Erfahrungsbericht
Leon war ein Sternenkind: Eines Tages sehen wir uns wieder
Oft bleibt Eltern von Sternenkindern nur ein Foto als Erinnerung. Der Sohn von Melanie und Stefan kam im fünften Monat tot zur Welt.
Oft bleibt Eltern von Sternenkindern nur ein Foto als Erinnerung. Der Sohn von Melanie und Stefan kam im fünften Monat tot zur Welt.
Foto: Foto: Kai Geben/Dein-Sternenkind
Coburg – Seit zehn Jahren begleitet die Selbsthilfegruppe Sternenkinder Coburg trauernde Eltern. Ein Paar aus Dörfles erzählt seine Geschichte und wie es sich anfühlt, wenn man sein Kind nie kennenlernen durfte.

Im Februar 2019 bereitet sich Melanie Schreier auf die Routineuntersuchung beim Frauenarzt vor. Stefan arbeitet. Es ist der vierte Termin, seit das Paar von seinem Wunschkind erfahren hat, und der erste, an dem ihr Partner nicht dabei ist.

Melanie weiß heute: Was passiert ist, hätten weder Stefan noch Ärzte verhindern können.

Die 33-Jährige geht in Gedanken zu dem Moment zurück, in dem sie auf dem Behandlungsstuhl sitzt und ihre Gedanken um das kleine Wunder kreisen, das seit 17 Wochen in ihrem Bauch heranwächst. Das Paar aus Dörfles hat schon ein Jahr lang versucht, schwanger zu werden. Umso größer war die Freude, als der Schwangerschaftstest diesmal positiv ausfiel.

Während der Frauenarzt mit dem Ultraschallgerät über ihren Bauch fährt, schließt Melanie die Augen. Sie will das Geschlecht noch nicht wissen, sich überraschen lassen. Gleich wird ihr der Mediziner ein Foto in die Hand drücken. Sie wird es zuhause Stefan (44) zeigen und gemeinsam werden sie betrachten, wie groß ihr Baby seit der vergangenen Untersuchung schon geworden ist.

Doch je länger Melanie im Behandlungszimmer liegt, desto mehr breitet sich in ihr Unruhe aus. Sie öffnet die Augen. Der Frauenarzt macht ein ernstes Gesicht. Im hinteren Hirnbereich gebe es eine Auffälligkeit, erklärt der Mediziner, sagt, das müsse untersucht werden. Melanie hört, was die Frauenärztin sagt und zieht wie ferngesteuert hinter dem Vorhang ihre Kleidung wieder an.

"Da wusste ich, dass es etwas Schlimmes sein muss."

Stefan bleibt nach außen hin stark, als er die Nachricht hört, sagt immer wieder: "Es wird schon alles in Ordnung sein." Endlos lange zwei Tage später sitzen sie in der Pränataldiagnostik in Bamberg. Der Arzt begutachtet jeden Bereich, jedes Organ des kleinen Körpers in Melanies Bauch, macht sich lateinische Notizen, die sie zwar lesen kann, aber nicht verstehen. "Dann habe ich das Wort Klumpfuß gelesen und es hat mich richtig weggehauen."

Nach einer Ewigkeit kommt der Oberarzt hinzu und sagt den Fiedlers so einfühlsam wie möglich, dass ihr Baby nicht überlebensfähig ist. Neben einem Klumpfuß hat es einen schweren Herzfehler und eine Gaumenspalte. Seine Nieren funktionieren nicht, weshalb sich die Lunge nicht ausbildet. Woher die schweren Fehlbildungen kommen, können die Ärzte nicht sagen. Eine Laune von Mutter Natur, heißt es. Melanie spürt den Moment noch heute. "Für mich ist die ganze Welt zusammengebrochen." Stefan legt, als sie das ausspricht, seiner Lebensgefährtin eine Hand aufs Bein und sagt leise: "Für uns beide."

Das Baby, das nicht leben wird, ist ein Junge...

Melanie muss ihn auf natürliche Art im Kreißsaal zur Welt bringen, dort, wo nebenan auf der Neugeborenenstation Babys schreien und Familien ihren Nachwuchs in den Armen halten. "Ich wusste nicht, wie ich das überstehen sollte, aber das Team hat uns vom Rest der Station abgeschirmt", erzählt Melanie Fiedler. Anstatt sich auf ihren Nachwuchs zu freuen, planen sie und ihr Partner nun seine Beerdigung.

Im Krankenhaus hat das Paar Info-Flyer bekommen. Bestatter, die auf die Beisetzung von Sternenkinder spezialisiert sind. Selbsthilfegruppen , in denen sich Eltern austauschen können. Melanie und Stefan müssen Entscheidungen treffen, die sie nicht treffen wollen. Sie müssen festlegen, wo ihr Kind seine letzte Ruhe finden soll. "Niemand ist auf so eine Situation vorbereitet." Sie beschließen, dass ihr Baby zusammen mit anderen Sternenkindern auf dem Coburger Friedhof beerdigt werden soll, "damit er nie alleine ist und wir ihn bei uns in der Nähe haben."

Sie nennen ihn Leon, in Anlehnung an den Vornamen von Melanies Opa, aber vor allem, weil ihr Sohn bis zuletzt gekämpft habe wie ein kleiner Löwe.

Die Presswehen fühlen sich an wie bei einer normalen Geburt. Und ein paar Stunden später hält Melanie ihr lebloses Baby im Arm. Die Ärzte hatten Leons Gewicht auf 200 Gramm geschätzt, doch es stellt sich heraus, dass er mehr als doppelt so schwer ist. "Er war sehr klein, sah aber sonst auf den ersten Blick völlig normal aus", beschreibt Melanie die erste Begegnung mit ihrem Sohn, die gleichzeitig ihr Abschied war. Eine Hebamme zeigt ihnen Leons Fehlbildungen, erklärt, warum er nicht leben konnte. Ein Pfarrer kommt und segnet den kleinen Körper.

Melanie und Stefan halten ihr Baby mehrere Stunden, kuscheln mit ihm und sagen ihm all die Dinge, für die Eltern eigentlich ein Leben lang Zeit haben. Dass sie stolz auf ihn sind und ihn lieben. Halten seine kleine Hand, berühren seine winzigen Füße und versichern ihm, dass sie dankbar dafür sind, dass es ihn gegeben hat.

Es ist nie genug Zeit. Der richtige Moment zum Abschiednehmen kommt nicht.

Es ist bereits dunkel, da geben sie Leon einen letzten Kuss und fahren nach Hause. Die Hebamme schenkt ihnen einen Anhänger in Engelsgestalt, darauf steht: Am Ende des Regenbogens sehen wir uns wieder.

An diesem Gedanken hält sich das Paar fest. Jeder trauert auf seine Art. Stefan versucht, seiner Partnerin Kraft zu geben. Eltern, Geschwister, Cousinen: Die Familie leidet mit. Melanie zeigt den gelben Strampler, den ihre Mutter gestrickt hat. Zusammen mit anderen Erinnerungsstücken liegt er in einem geflochtenen Weidenkorb in Schmetterlingsform, der im Wohnzimmer steht. Wenn Melanie und Stefan abends auf der Couch sitzen, ist Leon bei ihnen und so soll es auch bleiben.

Leon wird zusammen mit anderen Sternenkindern bei einer Sammelbestattung auf dem Friedhof beigesetzt. Familien, Paare, einzelne Frauen, Großeltern nehmen Abschied. Alle trauern, doch jeder bleibt für sich.

Nicht zuletzt durch den Austausch mit anderen Eltern in der Selbsthilfegruppe Sternenkinder Coburg finden sie Schritt für Schritt den Weg in Richtung Normalität zurück. "Wenn einem so etwas passiert, denkt man, dass man mit seiner Trauer ganz alleine auf der Welt ist", sagt Stefan rückblickend. Durch die Selbsthilfegruppe hätten sie verstanden, dass es viele Eltern gibt, die das gleiche Schicksal teilen. Und allmählich schaffen sie es, wieder nach vorne zu blicken.

Der Schmerz ist nicht mehr so betäubend wie vor zwei Jahren. Doch verschwinden wird er nie.

Ob es einen Sinn darin geben kann, wenn ein Kind nie das Licht der Welt erblicken darf? "Ich habe ihn bis heute nicht gefunden", bringt die 33-Jährige unter Tränen über die Lippen, während ihr Stefan den Arm streichelt. "Aber ich glaube ganz fest daran, dass es ihn gibt." Ein paar Sekunden ist es still, dann meint Stefan: "Wir sind viel gelassener geworden. Man lernt, dass man so wenig beeinflussen kann. Alles kommt, wie es kommen soll." Woran viele Paare zerbrechen, schweißt Melanie und Stefan noch mehr zusammen. 2019 heiraten sie standesamtlich und planen eine große kirchliche Trauung . Doch Corona macht alle Pläne zunichte. Stefan schmunzelt, als er erzählt, wie er Familie und Freunde immer wieder Nachrichten geschrieben hat, dass der Termin abermals verschoben wird.

Die Schreiers feiern ihre Hochzeit schließlich mitten in der Pandemie in einem Gemeindesaal. Nichts sei so gewesen wie geplant, und doch perfekt, sagt Stefan rückblickend. Von der Familie gibt es Geschenke, auf denen neben den Vornamen des Paares auch der ihres Sohnes eingraviert ist. Geburtstage, Gedenktage, der Todestag: Leon hat einen festen Platz im Familienleben .

Was passieren soll, passiert sowieso.

Melanie und Stefan wünschen sich noch immer Kinder, doch sie überstürzen nichts. Das Leben geht weiter. Die Besuche an Leons Grab sind seltener geworden. Doch immer dann, wenn Melanie und Stefan ihrem Sohn ganz nahe sein wollen, besuchen sie ihn. Und eines Tages sehen sie ihn wieder.

Hilfe für trauernde Eltern

Seit nunmehr einem Jahrzehnt begleitet die Selbsthilfegruppe Sternenkinder in Coburg trauernde Eltern nach einem Verlust. Gründerin Sandra Wagner kann den Schmerz der Eltern deshalb nachempfinden, weil sie ihn selbst am eigenen Leib erlebt hat.

Die 40-Jährige hat ihre Zwillinge nach einer Frühgeburt im sechsten Schwangerschaftsmonat verloren. Lange glaubte Sandra Wagner, dass sie nie wieder glücklich werden kann. Bei der Trauerbewältigung suchte sie den Austausch bei der Gruppe verwaister Eltern. Dort kommen Eltern zusammen, deren Kinder zum Zeitpunkt ihres Todes noch kleine Kinder waren, andere Teenager oder schon erwachsen. "Diese Eltern leiden genauso", weiß Sandra Wagner, "aber es war schwierig für mich, wenn sie über Erlebnisse mit ihren Kindern gesprochen haben, weil Eltern von Sternenkindern diese Erlebnisse nicht haben."

Da reifte in Sandra Wagner die Idee, eine Selbsthilfegruppe für Sterneneltern zu gründen. "Ich wollte diesem Verlust, den ich erlitten habe, unbedingt einen Sinn geben." Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat zum persönlichen Austausch. Um die sechs Paare oder Mütter kommen zu den Terminen.

Darüber hinaus begleitet Sandra Wagner seit eineinhalb Jahren als Trauerbegleiterin beim Sternkinderzentrum Bayern Mütter und Paare auch einzeln - während der Pandemie meistens zu Spaziergängen im Freien.

Selbsthilfegruppe Sternenkinder Coburg Kontakt über

sternenkinder-coburg@gmx.de oder unter 0151/26217284

Einzelbegleitung Infos auf sternenkinderzentrum-bayern.de