Bei seinen unzähligen Besuchen in der ukrainischen Region, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl bis heute belastet ist, hat Dieter Wolf viel Not gesehen. Er hat Menschen kennengelernt, die in unwürdigen Verhältnissen leben müssen. Mit seinem Verein Tschernobyl Kinderhilfe konnte er oft Schicksale der jüngsten und unschuldigsten Betroffenen mildern. Er lernte aber auch Menschen kennen, die in diesen Gebieten ausharren und gegen die Not kämpfen. Es sind überwiegend Frauen, die über die Jahre zu seinen Vertrauenspersonen wurden. Sie helfen, die Unterstützung aus Deutschland heute, wo persönliche Besuche unmöglich und Transporte schwierig geworden sind, an die richtigen Stellen zu lenken. Eine von ihnen ist Natalia Dubrovska. Sie leitet die Schule und den Kindergarten in Fedoriwka.
„Sie hat unser absolutes Vertrauen“, sagt Dieter Wolf. 2006 hat er Natalia kennen gelernt. Jahr für Jahr reiste er mit Vereinsmitgliedern in die Ukraine. „In manchen Jahren war ich drei Mal dort. Und Natalia kam seit 2014 jedes Jahr mit den Kindern, die wir zur Erholung ins Coburger Land eingeladen haben, für vier Wochen zu uns“, sagt er. Das Vertrauen ist heute so stark, dass die Schulleiterin ihm oft in Mails ihr Herz ausschüttet. Denn es gibt viel zu beklagen, in ihrem Heimatland.
Die Scheu, um etwas zu bitten
Immer wieder spürt der Helfer aus Neustadt, dass es seiner Vertrauten vor Ort schwer fällt, um etwas zu bitten. „Dabei fehlt es an allem. Mila, die Gemeindesekretärin, mit der wir auch eng zusammenarbeiten, bat uns um ein paar Kugelschreiber, weil sie die nicht bekommt“, berichtet er. Immer wieder fordert er auch Natalia auf, einfach zu sagen, was gebraucht wird. Der Verein versucht dann alles, um das bereitzustellen, was nötig ist. Seit Kriegsbeginn sind es oft Dinge wie Generatoren, um Licht in die Keller zu bringen, in denen die Schulkinder bei Fliegeralarm Schutz suchen. Batterien für Taschenlampen, Decken oder einfach ein paar warme Strümpfe.
Um so mehr ging Natalias Antwort auf seine jüngste Mail Dieter Wolf an Herz. Er hatte sie angeschrieben. Es waren nur zwei Sätze in großen Buchstaben und farbig hinterlegt: „Was braucht ihr noch für den Winter! Antworte bitte ohne nicht angebrachtes Ehrgefühl!“
Doch mit der Antwort der 54-jährigen Schulleiterin hatte er nicht gerechnet, nicht mit einem Wunsch, den er beim besten Willen nicht erfüllen kann, nicht mit allem was der Verein aufbieten kann.
Bewegende Worte
Natalias Antwort lautete:
„Lieber Dieter, ich habe einen Wunsch. Ich sehne mich nach Frieden!
Ich habe es satt, Angst vor Raketen zu haben. Ich habe es satt, Angst vor Ängsten zu haben. Ich bin nur müde.
Ich habe mich nie über das Leben beschwert. Aber dieser Krieg ist zu lang.
Und wahrscheinlich wird er noch lange dauern.
Und im Winter brauchen wir Wärme und Licht. Danke schön! Ich hoffe, dass es mit dem Licht alles gut wird. Wir haben Generatoren, wir haben Taschenlampen, wir haben Batterien ...
Ehrlich gesagt möchte ich jetzt nichts Materielles mehr. Ich möchte Frieden, ich möchte Harmonie, ich möchte die Zuversicht, für die Zukunft haben, dass alles gut wird.
Ich wünsche dir einen schönen sonnigen Tag!“
„Diese Zeilen haben mich den ganzen Tag verfolgt“, sagt Dieter Wolf. „Sie ist vor Ort und wir hier kennen diesen schlimmen Krieg nur aus dem Fernsehen oder von Briefen aus der Ukraine. Wir hier sind machtlos genauso wie sie und ihre Familien in der Ukraine.“ Er schrieb ihr unter anderem zurück:
„Mitfühlende und gut gemeinte Worte bringen Euch keinen Trost, das weiß ich. Aber Du und Ihr müsst wissen, dass alle Menschen hier hoffen und vielerorts beten, dass dieser Horror in der Ukraine – und auch sonst wo auf der Welt – bald ein Ende hat! Natalia, auch wenn Du momentan am Boden liegst und verzweifelst, das Leben geht weiter. Die Menschen in Fedoriwka können sicher sein, dass unser Verein sowie auch meine Familie Euch weiterhin materiell und finanziell mit allen unseren Kräften unterstützen wird.“
Hoffnung auf ein Wiedersehen
Natalia gehört für Dieter Wolf zu den Menschen, die die Ukraine braucht, wenn sie nach dem Krieg eine gute Entwicklung nehmen soll. Ihre Tochter Vitalina (29) war unter dem ersten Eindruck des Krieges geflohen und hatte bei Dieter Wolf Zuflucht gefunden. Inzwischen ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt und hilft in Kiew beim Aufbau eines Krankenkassensystems. Erst in diesem Frühjahr verlor Natalia ihren Mann Rostik mit 58 Jahren nach langem Leiden an Corona. Das Schicksal und die jetzt schweren Gedanken seiner Vertrauten bewegen ihn tief. Um so mehr teilt er Natalias Wunsch nach Frieden, möchte wieder in die Dörfer reisen, in denen der Verein in den vergangenen so viel für die Menschen tun konnte. Und er wünscht sich, dass Natalia wieder einmal mit einem Bus voller Kinder zur Erholung ins Coburger Land kommen kann.
Spendenkonto
Wer die Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt finanziell (gegen Spendenquittung) unterstützen möchte, kann dies unter dieser Bankverbindung tun:
Sparkasse Coburg-Lichtenfels, Spendenkonto 373 555 und BLZ 753 500 00
IBAN: DE68 7835 0000 0000 3735 55
BIC: BYLADEM1COB.










