Wo genau die Stimmen herkamen, war bisweilen tatsächlich schwer auszumachen. Nicht, weil sie sich im Raum verloren hätten, sondern im Gegenteil: Acht Sängerinnen und Sänger entwickelten in der voll besetzten Schlosskirche Zur Heiligen Dreieinigkeit eine Klangfülle, die weit über die Größe des Ensembles hinausreichte. Beim berühmten „Halleluja“ schließlich wurde aus der kleinen Besetzung ein Klangkörper von erstaunlicher Wucht.
Dass Georg Friedrich Händels „Messias“ auch ohne großen Chor seine Wirkung entfalten kann, zeigte die Aufführung unter der Leitung von Professor Lucas Pohle eindrucksvoll. Gemeinsam mit dem Dresdner Barockorchester und den acht Vokalsolisten setzte der Dirigent auf eine historisch informierte Aufführungspraxis, die weniger auf Masse als auf Transparenz, Beweglichkeit und klangliche Differenzierung zielt.
Das Ergebnis war von Beginn an bemerkenswert klar. Die historischen Instrumente des Dresdner Barockorchesters verliehen der Musik eine andere Kontur als ein modernes Sinfonieorchester. Der Klang blieb schlanker, rhythmisch prägnanter und ließ die einzelnen Stimmen und Instrumentalfarben deutlich hervortreten. Gerade in der Akustik der Lahmer Schlosskirche entstand dadurch ein erstaunlich plastisches Klangbild.
Pohle hatte das Ensemble erst wenige Tage zuvor zusammengeführt. Die Vokalisten hatten ab Donnerstag geprobt, am Freitag war das Orchester hinzugestoßen, am Samstag stand bereits ein weiteres Konzert auf dem Programm, bevor am Sonntag Lahm an der Reihe war. Viel Zeit für Detailarbeit blieb also nicht. Bei einem Ensemble dieser Qualität, so Pohle, gehe es weniger darum, den einzelnen Musikern etwas beizubringen. Entscheidend sei vielmehr, sich auf eine gemeinsame Vorstellung von Tempo und Ausdruck zu verständigen.
Dass dies gelungen war, zeigte sich vor allem in den Ensembles. Anne Stadler und Yuka Koroyasu (Sopran), Susanne Langner und Stefan Kunath (Alt), Jan Kobow und Eirik Falk (Tenor) sowie Joachim Höchbauer und Sebastian Noack (Bass) traten nicht als acht voneinander getrennte Solisten auf. Ihre Stimmen verbanden sich immer wieder zu einem erstaunlich geschlossenen Gesamtklang. Auch Regionalbischöfin Berthild Sachs, die den „Messias“ bereits mehrfach erlebt hatte, zeigte sich davon besonders beeindruckt. „Ich habe das ein paar Mal schon gehört, aber so intensiv wie heute, glaube ich, wirklich noch nie“, sagte sie nach dem Konzert.
Die Verbindung aus solistischer Präzision und chorischer Wirkung war eine der besonderen Stärken des Abends. Pohle hatte die Sängerinnen und Sänger bewusst für diese Besetzung zusammengestellt. Nicht nur musikalische und stimmliche Qualität seien dabei entscheidend gewesen, sondern auch die Frage, ob die Musiker menschlich miteinander harmonierten, erklärte Pohle.
Historisch ist eine solche kleine Besetzung durchaus begründbar. Händels „Messias“ wurde 1742 in Dublin mit lediglich sieben Solisten und einem 16-köpfigen Knabenchor uraufgeführt. Spätere Aufführungen wurden zwar teilweise erheblich größer besetzt. Für die Schlosskirche in Lahm aber erwies sich die reduzierte Formation als geradezu ideal: Sie ließ Raum für die Musik und zugleich für das Publikum.
Auf Englisch
Aufgeführt wurde der „Messias“ in englischer Sprache. Ein deutsches Textblatt half dabei, die großen Linien des Oratoriums unmittelbar nachzuvollziehen: die Prophezeiungen, die Weihnachtsgeschichte, die Passion und schließlich die Hoffnung auf Erlösung.
Und natürlich kam der Moment, auf den viele im Publikum gewartet haben dürften: das „Halleluja“. Die berühmte Nummer wurde nicht zum aufgesetzten Effekt, sondern entwickelte ihre Wirkung aus dem musikalischen Verlauf des gesamten Abends. Stimmen und Instrumente verdichteten sich, die Kirche füllte sich mit Klang, und am Ende erhob sich das Publikum zu lang anhaltenden Ovationen.
Gleichzeitig Benefizkonzert
Das Konzert hatte allerdings noch eine zweite Ebene. Es war zugleich Benefizveranstaltung für die Sanierung der Schlosskirche. Die historische Heinrich-Gottlieb-Herbst-Orgel von 1732, eines der wertvollsten Instrumente ihrer Art in Bayern, befindet sich ebenso wie Teile des Kirchengebäudes in einem dringend restaurierungsbedürftigen Zustand. Seit dem vergangenen Jahr steht die Kirche zudem unter nationalem Denkmalschutz. Die Konzertreihe soll helfen, Aufmerksamkeit für dieses besondere Bau- und Klangdenkmal zu schaffen und Geld für seine Erhaltung zu sammeln.
Auch die rund 400 Jahre alte Platane vor der Kirche ist Teil dieses besonderen Ortes und nach den Worten der Verantwortlichen ebenfalls dringend erhaltungsbedürftig. Es geht in Lahm also nicht nur um einzelne Konzertereignisse, sondern um die Zukunft eines historischen Ensembles, dessen musikalischer Mittelpunkt die Herbst-Orgel ist.
Für Pohle geht der musikalische Weg bereits weiter. Am 24. Oktober steht eine Orgelnacht auf dem Programm. Am 6. März 2027 folgt mit Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ ein Werk, das noch einmal andere Anforderungen an die Schlosskirche und ihre Musiker stellen wird.










