Wenige Schritte hinter dem Ortsrand bückt sich Marianne Renner zum ersten Mal. Eine Zigarettenkippe liegt auf dem Weg – und wandert direkt in die lila Plastiktüte. An diesem Märzmorgen bildet der Atem noch weiße Wölkchen. Das Licht der Frühlingssonne wärmt noch nicht, noch klebt Nebel an den Hügeln des Coburger Landes, die Marianne Renner auf den ersten hundert Metern ihrer Morgenrunde überblicken kann.
Der Kippe wird in den nächsten anderthalb Stunden jede Menge weiterer Müll folgen, Plastikverpackungen, Fast-Food-Tüten, noch mehr Kippen. Nach nicht einmal einem Kilometer Weg wird die lila Plastiktüte voll sein. Aber natürlich hat Marianne Renner vorsorglich noch eine zweite, größere Tüte eingepackt. Sie weiß: Auch heute wartet der Müll. Auf dem Weg, am Wegesrand, im Straßengraben, in den Wiesen und Wäldern. Wie jeden Morgen.
Jeden Tag mindestens eine Tüte Müll
„Von allein räumt sich der nicht weg“, sagt Marianne Renner, „und sich nur aufzuregen, bringt nichts.“ Also sammelt sie den Müll ein. Tag für Tag bei ihrem Morgenspaziergang, seit zwei Jahren schon. Wenn sie das nicht macht, bleibt der Müll liegen. Sie hat es einmal ausprobiert, ist vorbeigelaufen an Plastikverpackungen und Kippen. Einen Tag später lag alles noch da, eine Woche später noch immer. Also hat sich Marianne Renner wieder gebückt und den Müll aufgehoben. Es gibt diesen Spruch: „Sei die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“ An den denkt sie beim Müll sammeln, sagt sie: „Ich glaube daran, dass jeder ganz einfach schon im Kleinen etwas verändern kann – wenn er es denn will.“
“Ich glaube daran, dass jeder ganz einfach schon im Kleinen etwas verändern kann – wenn er es denn will.
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Jeden Morgen geht Marianne Renner die gleiche Runde, im Schnee, im Regen oder, wie heute, im Sonnenschein: von ihrem Heimatort Rödental durch die Felder hinter Waldsachsen, unter der Itztalbrücke mit Autobahn und ICE-Strecke hindurch, vorbei an den Itzwiesen, einen langen Bogen durch das Waldstück am Bausenberg. Unter der Woche läuft sie um halb acht los oder auch mal um sechs, wenn ihre Schicht im Einzelhandel früh beginnt, am Wochenende ein wenig später.
Feuerwerk, Schnapsflaschen, Autoreifen
Jeden Morgen findet Marianne Renner Müll, der sie zum Wundern über die Menschen bringt: Feuerwerksreste Ende Februar. Unzählige Schnapsflaschen, die bewaldete Hänge hinuntergeworfen worden sind. Volle Plastik-Hundekotbeutel in der Wiese. Einen Autoreifen auf einem Waldparkplatz. Vier Säcke voll leerer CD-Hüllen im Wald, so schwer, dass sie sie in mehreren Etappen einsammeln musste. Einmal zwei Einkaufswägen in der Itz. Als die nicht abgeholt werden, holt sich Marianne Renner kurzerhand Gummistiefel von zu Hause und zieht die Wägen selbst aus dem Wasser. Findet sie Pfandflaschen, spendet sie den Erlös an den Tierschutz; 100 Euro sind so 2024 zusammengekommen.
Vor 15 Jahren hat die 39-Jährige angefangen, jeden Morgen loszulaufen – weil sie sich das Fitnessstudio sparen wollte. Inzwischen sind die Spaziergänge für sie nicht nur „purer Luxus“. Sondern auch gelebte Achtsamkeit: Wenn Marianne Renner durch die Natur läuft, sieht sie nicht nur den Müll, an dem andere vorbeilaufen. Sie sieht auch die Schneeglöckchen, die weiß durch das Laub leuchten. Winzige Trompetenflechten, die aus dem Moos auf einer Mauer spitzen. Die Rehe, die auf die raureifbedeckten Wiesen treten. Ab und zu einen Dachs. Sie hört die Spechte klopfen im Wald und das Käuzchen rufen in der Morgendämmerung. Sie sieht, wie die Jahreszeiten die Natur Tag für Tag ein wenig verändern.
„Wir haben es so schön hier“, sagt Marianne Renner, „und wir Menschen machen uns das Leben selbst so schwer.“ Beim Müllsammeln denkt sie an die Tiere und Pflanzen, deren Lebensraum sie damit schützt. Auch wenn sie gemeinsam mit ihrem Partner am Wochenende Ausflüge in der Region macht oder im Urlaub wandern geht, hat sie immer eine Tüte zum Müllsammeln dabei. Obwohl sie selbst als Einzelhandelskauffrau in der Konsumbranche arbeitet, versucht sie inzwischen, weniger neu, seltener verpackt und so oft es geht Second Hand zu kaufen.
Sie erwartet kein Dankeschön
Inzwischen strahlt die Sonne warm vom Himmel, Marianne Renner hat ihre heutige Runde beendet. Sie wirft den gesammelten Müll in die Mülltonne, zwei Pfandflaschen nimmt sie mit nach Hause. Ein Dankeschön von Stadt, Land oder Forstverwaltung fürs Müllsammeln erwartet sie nicht: „Ich sage mir mit meinen Spaziergängen jeden Tag selbst Danke.“ Wenn sie sich trotzdem etwas wünschen dürfte, dann das: „Dass die Menschen der Natur mehr Wertschätzung schenken und ihr mit allen Sinnen begegnen. Es gibt so viel Schönes zu entdecken – und das kostenlos. Und dennoch unbezahlbar!“























