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Nach einem Schlaganfall
„Kalles“ schwerer Abschied vom „Coburger Tor“
„Kalle“ hinter dem Tresen – so kennen ihn seine Gäste. Doch der nach eigenen Worten „dienstälteste Wirt Neustadts“ dreht den Zapfhahn bald endgültig zu. Christoph Böger
„Kalle“ hinter dem Tresen – so kennen ihn seine Gäste. Doch der nach eigenen Worten „dienstälteste Wirt Neustadts“ dreht den Zapfhahn bald endgültig zu. Christoph Böger // 
Neustadt – Neustadts dienstältester Gastwirt hört auf. Nach 26 Jahren hinter dem Tresen geht bei Karl-Heinz Wagner nun die Gesundheit vor. Hier blickt er auf die Zeit zurück.
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Ausgerechnet in seiner Küche. Dort, wo Karl-Heinz Wagner jahrelang für seine Gäste gearbeitet hat, erlitt er im Frühjahr einen Schlaganfall. Er hat sich davon inzwischen wieder sehr gut erholt. Doch die Gesundheit geht jetzt vor. Am 31. Oktober hört der dienstälteste Gastwirt Neustadts auf. Nach elf Jahren schließt er das „Coburger Tor“.

Für viele ist er einfach der „Kalle“. Einer, dessen Wirtsleben längst zur Stadt gehört. 26 Jahre führte er die Gaststätte „Scheidmantel-Bierstube“ in der Sonneberger Straße. Anschließend ging es im „Coburger Tor“ nahtlos weiter. Ohne Unterbrechung. „Da war keine Pause dazwischen“, sagt der bald 66 Jahre alt werdende Gastronom. Nun endet diese lange Zeit für den gebürtigen Sonneberger, den es schon im März 1984, also lange vor der Grenzöffnung, in den Westen zog.

Wer dem eingefleischten Fan von Dynamo Dresden zuhört, begegnet einem Neustadt, in dem die Wirtschaft für viele ein fester Treffpunkt war. Zum Marktfest eröffnete er damals die „Scheidmantel-Bierstube“. Sie wurde auch eine Adresse für junge Leute. Nachwuchsbands traten auf. Jugendliche bekamen Gelegenheit, ihre Musik vor Publikum zu spielen. „Da habe ich Jugendveranstaltungen gemacht“, erzählt er.

Es war immer voller Leben

Dazu kamen die weihnachtlichen Frühschoppen. Gut besucht. Voller Leben. „Das war ja der Wahnsinn“, erinnert sich „Kalle“. Ob er die Arbeit damals allein bewältigt habe? „Ich habe das meistens ohne Hilfe geschafft, ich war quasi ein Einzelkämpfer hinterm Tresen. Da war ich noch jung.“ Er lacht. Doch es klingt auch ein wenig Wehmut in seiner Stimme.

Es wurde gefeiert und Sport getrieben. Wagner gründete einen Dartclub. Zwei Mannschaften gehörten dazu. Es gab freundschaftliche Vergleiche, Fußballspiele und Treffen mit anderen Sportlern. Seine Erinnerungen handeln von Menschen, die zusammenkamen. Von Abenden und Veranstaltungen, die geblieben sind. Auch lange, nachdem das letzte Glas abgeräumt war. „Da wurde es auch schon mal vier Uhr früh. Heute undenkbar.“ Umso bitterer ist für ihn die Entwicklung der vergangenen Jahre. Die Kundschaft wurde weniger. Auch im „Coburger Tor“. Der Frust darüber gehört zu seinem Abschied dazu, selbst wenn die gesundheitlichen Gründe den Ausschlag geben.

Karl-Heinz Wagner vor dem „Coburger Tor“.
Karl-Heinz Wagner vor dem „Coburger Tor“. // 

Einst 56 Gaststätten

Der Kneipenwirt macht den Wandel an einem Vergleich fest. Zu Beginn seiner Wirtszeit habe es in Neustadt noch 56 Gaststätten gegeben, erinnert er sich. Sportheime und Gartenwirtschaften mitgerechnet. Auch Vereinslokale seien damals die ganze Woche geöffnet gewesen. Bei seiner jüngsten eigenen Zählung sei er dagegen nur noch auf elf gekommen. Darunter bereits Wirtschaften, die lediglich an einigen Tagen in der Woche öffnen. Es ist sein persönlicher Blick auf eine Stadt, deren gesellige Treffpunkte weniger geworden sind.

Mit dem „Coburger Tor“ übernahm „Kalle“ eine Gaststätte, deren Name tief in die Neustadter Vergangenheit führt. Er hat auch einen ganz besonderen Raum in seiner Gaststätte: Nach der Überlieferung, von der er erzählt, soll dieser einst den Torwächtern als Aufenthaltsraum gedient haben. „Kalle“ richtete ihn in seiner Anfangszeit im „Coburger Tor“ für Ritteressen her. Wo sich früher die Wächter aufgehalten haben sollen, kamen nun Gäste zum gemeinsamen Essen zusammen. Aus dem alten Raum wurde ein Saal für gesellige Runden.

Das „Coburger Tor“ gehörte aber lange vor seiner Zeit zum gesellschaftlichen Leben in Neustadt. Schon für die 1950er Jahre sind dort Frühschoppen der Schützen und Jubiläumsfeiern dokumentiert. „Kalle“ führte diese Tradition auf seine Weise weiter. „In meinem Saal wurde Square Dance getanzt. Und in den vergangenen Jahren fanden auch „Die Harmlosen“ bei mir ein Zuhause“ – nach seinen Worten der älteste Fußballstammtisch Neustadts. Wieder eine Runde, die einen Ort zum Zusammenkommen brauchte. Und ihn bei „Kalle“ fand.

Hoffnung auf Nachfolger

Wie es im Coburger Tor weitergeht, ist noch offen. Wagner hofft auf einen Nachfolger. Interessenten gebe es bereits, sagt er und nimmt einen Schluck aus seiner Dynamo-Tasse. Damit bleibt die Aussicht, dass die Geschichte dieser Traditionsgaststätte weitergeschrieben wird. Seinen treuen Gästen gilt zum Abschied „Kalles“ Dank. Den Menschen, die ihm über die Jahre verbunden geblieben sind.

Stolz ist er auch auf die jahrelang gute Zusammenarbeit mit Barbara Telser, der Besitzerin des „Coburger Tors“. Obwohl sie in Amerika lebt und weitere Immobilien in Neustadt und Umgebung besitzt, in denen seit Jahren Gaststätten untergebracht sind. Dazu zählen auch der „Lindenhof“ in Ketschenbach und das Gasthaus „Waldfriedensee“ in Wildenheid. Für sie, seine Stammgäste und vor allem für das „Coburger Tor“ wünscht er sich, dass es irgendwann weitergeht. Auch wenn künftig ein anderer hinter dem Tresen steht.

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