Bevor die Kameras angehen, hat Moderator Tilmann Schöberl noch eine Bitte ans Publikum: Es dürfe gerne geklatscht werden! Schließlich sei die Sendung „Jetzt red i“ keine „Heilige Messe“, sondern eher ein „Stammtisch“. Ein Stammtisch mit einem besonderen Gast. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist am Mittwochabend nach Bad Rodach gekommen, um sich - 60 Minuten lang live im Bayerischen Fernsehen – den Fragen von Bürgerinnen und Bürgern zu stellen. Kritiker von Söder könnten sagen: „Was soll da herauskommen außer Stammtischparolen?“ Fans des Ministerpräsidenten könnten sagen: „Prima! In solch einem Format fühlt sich Söder wohl und sagt, was Sache ist.“ So paradox es klingt: Am Ende dürften sich beide Lager in ihrer Meinung bestätigt fühlen.
Söder lästert über das „Siechtum“ der Ampel
Gleich mehrmals bezeichnet Söder den Zustand der Bundesregierung als „Siechtum“. Selbstverständlich lästert er vor allem über die Grünen. Als Moderator Tilmann Schöberl etwas besänftigen will, scheitert das auf grandiose Art und Weise. Frage: „Haben Sie auch das Gefühl, dass man vielleicht manchmal in den letzten Wochen und Monaten zu sehr sich auf die Grünen als den alleinigen Sündenbock in dieser Ampel-Koalition geeinigt hat?“ Typische Söder-Antwort, die beide Lager in ihrer Meinung bestätigt: „Nö, die verdienen das schon.“
Besonders in Erinnerung bleiben am Ende vor allem fünf Frage- und Antwort-Duelle.
Sorge um Arbeitsplätze in Bad Rodach
Markus Geflitter ist Betriebsratsvorsitzender bei Valeo in Bad Rodach. Er sorgt sich um die derzeit noch 1100 Arbeitsplätze in der Thermalbadstadt. Denn als Automobilzulieferer ist Valeo in einer Branche unterwegs, die derzeit einem enormen Kostendruck ausgesetzt ist – und einer enormen Konkurrenz in Fernost. „Wir müssen die Transformation schaffen“, sagt Geflitter. Sprich: Es müssen Zukunftstechnologien her, damit Valeo auch morgen und übermorgen noch Produkte liefert, die im Wettbewerb stehen.
Markus Geflitter berichtet von einem entsprechenden Förderantrag, der mittlerweile in der Staatskanzlei liege und hoffentlich „schnell und unbürokratisch“ abgesegnet werde. Tilmann Schöberl schlägt Söder eine sehr unkomplizierte Bearbeitung des Antrags vor: „Absegnen und zurückschicken!“ Söder geht zwar davon aus, dass der Förderantrag nicht in „seiner“ Staatskanzlei liege, sondern im Wirtschaftsministerium. Dennoch hat er eine hoffnungsvolle Botschaft parat: „Das müsste klappen!“
Etwas kleiner als Valeo ist die Blechverarbeitungsfirma von Stephan Schink – und trotzdem muss sich der Bad Rodacher Unternehmer mit gehörig viel Bürokratie herumärgern. Den Schwarzen Peter schiebt Söder in diesem Fall aber mal nicht der Ampel in Berlin zu, sondern der EU. Dort sei die größte „Quelle der Bürokratie“.
Bürokram? Den macht die Ehefrau!
Tilmann Schöberl wollte von Stephan Schink wissen, wie viel Zeit er am Tag ausschließlich für Bürokratie aufwenden müsse: „Eine Stunde? Eine halbe Stunde?“ Schinks Antwort sorgte für den ersten großen Lacher des Abends: „Die Bürokratie habe ich an meine Frau delegiert – und die schimpft ständig…“
Eine schlechte Note für die bayerische Bildungspolitik
Max Lachner gerät eher durch Zufall ins Blickfeld der Fernsehkameras. Als Tilmann Schöberl in einem anderen Zusammenhang fragt, ob sich auch Lehrer im Publikum befinden, meldet sich Lachner – er ist immerhin Leiter der Grund- und Mittelschule in Ebersdorf bei Coburg. Nach einem kurzen Wortwechsel fragt Schöberl, welche Note er der bayerischen Bildungspolitik der letzten Jahre und im Moment geben würde. Sehr zum Missfallen von Söder entscheidet sich Lachner für eine „4 plus“. Als Söder leicht protestiert, fügt Lachner noch an: „Die 4 ist die 1 des ganz kleinen Mannes.“ Doch mit so einem Stammtisch-Spruch will sich der Ministerpräsident nicht abspeisen lassen. „Bisschen besser sind wir schon als eine 4.“ Und überhaupt: Welche Noten würde Max Lachner dann wohl erst den anderen Bundesländern geben? „Voll 6“, vermutet Söder.
Kritik an „Hetze“
Max Lachner ist aber nicht der schwierigste Gesprächspartner für Söder an diesem Abend. Helena Lakemann, Vorstandssprecherin der Grünen in Coburg, konfrontiert ihn gleich mit mehreren schweren Themen auf einmal. Aber letztlich stellt Lakemann nur eine einzige Frage: „Wann hören Sie endlich auf?“ Und zwar mit der „Sündenbock-Rhetorik“, mit dem „Grünen-Bashing“, mit dem „Hetzen gegen Menschen mit Flüchtlingshintergrund“ und mit dem Nichtstun in Sachen Klimakrise.
Söder: „Das Wort kenne ich gar nicht...“
Dass Lakemann ihm gar eine „Ambitionslücke“ beim Klimaschutz vorwirft, sorgt bei Söder für Verwirrung: „Ambitionslücke? Das Wort kenne ich gar nicht….“ Ansonsten verweist er darauf, dass Bayern sehr wohl sehr viel fürs Klima tue und für geflüchtete Menschen sowieso. Weil sich Lakemann als „Klimamenschenrechtsaktivistin“ vorgestellt hat, erlaubt sich Söder noch einen Kalauer wie am Stammtisch: „Ich bin auch totaler Aktivist – Aktivist für unser Land.“
Fast eine Drohung
Eine Frau stellt sich als „Tierrechts- und Menschenrechts-Aktivistin“ vor. Dass Söder kurz zuvor Gelächter für einen Spruch über leckere Bratwürste geerntet hat, ärgert sie. Ihr geht es um Tierschutz und um Tierwohl. Söder glaubt, mit einem flotten Spruch („Ich möchte mir nichts verbieten lassen“) davonzukommen. Doch als Tilmann Schöberl eigentlich schon zum nächsten Fragesteller weitergehen möchte, hakt sie sehr resolut nach: „Ich habe noch eine Frage - ich war noch nicht fertig!“ Schöberl reagiert erstaunt: „Hoppala, das klingt fast wie eine Drohung!“ Knappe und deutliche Antwort von ihr: „Ja.“
Sie wirft dem Ministerpräsidenten vor, dass seine Migrationspolitik „populistisch, rassistisch und unmenschlich“ sei. Die Frage, die sie in diesem Zusammenhang eigentlich hat, kann sie aber gar nicht stellen, weil Schöberl aufs Tempo drückt. Auch Söder fasst sich deshalb gerne kurz und sagt nur: „Bei allem Respekt vor ihrem Engagement – das ist Quatsch! So ein Vorwurf geht ins Leere.“
Enttäuscht von Söder
Die Frau sagt später, dass sie „absolut enttäuscht“ sei von Söder. Das Thema Migration liege ihr auch deshalb sehr am Herzen, weil sie selber einen Migrationshintergrund habe und sich deshalb auch so sehr an Söders Rhetorik störe.
Beim Bad Rodacher Bürgermeister Tobias Ehrlicher (SPD) fällt das Urteil über Söder etwas diplomatischer aus: „Er war launig, wie man ihn halt kennt!“ Eben genau so, wie es die Söder-Kritiker und Söder-Fans befürchtet beziehungsweise erhofft hatten.
Sendung in der Mediathek
Übrigens: Die komplette Sendung „Jetzt red i“ ist in der Mediathek des Bayerischen Fernsehens abrufbar - den Link dazu finden Sie hier.
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