Die Wirtschaft kriselt, die Zeiten sind unsicher – genau der richtige Zeitpunkt für eine Existenzgründung! So scheinen das zumindest viele Menschen im Landkreis Coburg so zu sehen: 2024 gab es im Landkreis Coburg beinahe 500 Neugründungen. In der Serie „Silicon Veste“ stellt das Coburger Tageblatt einige davon vor und erzählt Gründungs-Geschichten aus der Region.
Warum befeuert die Krise unternehmerischen Mut? Und welche Geschäftsideen braucht das Coburger Land? Das erklären Martin Schmitz, Leiter der Wirtschaftsförderung im Landkreis, und Florian Eckardt, Referent für Existenzgründung, in der Digitalen Manufaktur in Rödental.
Was ist Ihr stärkstes Argument dafür, im Coburger Land zu gründen?
Florian Eckardt: Ein ländlicher Raum wie unserer bietet Gründern viele Vorteile: die kurzen Wege, den direkten Kontakt zu Ansprechpartnern. Es gibt gute Möglichkeiten, sich hier niederzulassen, an vielen Orten im Landkreis findet man zu attraktiven Preisen Räumlichkeiten. Wir haben ein gutes Netzwerk in der Region und können aufzeigen, wo mögliche Kunden und Kooperationspartner sitzen.
Martin Schmitz: Wir sind nach wie vor noch ein wirtschaftsstarker Industrieraum. Heißt: Bei uns gibt es einen Markt, um Produkte und Dienstleistungen an den Mann zu bringen. Unsere Aufgabe ist nicht nur, dass den Gründern klarzumachen. Sondern auch, etablierten Unternehmen zu zeigen: Da gibt es neue, junge Leute, denen ihr Aufträge geben könnt.
Also: Coburger Land, das deutsche Silicon Valley?
Eckardt: Soweit würde ich nicht gehen. Aber wir sind auf einem guten Weg! 2024 gab es im Landkreis Coburg beinahe 500 Neugründungen, die Freien Berufe, für die es keine Gewerbeanmeldung braucht, nicht eingerechnet. Unsere Kunden, also die Gründerinnen und Gründer, die bei uns Unterstützung suchen, werden jährlich mehr. 2021 sind wir Mitte des Jahres mit unserem Angebot gestartet und hatten im zweiten Halbjahr dann zehn Beratungen - 2024 haben wir 84 Gründungen begleitet, 2025 sind es – Stand Juni – bislang schon wieder über 40 Erstberatungen.
Warum gründen Menschen gerade jetzt, trotz Krisenstimmung in Deutschland?
Schmitz: In den vergangenen 15 bis 20 Jahren hat ein starker Wirtschaftsraum mit starken Unternehmen viele Fachkräfte an die Region Coburg gebunden. Eine Festanstellung war für viele Arbeitnehmer der sichere Weg. Während Corona und der folgenden, wirtschaftlich schwierigen Jahre haben viele gemerkt, dass selbstständige Arbeit lukrativer sein kann – und genauso sicher.
Eckardt: Die Lust aufs Gründen hängt individuell davon ab, wie risikoaffin man ist: Denn ein Restrisiko bleibt immer. Für einige passen Selbstständigkeit und Freiheit statt abhängiger Beschäftigung mittlerweile einfach besser zur persönlichen Lebensentwicklung. Viele gründen zunächst im Nebenerwerb – vielleicht, weil sie ein Nebeneinkommen brauchen.
Not macht also nicht nur erfinderisch – sondern auch Lust auf die Selbstständigkeit?
Eckardt: Nicht in dem Sinn, dass man keinen anderen Ausweg findet, sondern dass sich die Perspektive aufs Gründen ändert. Kriselt es in bestimmten Branchen und Unternehmen, stehen Fachkräfte vor der Entscheidung: Umziehen und eine andere Anstellung suchen – oder den Weg in die Selbstständigkeit gehen, um in der Region zu bleiben. So sind Gründungsideen entstanden.
Welche Ideen passen besonders gut in die Region Coburg?
Schmitz: Jede Form von unternehmensnahen Dienstleistungen. Die Unternehmen in der Region sind alle potenzielle Auftraggeber. Zumindest, solange wir als Wirtschaftsregion noch gut aufgestellt sind. Wir merken aber schon, dass es bröckelt an Industrie-Substanz. Deswegen ist es ja so wichtig, dass neue, junge Wirtschaft nachwächst.
Eckardt: Besonders digitale Geschäftsmodelle können gut an die Unternehmensstrukturen andocken, die wir hier noch immer haben.
Also liegt die Zukunft der Region im digitalen Start-Up?
Schmitz: Nicht nur. Wir sitzen hier mit der Digitalen Manufaktur auf dem Gelände der ehemaligen Porzellanfabrik Göbel in Rödental. Menschen wie die Keramikmalerinnen, die hier früher gearbeitet haben, mache ich nicht über Nacht zu Programmiererinnen. Wir dürfen nicht vergessen: Auch jenseits des Digitalen finden sich Talente und Skills, die es wert sind, gefördert und unterstützt zu werden. Wir unterstützen nicht nur die High-Flyer-Gründungen, sondern auch die, die einfach den Zweck haben, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern.













