Industriegeschichte
Siecor-Abriss in Neustadt: Letzter Akt für ein Kapitel Hochtechnologie
In den 1980er Jahren begann bei der Firma Siecor in Neustadt die Glasfaser-Produktion. Das Werk war ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und Corning Glass Works.
In den 1980er Jahren begann bei der Firma Siecor in Neustadt die Glasfaser-Produktion. Das Werk war ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und Corning Glass Works. Nachdem das Werk rund 20 Jahre kaum genutzt worden war, wird es jetzt abgebrochen.
Foto: Christoph Winter
Neustadt bei Coburg – Mit dem Abbruch des früheren Siecor-Werks an der Austraße Neustadt verschwindet der erste deutsche Produktionsstandort für Glasfasern.

Nach 37 Jahren verschwindet ein Stück Neustadter Industriegeschichte : An der Austraße werden die Gebäude der früheren Glasfaserfabrik dem Erdboden gleichgemacht. Zwar sind die Abbrucharbeiten aus Gründen des Arbeitsschutzes zurzeit gestoppt, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die einstige Produktionsstätte dieser Hochtechnologie ganz verschwunden ist.

Über die künftige Verwendung des Areals machte Bauamtsleiter Richard Peschel keine Angaben. Es habe Vorgespräche gegeben, so der Chef des Neustadter Bauamtes auf Anfrage, aber zurzeit sei nichts in Aussicht. In der Behörde gebe es bislang keine Anträge für eine Nachnutzung. Seit 2003 waren die Produktionsgebäude für die Glasfaser bis auf kleinere und temporäre Nutzung verwaist.

Meilenstein im Zonenrandgebiet

Als Mitte der 1980er Jahre das Joint-Venture der deutschen Siemens AG und dem US-amerikanischen Corning Glass Works vor den Toren der Stadt projektiert wurde, war es ein Meilenstein für das damalige Zonenrandgebiet. Dort, wo die Industriedichte und damit die Zahl der Arbeitsplätze überschaubar und die Verkehrsanbindung mäßig waren, wurden Glasfasern gefertigt. Die Neustadter Kommunalpolitik feierte die neue Industrieansiedlung seinerzeit, die gut bezahlte und qualifizierte Arbeitsplätze mit sich brachte.

Welche Vorteile Galsfasrerkabel auszeichnen

Glasfasern werden unter anderem als Lichtwellenleiter zur optischen Datenübertragung verwendet. Dies hat gegenüber elektrischer Übertragung den Vorteil einer erheblich höheren maximalen Bandbreite. Es können mehr Informationen pro Zeiteinheit übertragen werden, außerdem ist das übertragene Signal unempfindlich gegenüber elektrischen und magnetischen Störfeldern und in höherem Maße abhörsicher.

Unter Reinstraumbedingungen hergestellt

Siemens und Corning hatten schon auf einigen Geschäftsfeldern zusammengearbeitet. Um vor einigen Jahrzehnten die Glasfaserproduktion zu besichtigen, mussten Besucher ein penibles Prozedere durchlaufen: Ganzkörperanzüge und Kopfhauben sollten Verunreinigung vermeiden. Dazu stiefelten die Besucher über eine klebrige Matte, um die Schuhsohlen von Partikeln zu reinigen. Schließlich war nur der Blick durch große Glasscheiben in die tatsächlichen Produktionsräume möglich. Die Glasfasern wurden unter Reinstraumbedingungen hergestellt.

Einst weltweit modernste Fertigung

Das Siecor-Werk in Neustadt war nicht nur technisch außergewöhnlich. Auch die Architektur unterschied sich von der "normalen" Industriebauweise. Die parallelen Gebäude mit gerundeten Dächern waren mit einer mächtigen Röhre verbunden, die sich durch ihren gelben Anstrich vom Weiß der Fassaden und dem Grün der Dächer abhob.

Zur offiziellen Einweihung dieser weltweit modernsten Fertigung kam der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß nach Neustadt. Die Bayerische Puppenstadt war die erste deutsche Produktionsstätte für Glasfaser, in das Werk wurden rund 100 Millionen D-Mark investiert.

Einst einer der größten Glasfaserhersteller der Welt

Im Sommer 1986 begann die Glasfaserproduktion. Mit einem Anfangskapital von 20 Millionen Mark hofften die beiden beteiligten Firmen, 1987 rund 50 Millionen Mark Umsatz zu erzielen. Produziert werden sollte nicht nur für die Deutsche Bundespost , sondern auch für den internationalen Markt. Geplant war anfangs, jedes Jahr 100000 Faserkilometer zu fertigen. Die Bundespost wollte bis 1990 etwa 800000 Glasfaserkilometer verlegen. Siecor gehörte zu den größten Glasfaserherstellern der Welt.

Im Jahr 2000 verkaufte Siemens seine Anteile an dem Werk mit damals fast 1000 Mitarbeitern an Corning. Mit dem Rückzug aus dem Glasfasergeschäft gab Siemens auch alle Kabelaktivitäten auf. Damit verschwand auch der Schriftzug " Siemens " vom Dach des Kabelwerks Neustadt (KLN).

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