Die neuen Steine erinnern an Opfer der von den Nazis „T4“ genannten Aktion. Dabei wurden Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen ermordet. Rund 70.000 brachten die Nationalsozialisten um.
Vor den ehemaligen Häusern der Opfer wurden die Plaketten nun eingelassen. Sie sind so ein Teil des Kunstwerkes von Gunter Demnig, der bei der Verlegung nicht persönlich anwesend sein konnte. Deshalb nahm die Verlegung sein Assistent und Weggefährte Frank Matthias Mann vor. Demnig hatte die Aktion 1992 ins Leben gerufen. Mehr als 138.000 Stolpersteine wurden bisher, meist vor dem letzten Wohnort der Opfer, in 32 Ländern verlegt. Der Bauhof der Stadt Neustadt hatte für das Anbringen der drei neuen Plaketten alles vorbereitet. Initiatorin war in diesem Fall Susanne Greiner – Schunk, ihre Familie hat die Steine auch gespendet. Viele Persönlichkeiten der Stadt nahmen teil.
Begonnen wurde mit der Verlegung in der Ernststraße 15. Dort wurde im Jahr 1910 Marie Pertsch geboren. Nach ihrer Konfirmation wurde sie in verschiedene Heilerziehungsanstalten, wie Kutzenberg, Himmelkron und zuletzt nach Hartheim, eingewiesen, wo sie schließlich im Alter von 30 Jahren am 7. Dezember 1940 verstarb. Die Diagnose Mandelentzündung löste bei den Angehörigen große Verwunderung aus, denn sie hatte zuvor nie eine größere Krankheit gehabt. Die Heimatpflegerin Isolde Kalter verlas, nachdem der Stolperstein verlegt worden war, den Lebenslauf der Opfer, der das traurige Leid von damals eindrucksvoll aufzeigte.
„Schwachsinnig“
Auch vor dem Haus Alexandrinenplatz 1 wurde ein Stolperstein für Walter Hartleb, der 1919 geboren wurde, verlegt. Wie aus den Akten, die von der Heimatpflegerin Isolde Kalter durchforstet wurden, hervorgeht, hat er nie eine Schule besucht und hatte deshalb auch keine Chance, einen Beruf zu erlernen oder eine Ehe einzugehen. Auch er wurde in den Gutachten als „schwachsinnig“ und als „idiotisch“ bezeichnet. Es wurden ihm asoziale Neigungen attestiert. Er wurde am 21. April 1941 in einer nicht bekannten Anstalt ermordet. Vor dem ehemaligen Wohnhaus von Walter Hartleb gab die Pfarrerin Lisa Meyer zu Hörste einige christliche Impulse zu den Stolpersteinen in der Puppenstadt.
Nicht allzu weit ist die Coburger Straße 11 entfernt, wo auch ein Stolperstein für Martha Reißmann verlegt wurde. Sie ist im Haus in der Coburger Str. am 25. März 1894 geboren und wurde aus Krankheitsgründen dort auch getauft. Sie war die Tochter des Bossierers Carl Moritz Reißmann und seiner Ehefrau Maria Dorn. Damals war das eine der bekanntesten Familien in Neustadt, die handwerklich, aber auch künstlerisch sehr erfolgreich war. 1934 wurde ihre Erkrankung als „manisch-depressives Irresein“ bezeichnet, wie Isolde Kalter den Akten entnehmen konnte. Deshalb wurde sie in die Pflegeanstalten nach Arnsdorf in Sachsen und nach Kutzenberg eingewiesen. Aufgrund einer Anordnung wurde sie schließlich in die Pflegeanstalt nach Hartheim verlegt, wo sie am 6. Dezember 1940 ermordet wurde.
Die Teilhabebeauftragte Tanja Zapf, verlas einen Brief, den sie an Martha Reißmann geschrieben hatte, obwohl sie die Frau nicht kannte. Darin ging sie auf das Urteil ein, das andere über die Martha Reißmann gefällt haben. Als Teilhabebeauftragte erlebe sie täglich, wie viel Vertrauen und Freude, aber auch Liebe behinderte Menschen zurückgeben können. Menschen dürften nicht nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilt und nicht ausgegrenzt werden. „Denn Menschenwürde ist nicht abhängig davon, was ein Mensch leisten kann. Sie ist nicht abhängig davon, wie viel Hilfe er braucht. Sie ist nicht verhandelbar“, betonte Tanja Zapf in ihrem Brief. So sind die Stolpersteine eine Mahnung für alle in der heutigen Zeit und gleichzeitig ein Zeichen, dass wir Verantwortung tragen. Und ein Aufruf zum Hinschauen. Denn Menschlichkeit muss wieder lauter werden, so Tanja Zapf.
Mit der Verlegung der drei neuen Stolpersteine wird die Erinnerungskultur in Neustadt erweitert, wie Oberbürgermeister Dominik Heike betonte. Damit werden die Gedenktafeln in der Stadt verdoppelt. Der Oberbürgermeister dankte im Besonderen Susanne Greiner-Schunk und ihrer gesamten Familie für das große Engagement, das ein großes Symbol für die Kraft der bürgerschaftlichen Initiative sei. „Heute leben wir in einer Zeit, in der wir die Werte unserer demokratischen Gesellschaft und das friedliche Miteinander mit besonderer Aufmerksamkeit verteidigen müssen“, betonte Heike.
Susanne Greiner – Schunk, erinnerte an den Satz im Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es darf kein Mensch entwürdigt, ausgegrenzt oder aussortiert werden. Denn behinderte Menschen haben die gleichen Rechte, sagte die Initiatorin der Stolpersteine.
Weitere Informationen sind auf der Internetseite www.stolpersteine.eu zu finden.












