Anrufer am Telefon nicht selbst mit ihrem Namen melden. Raten Sie nie, wer anruft, sondern fordern Sie den Anrufer grundsätzlich dazu auf, den Namen selbst zu nennen.
  • Lassen Sie sich nicht drängen und unter Druck setzen. Nehmen Sie sich Zeit, um die Angaben des Anrufers zu überprüfen. Rufen Sie die jeweilige Person unter der alten, Ihnen bekannten Nummer zurück und lassen Sie sich den Sachverhalt bestätigen.
  • Bewahren Sie Ihre Wertsachen, zum Beispiel höhere Geldbeträge und andere Wertgegenstände nicht zu Hause auf, sondern auf der Bank oder im Bankschließfach.
  • Sind Sie bereits Opfer eines Enkeltricks geworden, zeigen Sie die Tat unbedingt bei der Polizei an. Dies kann der Polizei helfen, Zusammenhänge zu erkennen, andere Personen entsprechend zu sensibilisieren und die Täter zu überführen. Melden Sie auch Versuche bei der Polizei. Dies dient dazu, neue Betrugsmaschen zu erkennen und das Dunkelfeld aufzuhellen.

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