Wenn man von Kulmbach kommend zum Marktplatz hochfährt, steht unübersehbar linker Hand das Heimatmuseum der Stadt. Bis 1805 standen dort das Kulmbacher Tor und das Sammethaus, wie es ältere Stadtsteinacher nennen.
Wenn man den Vorraum betritt, hängt da, quasi wachend über sein Lebenswerk, ein Bildnis von Anton Nagel. Er wirkt darauf zufrieden – vielleicht auch darüber, in diesem geschichtsträchtigen Haus endlich seine über Jahrzehnte gesammelten Exponate präsentieren zu können. Ein Lebenstraum ging so für ihn in Erfüllung. Im vergangenen Jahr wäre Anton Nagel 100 Jahre alt geworden.
Die Vorfahren von Anton Nagel kamen von Vogtendorf nach Stadtsteinach, wo er am 15. Februar 1925 zur Welt kam. Nach dem Besuch der Volksschule begann er eine Lehre als Möbelschreiner. Schon in dieser Zeit war er gerne auf der Grünbürg oder auf der Nordeck, um bei „Ausgrabungen“ Schätze zu finden.
Schon als Jugendlicher war er eifrig dabei, sich in die Geschichte seiner Heimat einzuarbeiten. Nachdem er 1942 als Prüfungsbester seine Gesellenprüfung abgeschlossen hatte, begann ein Abschnitt, der sein Leben für immer einschneidend beeinflussen sollte.
Anton Nagel meldete sich im selben Jahr als Kriegsfreiwilliger, als Panzerfunker landete der 17-Jährige an der Ostfront in dem seit 1941 laufenden Russlandfeldzug. Auf dem Rückzug vor den herannahenden russischen Divisionen geriet er am 13. Mai 1945 bei Prag in russische Gefangenschaft. Fünf Jahre sollte der 20-Jährige in insgesamt 39 Arbeitslagern alle Strapazen durchleben, aber er besaß Energie und einen unbändigen Willen, zu überleben.
1950 heimgekehrt aus Kriegsgefangenschaft
So kehrte er im Januar 1950, kaum wiederzuerkennen, abgemagert und traumatisiert in sein Heimatstädtchen zurück. Er schrieb seine Erlebnisse in einem 230 Seiten starken Buch nieder, um diese Zeit zu verarbeiten. Anton Nagel kehrte in seinen gelernten Beruf zurück und begann bei der Firma Karl Bauerschmidt in der Bahnhofstraße, die später in Nordeck-Holz umbenannt wurde.
Als diese 1963 schloss, wechselte der vielseitig handwerklich begabte Anton Nagel als Wiegemeister zur Firma Hans Weiß nach Kulmbach. Als im Jahr 1973 die Kreissonderschule in das Gebäude der AOK in der Alten Pressecker Straße 25 einzog, stand Anton Nagel bereit, dort als Hausmeister einzusteigen. Er war nicht nur die Idealbesetzung, die liebevoll „mit seinen Kindern“ umging, er wohnte direkt daneben, in dem Haus, das sein Vater Andreas Nagel 1928 baute und in dem er aufwuchs.
Kurz nachdem die Sonderschule 1986 aufgelöst wurde, begann für ihn das Rentnerdasein und er konnte seine Energie in das Vereinsleben einbringen. Doch die Hauptrolle sollte sein Lebenswerk, sein Traum von einem Heimatmuseum spielen.
Als Anton Nagel 1954 seine Frau Margareta Hanft heiratete, wusste sie, dass sie ihren Anton mit vielen Vereinen teilen musste, und sie stand hinter ihm.
Seit seiner Kindheit sammelten sich bei Anton Nagel Funde, Sammlerstücke, Bilder, Fotos, Ansichtskarten, uralte Werkzeuge und vieles mehr, was dafür bestimmt war, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Zuerst war Anton Nagel, dem viele Stadtsteinacher gerne Nachlässe und Auflösungen brachten, froh, in der alten Fahrradwerkstatt von Carl Klöthe, der seine Werkstatt 79-jährig beendete, hinter dem heutigen Rathaus einen ersten Platz gefunden zu haben, um seine Exponate auszustellen.
Viele Exponate gesammelt
Doch es war von vornherein viel zu beengt, das historische Material häufte sich bei ihm zu Hause und in seiner Werkstatt. Nun fasste man das alte Schulhaus ins Visier. Seit 1973 befand sich ein naturhistorisches Museum von Albert Klein im Hause; dort sollte nach vier Jahren der Sammlung von Anton Nagel ein größeres Areal zur Verfügung gestellt bekommen. In mehreren Zimmern konnten nun auch seine Modelle (unter anderem eines von Stadtsteinach um 1700) besser dargestellt werden.
Als 1975 die Bundesstraßenverwaltung das Sammet-Haus in der Kulmbacher Straße abreißen wollte, um die Engstelle zum Marktplatz zu beseitigen, ergriff die Stadt die Initiative und kaufte zehn Jahre später dieses stattliche, historische Fachwerkhaus. Lieber beseitigte man 1982 das gegenüberliegende Haus und löste so das Problem Engstelle.
Der beharrliche Wille Anton Nagels und die Verbundenheit zum damaligen Bürgermeister Werner Döll führten zum Ziel eines Heimatmuseums. Seit 1989 standen neben dem Felsenkeller zwei komplette Stockwerke und ein Dachgeschoss zur Verfügung. Der Schreiner fertigte alle Ausstellungsrahmen selbst an und passte sie haargenau ein, um jeden Winkel im Haus zu nutzen.
Hohes Engagement
Anton Nagel saß unzählige Stunden in seinem Kämmerlein und schrieb mit schöner Handschrift ungezählte Kärtchen zur Information der Besucher. Führungen in seinem Museum waren begehrt. Sein Hintergrundwissen zu Stadtsteinach war phänomenal. Und sein Sammeltrieb endete nie. Wenn er Vorträge ankündigte, waren die Veranstaltungsorte stets gefüllt, denn er konnte seine Zuhörer fesseln, ohne sie mit Zahlen zu langweilen. Er führte vor Ort auch den Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW).
Für sein Lebenswerk würdigte die Stadt Stadtsteinach 1985 Anton Nagel mit der Bürgermedaille. Bis kurz vor seinem Tod am 7. August 1999 betonte er immer wieder, Stadt und Vereine sollten rechtzeitig mit den Planungen für die 850-Jahr-Feier der Stadt beginnen. Der Heimatforscher war der Motor für ein unvergessliches Fest, das er selbst nicht mehr erleben sollte.














