Mit dem kräftigen Schnabel knackt „Dino“ die Walnuss. Doch statt sie zu essen, lässt er sie fallen. „Futterneid“, erklärt Hans-Jürgen Rembiak mit einem Blick auf „Rocky“, der neben „Dino“ auf dem Ast sitzt.
Da werden die Nüsse lieber auf den Boden geworfen und für später aufgehoben, als das Risiko einzugehen, dass der Mitbewohner die nächste ergattern könnte. Abgesehen davon klappt bei den beiden Gelbbrustaras das Zusammenleben aber gut. Doch einige der aktuell 28 Vögel in der Auffangstation des Papageien- und Sittichschutzverein Coburg halten nicht so viel von Wohngemeinschaften.
Boom in den 1980er Jahren
„In den 80er Jahren wollte jeder einen Papagei haben“, sagt Hans-Jürgen Rembiak. Doch das wird jetzt zum Problem, denn eine Katze, eine Maus, ein Goldfisch, ein Hamster – sie alle hätten eine begrenzte Lebensdauer von maximal 20 Jahren.
„Ein Papagei kann 80 Jahre werden. Und die Menschen, die in den 80ern jung waren und einen Papagei hatten, sind jetzt im Seniorenheim. Und ihre Kinder und Enkel haben häufig keinen Bezug zu den Tieren. Also muss der Vogel weg.“ Das Vereinsgelände hat sich eben zu einer solchen Auffangstation entwickelt.
1985 wurde der Verein zunächst als Zuchtverein gegründet, doch davon hat man sich im Laufe der Zeit etwas verabschiedet, weil die Zahl an Züchtern zurückgegangen, aber die Zahl an Haltern in Privathaushalten stark gestiegen ist.
Inzwischen kümmern sich die Mitglieder deshalb um Papageien, Sittiche und Co., die krank sind, deren Besitzer verstorben sind oder die einfach nicht mehr in der Wohnung gehalten werden dürfen. Und die Nachfrage übersteigt die Kapazitäten bei Weitem.
„Für die Schutzstation ist die Nachfrage aktuell Wahnsinn. Wir müssen wirklich ablehnen“, sagt Hans-Jürgen Rembiak. Inzwischen gibt es eine Warteliste. Doch es gibt auch Fälle, die können nicht warten. „Einmal rief eine Betreuerin aus dem Landkreis Erlangen an. Sie hatte einen Todesfall. In der Messiewohnung des Verstorbenen war ein Vogel, der hat drei, vier Jahre kein Tageslicht gesehen. Den muss man natürlich sofort da herausholen“, sagt der Vorsitzende.
Rührende Geschichten
Doch nicht immer kommen die Vögel zu ihnen, weil sie schlecht gehalten wurden oder weil sie verletzt sind. Viele Besitzer hoffen auch, dass ihre Tiere dort nach ihrem eigenen Tod ein Zuhause finden. „Uns hatte eine Frau aus Bayreuth kontaktiert. Sie hatte fünf Papageien und war schwerkrank“, erzählt Rembiak.
Der Verein hat ihre Vögel aufgenommen, doch sie kam regelmäßig zu Besuch und hat jeden Monat Pflegegeld überwiesen – bis zu ihrem Tod. „Ihre Nachbarin rief an. Die Verstorbene hat sie im Testament zur Alleinerbin gemacht. Sie musste ihr jedoch versprechen, dass sie einen Teil des Geldes an die Vögel gibt. Sie hat uns 5000 Euro zukommen lassen“, sagt Rembiak bewegt. „Sie wollte ihre Tiere langfristig versorgt wissen.“ Für viele seien ihre Vögel nicht nur Trostspender und Ansprechpartner, sondern auch Partnerersatz und Teil der Familie.
Dass jedes Tier seine eigene Persönlichkeit hat, wird bei einem Gang durch die Volieren deutlich. Ein Besuch bei „Dino“ und „Rocky“? Auch für Fremde kein Problem. Graupapageidame „Cora“ fordert sogar lautstark zum Tanz auf. „Cora spricht wie ein Wörterbuch“, sagt Doris Ludwig, Schriftführerin des Vereins, während sie ihr eine Erdnuss durch das Gitter schiebt. „Mit Neustadter Dialekt!“, ergänzt Hans-Jürgen Rembiak. Die Art sei sehr intelligent.
Doch ihr Zimmernachbar „Balu“ ist nicht so begeistert über den Besuch. Sein Käfig ist doppelt verstärkt und die Schlösser massiv. Unzählige Besitzerwechsel haben ihn schließlich hierher gebracht.
„In der Mehrzahl sind es Problemvögel, die schon weitergegeben wurden, oder die ein Handicap haben und an den Menschen gewohnt sind. Sie sind alle auf den Menschen fixiert“, sagt Doris Ludwig. Deshalb wird auch das Gehege ständig erweitert, denn „für zehn Vögel brauchen wir acht Volieren“, sagt Rembiak.
Man habe den Versuch gewagt, mehrere Graupapageien gemeinsam zu halten, weil sie in freier Natur in großen Schwärmen leben, doch da sie auf Menschen fixiert sind und auch teilweise von Hand aufgezogen wurden, hatten sie keinen Bezug untereinander. „Das fing an beim Futterneid und endete beim Jagen bis zum Herzstillstand", sagt er.
Ausbau der Quarantänestation
Um mehr Platz zu schaffen und den Auflagen gerecht zu werden, baut der Verein aktuell an einer Quarantänestation. In dieser kommen neue Vögel sechs Wochen unter, bevor sie zu den anderen dürfen. Eine Vorsichtsmaßnahme, um Krankheiten vorzubeugen. Die Versorgung der Tiere stemmen die Mitglieder. Insgesamt 68 hat der Verein im Moment.
Aktuell kümmern sich 16 Personen in Zweierteams jeweils eine Woche um die Fütterung der Tiere. „Doch wir brauchen immer Verstärkung“, sagt Rembiak. Auch, um die neuen Projekte umzusetzen, denn neben einer neuen Infohütte für Besucher wird auch an einem Papageienhaus gebaut. In dem Aras und andere Papageien frei fliegen können und das für Besuchergruppen zugänglich sein wird.
Spende und Info
Um den Ausbau der Quarantäne-Einrichtung zu finanzieren, hat der Verein eine Spendenkampagne eingerichtet. www.betterplace.org/de/projects/96187-ausbau-einer-quarantaene-und-aufnahmeeinrichtung-fuer-papageien
Jeden Sonntag trifft sich der Verein von 10 bis 12 Uhr zu einem öffentlichen Stammtisch auf dem Vereinsgelände (Meilschnitz, Industriestraße 13).































