Neustadter Chronik
Ohne Firma gäbe es keinen Verein
Die ehemaligen Siemenswerke in Neustadt bei Coburg vermutlich in den 60er Jahren
Die ehemaligen Siemenswerke in Neustadt bei Coburg vermutlich in den 60er Jahren
Foto: Repro: Alexandra Kemnitzer
Die Fußballmannchaft der ehemaligen Siemens-Lehrlinge
Die Fußballmannchaft der ehemaligen Siemens-Lehrlinge
Foto: Repro: Alexandra Kemnitzer
F-Signet von Alexandra Kemnitzer Fränkischer Tag
Neustadt bei Coburg – Bevor Siemens 1998 verkauft wurde, hatte der Zusammenschluss der ehemaligen Lehrlinge seinen höchsten Mitgliederstand erreicht.

Jahrzehntelang war der Firmennamen Siemens eng mit Neustadt verbunden. Im Werk für Starkstrom- und Nachrichtenkabel sowie Starkstrom- und Nachrichtenleitungen waren teilweise ganze Familien tätig. Manche zogen sogar extra für ihren Arbeitsplatz nach Neustadt. Immerhin zählte das Unternehmen lange Zeit zu den größten Arbeitgebern der Stadt und beschäftigte bis zu 3600 Mitarbeitende.

Auch wenn sich Siemens schon längst aus der großen Kreisstadt verabschiedet hat und die Bilder des Neustadter Werkes mehr und mehr verblassen, sind die ehemaligen Lehrlinge immer noch in einem Verein organisiert. Dieser wurde vor 64 Jahren als Verein der ehemaligen Siemens-Schuckert-Lehrlinge (VESSL) aus der Taufe gehoben. Erst 1966 gingen die Siemens-Schuckert-Werke (SSW) in die Siemens AG auf.

Die Idee hatten andere

Die Initiative der Gründung geht auf Erich Spicher, Bernhard Schäfer und Walter Skerka zurück. Alle genossen eine gründliche Berufsausbildung in ihrer ehemaligen Heimatstadt Berlin und wurden in die hiesige Region beordert, um das Werk in Neustadt mit aufzubauen. Bei einem Kameradschaftsabend kamen die drei „Berliner Ehemaligen“ auf die Idee, nach dem Vorbild anderer Werksstandorte auch die ehemaligen Lehrlinge aus dem Neustadter Werk in eine Gemeinschaft zusammenzuführen. So gründete sich in der Kantine des Kabelwerks am 25. April 1958 der VESSL. Schnell machte unter den „Siemenslern“ die Nachricht vom neu gegründeten Verein die Runde, so dass sich 47 „Ehemalige“ sofort bei der Gründung einschrieben, die ein breites Spektrum der Mitarbeiterschaft abbildeten. Schließlich waren Führungskräfte, wie etwa Direktor Hans-Joachim Schulz genauso „VESSL’er“, wie Ingenieure, Meister oder „einfache“ Mitarbeiter.

In den Folgejahren schossen die Mitgliederzahlen schnell nach oben. So war es kaum verwunderlich, dass der Neustadter Verein von den elf Schwestervereinen sogar einmal der drittgrößte war. Bevor 1998 Siemens verkauft wurde, konnte 1997 ein Höchststand von 377 Mitgliedern erreicht werden. „Zeitweise gab es sogar Wartelisten, um dem Verein beitreten zu können“, erinnert sich Ehrenvorsitzender Gerhard Berner. Für manche heute kaum vorstellbar. Aufgrund der breiten Resonanz aus der Mitarbeiterschaft hatte der Verein schnell einen gewissen Stand.

Am 18. April 1974 war der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann (links) zu Gast im Neustadter Kabelwerk.
Am 18. April 1974 war der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann (links) zu Gast im Neustadter Kabelwerk.
Foto: Repro: Alexandra Kemnitzer

„Über eine Unterstützung seitens der Firmenleitung konnten wir uns nie beklagen“, erzählt Gerhard Renner. Er führt seit vier Jahren den Verein als Vorsitzender und wurde erst jüngst wieder im Amt bestätigt. So konnte etwa die Kantine für Veranstaltungen genutzt werden. Außerdem unterstützte die Werksleitung das gesellige Miteinander auf unterschiedliche Weise und spendierte beispielsweise auch attraktive Preise. Der Neustadter Verein pflegte mit den anderen Schwestervereinen einen regen Kontakt und war zusammen mit ihnen in einer Vereinigung organisiert. Zu den Aufgaben und Zielen gehört seit je her die Mitgliederförderung. Deshalb wurden immer wieder technische Vorträge, kulturelle Veranstaltungen, Vortrags- und Diskussionsabende sowie unterschiedlichste Besichtigungen angeboten. Highlights waren immer wieder die Studienfahrten, Werksbesichtigungen und Exkursionen, die beispielsweise zum Stammwerk nach Berlin, zu BASF, Airbus oder zur Meyer-Werft, aber auch in die Beneluxländer, nach Skandinavien oder in östliche Teile Europas führten. „Legendär waren auch unsere vielen geselligen Veranstaltungen, die zur Kameradschaftspflege beitrugen, insbesondere auch zwischen den jüngeren und älteren Mitgliedern“, erinnert sich Gerhard Renner.

Die Vereinsgeschichte hat Albert Volk in mehreren Chronikbänden für die Nachwelt festgehalten. Beim Durchblättern wehen dem Betrachter die alten Zeiten entgegen, die von einem lebendigen und stolzen Verein erzählen, der auch ein Teil der Werksgeschichte war.

Aufgrund der Firmenentwicklung wurde der Verein 1960 in „Verein ehemaliger Siemens-Lehrlinge“ (VESL) und schließlich in Verein ehemaliger Lehrlinge (VEL) umbenannt. Anfänglich durfte nur ordentliches Mitglied werden, wer unbescholtener ehemaliger Siemens-Lehrling war und die Lehrabschlussprüfung bestanden hatte. Aus der Niederschrift der Gründungsversammlung 1958 ist zu entnehmen, dass die Zahl der außerordentlichen Mitglieder damals fünf Prozent nicht übersteigen durfte. Durch die letzte Namensänderung gibt es diese Beschränkung nicht mehr.

Auch wenn der VEL heute mit knapp 180 Mitgliedern nicht gerade zu den kleinsten Vereinen gehört und im kommenden Jahr das 65-jährige Bestehen gefeiert werden kann, fehlt es an Nachwuchs. Derzeit sind lediglich vier Mitglieder zwischen 20 und 39 Jahre alt.

Sogar schon kurz vor der Auflösung

Der Altersdurchschnitt liegt indes bei 66,4 Jahren. „Damals war es für uns ein Leichtes, im Werk die Lehrlinge anzusprechen. Man hat sich gekannt, und die Leute waren ihrem Arbeitsplatz treu“, sagt der Ehrenvorsitzende. In früheren Siemens-Zeiten seien in der Lehrwerkstatt zwischen 60 bis 70 Auszubildende betreut worden. Heute hingegen sei es schwierig, Ansprechpartner zu finden. 2006 stand der Verein sogar vor seiner Auflösung, konnte aber wieder auf Kurs gebracht werden.

96-jähriges Gründungsmitglied

Gerhard Berner und Gerhard Renner freuen sich, dass es heute noch acht Gründungsmitglieder gibt. Ältester ist der 96-jährige Willy Engel. Sowohl Vorsitzender als auch Ehrenvorsitzender haben bei Siemens in Neustadt als Maschinenschlosser gelernt und arbeiteten einige Jahre zusammen. In dieser Zeit haben sie vieles erlebt. Gerne erinnern sie sich an die Zeiten zurück, als die „Stiften“ gegen die „alten Hasen“ auf dem benachbarten TGN-Platz Fußball spielten, viele bei der Neustadter Siemens ihr Ein- und Auskommen hatten und die Welt noch in Ordnung schien.

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