Liebe Leserinnen und Leser,
wir erinnern mit der Serie "Menschen wie du und ich" an nicht-prominente Menschen aus dem Landkreis Bad Kissingen, die in jüngster Zeit gestorben sind. Wenn auch Sie wünschen, dass wir das Leben eines geliebten Menschen nacherzählen, kontaktieren Sie uns gerne per E-Mail an Susanne.Will@Saale-Zeitung.de. Dieser sehr persönliche Service ist mit keinen Kosten für die Hinterbliebenen verbunden.
Sein Grab auf dem Friedhof in Reiterswiesen dürfte das coolste sein: Die Daten seines Geburtstags – 25. Oktober 2004 – und seines Todestags – 13. Juni 2024 – sind auf ein hölzernes Skateboard gedruckt. Der asiatische Ahorn erinnert an seine andere große Liebe, japanische Zeichentrickfilme. Dass er mit ganzem Herzen Motorradfahrer war, bleibt für den Besucher des Grabs verborgen. Doch liegt seine Asche in einer Urne, die mit dem Bild eines Motorrads verziert ist. Sein größter Traum: So bald wie möglich in Amerika mit einer dicken Maschine cruisen. Die grausame Realität: Er verlor sein Leben auf einer Kawasaki 750 in einer Kurve zwischen Bad Kissingen und Euerdorf.
Dass ihm das Leben geschenkt wurde, war nicht geplant. „Raphael war unser schönster Unfall“, erzählen seine Eltern Bianca und Sebastian Pietsch. Bianca hatte schon Michelle, eine Tochter aus einer anderen Beziehung, damals zwei Jahre alt, als die beiden zusammenkamen. In der ersten Zeit, wenn alles noch viel zu frisch scheint, um Eltern zu werden, wurde Bianca schwanger.
Plötzlich schwanger: Raphael wurde von der ersten Sekunde an geliebt
Es gab keine Diskussionen: Wir bleiben zusammen, wir kriegen dieses Kind. Und spätestens, als die kleine Michelle Sebastian fragte, „kann ich Papa zu dir sagen?“, war es um Sebastian geschehen, das kleine Mädchen war und ist seine Tochter. Zum 16. Geburtstag von Michelle adoptierte er sie dann endlich.
„Trotzdem war es für mich etwas Besonderes, dass ich jetzt auch einen Sohn hatte“, erzählt der 46-Jährige. Fußballspielen, handwerken, boxen – er freute sich eben auf die Jungssachen, die Väter lieben und Söhne einfordern.
Doch anfangs war Raphael ein Sorgenkind, als er in Wilhelmshaven zur Welt kam. „Er war sehr lang und sehr dünn“, erinnert sich Bianca. Bald stabilisierte sich sein Körper, doch innen blieb er zart. Bis ins siebte Lebensjahr quälten ihn Fieberkrämpfe, er fing sich jede Erkältung ein, bekam Asthma, inhalierte noch als Grundschulkind, hielt quälende Kindermigräne aus. „Erst in der dritten Klasse ist er robust geworden“, erzählt Mutter Bianca (43). Lange Zeit war Raphael ein Mama-Kind. „Mama, später musst du Papa verlassen, damit ich dich heiraten kann“, sagte er ernst.
Über Umwege nach Reiterswiesen
Nach einem schweren Unfall war die Karriere des Vaters bei der Bundeswehr als Fallschirmjäger beendet, über Umwege kam die kleine Familie zunächst nach Oberthulba, dann nach Reiterswiesen, er ist jetzt im Straßenbau und glücklich dort. „Ich mag es, wenn ich körperlich arbeite“, sagt Sebastian Pietsch, ein Schrank von einem Kerl.
Raus aus der alten Klasse, hinein in die fremde Schule – für Raphael kein Problem. Er fand ruckzuck Anschluss – und langweilte sich, was den Stoff anging. Bianca: „Er musste Hausaufgaben nur zwei-, dreimal lesen, dann hatte er sie intus.“
Kids-Jargon: Zwischen stabil und voll unnötig
Das änderte sich auch nicht in der Realschule in Bad Kissingen. Aus dem schwächelnden Kind war ein selbstbewusster Junge geworden, der seine Befindlichkeit in genau zwei Floskeln ausdrückte: „Stabil“ bedeutete „gut“, „voll unnötig“ waren die nervenden Seiten eines Lebens zwischen Pubertät und Erwachsenwerden.
So reduziert und klar wie seine Sprache, so ist auch – noch immer – sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern. Kein Schnickschnack, das einzige Poster an der Wand hat seine Mutter entworfen. Bett, Stuhl, Tisch, Schrank und ein Trainingsgerät, mehr brauchte er nicht. Bis zur Perfektion trainierte er hier Oberarme, Beine, Schultern, gab seinem Papa Tipps, forderte ihn beim Liegestütz heraus. Jeden Abend wurden 100 Stück gemacht. Und diese Tradition führt sein Papa jetzt allein weiter.
Sein Lachen auf Video hilft der trauernden Mutter
Ein Sparfuchs, der sein Geld für die wichtigen Dinge zurücklegte und das waren besondere Klamotten aus Amerika, die ihn als Fan von Skateboards, Animes - in Japan produzierte Zeichentrickfilme - oder als Gamer outeten. Nächtelang zockte er am Computer durch, seine Mutter wachte oft auf, weil er sich in seinem Kinderzimmer mit den anderen Jungs der Community kaputtlachte. Ein herrlich erfrischendes, lautes Kichern, aus dem Bauch über die Kehle, das sich seine Mutter nun immer wieder anhört. Sie hat ein Video, auf dem er so herzhaft lacht. „Wenn ich das höre, geht es mir besser“, sagt sie.
Die Jungs, mit denen er zockte, blieben keine anonymen Spielekumpels. Viele von ihnen kamen aus Heilbronn. Raphael besuchte sie im echten Leben und hat dort so einen Stellenwert erhalten, dass er sogar in einer Abi-Zeitung in Heilbronn erwähnt wird.
Ab der vierte, fünften Klasse waren es seine Boys Kevin und Moritz, seine Jungs, mit denen er durch Dick und Dünn und jede Halfepipe ging. Denn Raphael, den da schon alle „Peep“ nannten, hatte endlich seinen Sport gefunden: Alles, was man auf einem Brett stehend tun konnte. Der Skaterplatz in Kissingen wurde sein Kinderzimmer, im Winter stand er auf dem Snowboard, im Sommer auf dem Wakeboard im See bei Thulba.
Bei Wind und Wetter waren die Boys draußen, das Skaten und Wakeboarden stärkte den Jungen, um den sich die Eltern früher so sehr sorgten. Das Trio Infernale baute Hütten im Wald oder chillte am Bach. Sie machten Fahrradtouren zum Kreuzberg, Ausflüge zu Trampolinhallen, sie waren immer draußen aktiv. Brachen ins Kinderheim ein, wie so viele Lost-Places-Fans, der ein oder andere geklaute Kaugummi im Supermarkt - so richtig etwas angestellt haben sie aber nie.
Im Sarg: eine Schachtel Streichhölzer von seinen Boys
Irgendeiner hatte immer auch eine Schachtel Streichhölzer dabei. Die schnippten sie so, dass sie angezündet in den Bach fielen und dort zischend erloschen. Deshalb liegt neben seinem Skateboard auch eine volle Packung Streichhölzer im Sarg – ohne die, fanden die verwaisten Boys, durfte Raphael nicht gehen. Weitere Grabbeigaben: sein Fischerhut, die Konzertkarte seiner Lieblingsband, seine Lieblings-Matchbox-Autos und ein Skateboarddeck, das er vorher als Deko an der Wand hatte. Die Highlights aus seinem zu kurzen Leben.
Die Freunde ihrer Kinder durften zu jeder Tages- und Nachtzeit Sebastian und Bianca heimsuchen. Dass alle die Eltern unglaublich cool fanden, nervte Raphael ab und an. Denn: Ja, natürlich waren die Eltern cool, weil sie für die Kids Pokerabende organisierten; weil sie hier auch kontrolliert den ersten Joint und den ersten Alkohol probieren konnten – allerdings mit strengen Regeln. „Wir konnten es ja nicht verhindern, wussten aber, dass sie es ausprobieren werden. Deshalb versuchten wir, es zu kontrollieren“, so der Vater. Mit Erfolg, zumindest bei Raphael, der wurde zum fast militanten Nichtraucher. Als seine Schwester Michelle zur Zigarette griff, da war er maßlos enttäuscht von ihr.
Aber natürlich hatten die Eltern auch andere Seiten: Klare Absprachen, Offenheit, Ehrlichkeit, Höflichkeit und Respekt – Grundfesten der Erziehung, an denen nicht gerüttelt wurde. Einmal zeigten die Eltern, dass sie es ernst meinten. Ihr Pflichten im Haushalt hatten Michelle und Raphael vernachlässigt. „Wenn das nicht aufhört, gibt es nichts zu Weihnachten“, drohten sie.
Diese Weihnachten vergaß Raphael nie
Das machen die eh nie, dürften sich die beiden Youngsters gedacht haben. Doch, sie haben es gemacht. Statt des gewünschten Fernsehers für Michelle und des Rads für Raphael gab es nur zwei Ausdrucke vom Fernseher und vom Rad. Während Michelle in Tränen ausbrach, bemühte sich Raphael um Coolness – nicht sehr überzeugend. Die Eltern gingen zur Tagesordnung an Heiligabend über und sahen sich einen Film an. Eine halbe Stunde hielten sie durch, dann gab es natürlich doch noch die beiden Geschenke. „Sie sollten sehen, dass wir wirklich ernst machen können“, erzählen die Eltern. Es hat genutzt: Küchendienst war ab da kein Problem mehr.
Geschwisterliebe zwischen Rangelei und Innigkeit
Michelle, die große Schwester. Mit ihr baute er Höhlen und prügelte sich um die Fernbedienung. Er holte die Bälle aus Büschen, weil er um ihren Ekel vor Spinnen wusste, und ließ sich von ihr zwingen, mit ihr Barbie zu spielen. Wenn sie eine fünf oder sechs geschrieben hatten, fälschten sie die Unterschrift der Eltern, mit ihr fuhr er zum ersten Mal heimlich Auto – natürlich ohne Führerschein, und beide deckten sich, wenn einer mal wieder ein Handyverbot kassiert hatte. Sie erfanden bei jedem Spiel neue Regeln wie eine Extrazahlung von Hartz-4 bei Monopoly.
Zwei wie Pech und Schwefel, die sich zoffen konnten, dass die Wände wackelten – um kurz drauf gemeinsam zu McDonald’s zu fahren. Raphael, bei dem sie sich ausheulen konnte, der immer tröstend sagte „Ach, ist doch voll unnötig, scheiß drauf.“
In ihrer Rede am Grab hielt Michelle den wohl wichtigsten Teil von Raphaels Persönlichkeit fest: „Du hast alles mit 500 Prozent gemacht.“ Wenn Raphael etwas begann, beendete er es erst, wenn er es perfekt konnte. Eine Fähigkeit, die ihn eines Tages fast an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Er entschied sich 2021 nach der Realschule für eine Lehre als Lagerist bei einer Spedition. Doch bald merkte er: Palette auf Stapler, Palette ablegen, zurück mit dem Stapler, Palette drauf – das ist es nicht. Das kann nicht sein Leben werden.
Der falsche Job: Raphael bekam Depressionen
Zum ersten Mal war er auf geradem Weg dabei, an sich selbst zu scheitern, eine für ihn große Niederlage einzustecken, in dem er Begonnenes nicht beendete. „Er wurde still und stiller, er aß kaum noch – und er redete nicht mit uns“, noch im Nachhinein sind die Sorgen den Eltern über die Depression des Jüngsten anzusehen. Bis sie ihm die Pistole auf die Brust setzten: Entweder, du redest mit uns, oder mit einem Spezialisten, einem Therapeuten. Dann rückte Raphael mit der Sprache raus.
Traumberuf Hotelfachmann: vom maulfaulen Kerl zum Charmeur
„Er hat sich nicht getraut, mit uns zu reden“, erinnert sich der Vater, „weil er immer alles sehr gut machen wollte“. Doch hier hatte er eine Grenze gefunden. „Mama, wenn ich das durchziehe, kannst du mich danach einweisen“, habe er gesagt. Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen - Werte, die den Eltern wichtig sind. „Und natürlich haben wir unser Kind ernst genommen.“ Er durfte die Lehre abbrechen. Und was als Zwischenjob angedacht war, entpuppte sich für Raphael als großes Glück: Als Bedienung jobbte er im Café am Sinnberg – und entdeckte: Das ist mein Beruf.
Bianca: „Unser maulfauler Kerl entwickelte sich zum Charmebolzen, wenn er bediente. Sobald er einen Fleck auf dem Besteck sah, polierte er nach, er hatte seine Augen überall. Er ging einfach in dem Job auf.“ Er war so gut darin, dass er alsbald eine Ausbildung zum Hotelfachmann im Parkhotel Cup Vitalis ergatterte. „Er wollte mit seinem Abschlusszeugnis nach Österreich gehen, dort arbeiten – er hätte nach jedem Feierabend Snowboard fahren können“, sagt Vater Sebastian.
Endlich das erste Motorrad
Und er hatte noch etwas durchgesetzt: Er machte den Motorradführerschein. Um am Morgen Zeit zu sparen, stieg er mit Anzug, Krawatte, Helm und Turnschuhen auf den Sattel, wechselte im Cup Vitalis nur die Schuhe und ratterte abends wieder zurück. Er sparte jede Minute, um die gewonnene Zeit mit seinen Bros beim Zocken oder mit seinen Boys in Reiterswiesen zu verbringen.
Das Herantasten an Grenzen hat bei Raphael Spuren hinterlassen. Narben auf der Stirn, ein Loch im Hinterkopf, nicht nur deshalb hatte vor allem Mutter Bianca Angst, als er sich die Kawasaki 750 zulegte. Es gibt ein Foto, auf dem er zum ersten Mal im Sattel sitzt. Er hält den Kopf gesenkt, er lächelt leicht, mit fast zärtlichem Blick betrachtet er die Maschine. Jeder andere würde wohl in die Kamera blicken, doch er schaut verliebt sein Bike an.
Er soll ein Frauenversteher gewesen sein
Die Eltern haben nie gesehen, dass er ein Mädchen so angesehen hat – erst nach der Beerdigung erfuhren sie von seinen Freunden, dass er ein echter Frauenversteher gewesen sein soll, einer, der zuhören konnte und der natürlich auch das ein oder andere am Laufen gehabt hat. Doch wenn Raphael sich treu geblieben ist, dann hätte er erst mit der Sprache rausgerückt, wenn die Gefühle echt und tief gewesen wären.
So packte er seine ganze Aufmerksamkeit in die Kawasaki, übte im Wald den Hochstart, blieb aber, wie er war: ein Perfektionist, einer, der übt und übt und übt, bis er es perfekt kann.
"Und wenn es passiert, dann ist es sofort vorbei"
„Spatzi“, hat die Mutter gesagt, „wenn dir was passiert!“ Und er sagte: „Mir passiert nichts. Und wenn es passiert, dann ist es sofort vorbei.“
Das Letzte, was Bianca Pietsch von ihrem Sohn hörte, war, wie er an jenem Donnerstag im Juni 2024 nach 13 Uhr die Wohnung verließ. Sie hörte, wie das Garagentor aufschwang, wie er die Maschine warmlaufen ließ, wie er losfuhr. Sie wollten noch einkaufen gehen an diesem Tag,
Zum Todeszeitpunkt schickte Mama eine WhatsApp
Um 15.41 Uhr schickte sie ihm eine WhatsApp. „Was ist mit einkaufen?“ Später legte der Gerichtsmediziner 15.41 Uhr als Todeszeitpunkt fest. Es war der Moment, als das Motorrad aus der Kurve getragen wurde und Raphael gegen einen Haufen aus Holzstämmen prallte.
Es wird noch lange dauern, bis Mutter Bianca aufhören kann, automatisch noch für „Peep“ einen Teller zum Mittagessen hinzustellen oder ihn zum Essen rufen zu wollen. Michelle will ihrem Bruder täglich witzige Memes über Instagram schicken, „die hätte er bestimmt gefeiert“, sagt sie. Vater, Mutter und Schwester tragen ein bisschen Asche aus der Urne in Schmuckstücken, die sie nie ablegen, als Trostspender nah am Herzen.
Seine Träume: Skaten in Tokio, mit dem Bike durch die USA
Sebastian und Bianca Pietsch reden viel miteinander, sie weinen viel miteinander. Und sie erinnern sich, welche Träume ihr „Peep“ noch gehabt hat. Er wollte in Japan die Kirschblüte sehen, er wollte mit dem Motorrad durch die USA reisen und in Tokio skaten.
Ein Arzt aus dem Bad Kissinger Krankenhaus sagte, Raphael habe nichts mehr gemerkt, er habe nicht gelitten. „Vielleicht hat er sich noch ganz kurz gedacht: Fuck.“ Das, sagt die Mutter, sei ein großer Trost. Raphael hatte keine Schmerzen. Was ihr hilft: „Dass er in diesem Moment glücklich gewesen ist. Das Motorrad war seine große Liebe. Er ist in einem Moment des Glücks gestorben.“
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