Nicht nur das Robert Koch Institut (RKI) sieht die psychische Gesundheit als eine wesentliche Voraussetzung für Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und sozialer Teilhabe an. Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit sind weit verbreitet und reichen von leichten Belastungen bis zu schweren Symptomen oder psychischen Störungen.
Dr. Joachim Galuska, Mitbegründer und Gesellschafter der Heiligenfeld Kliniken, ist als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychiatrie ein profunder Kenner der Materie. Immer wieder setzte er sich in seinen Büchern mit den psychischen Herausforderungen für Mensch und Gesellschaft auseinander. Er entwickelte ein Klinikkonzept, das den Menschen in seiner Ganzheit betrachtet und auch spirituelle Aspekte einbezieht.
In seinem neuesten Buch „Die Seele des Psychotherapeuten“ richtet Dr. Galuska den Blick auf diejenigen, die den therapeutischen Prozess maßgeblich mitgestalten: die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im ambulanten wie stationären Bereich. Auf rund 310 Seiten beschäftigt er sich mit der „inneren Haltung des Psychotherapeuten“ als wesentlichen Aspekt therapeutischer Wirksamkeit und entfaltet dabei sein Konzept einer „beseelten Psychotherapie“.
Im Gespräch erläutert er seine Motivation für das Buch.
Herr Galuska, aktuelle Zahlen weisen auf eine zunehmende psychische Belastung der Gesellschaft hin. Wie erklären Sie diese Entwicklung?
Joachim Galuska: Wir erleben eine psychosoziale Überforderung der Gesellschaft, die bei den Menschen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen oder Suchterkrankungen auslösen können.
Ursache hierfür sind die vergangenen und aktuellen Krisen, angefangen bei Corona, über die Kriege und Verwerfungen in der Welt bis hin zu wirtschaftlicher Unsicherheit oder den Auswirkungen des Klimawandels. Wir leben gewissermaßen in einer komplexen, vielfältigen Dauerkrise, die den Einzelnen überfordert.
Kann der Einzelne etwas tun, damit er diese psychischen Herausforderungen und Belastungen besser bewältigen kann?
Er sollte lernen, mit seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist gut umzugehen. Zu dieser persönlichen Resilienz gehören auch gute und stabile Beziehungen, also ein soziales Netzwerk aus Menschen, auf die wir uns verlassen können. Wenn die persönlichen und sozialen Ressourcen nicht ausreichen, dann ist externe Hilfe gefragt, dann sind Ärzte und Therapeuten gefragt.
Der Begriff der „Seele“ spielt sowohl in Ihrem Buch als auch bei dem von Ihnen entwickelten ganzheitlichen Therapiekonzept eine zentrale Rolle. Können Sie kurz erläutern, was Sie darunter verstehen?
Ich verstehe die Seele nicht als etwas Greifbares oder religiös Definiertes, sondern als Metapher für einen offenen Bewusstseinsraum. Sie steht für die Erfahrung, dass wir Menschen mehr sind als unsere Gedanken über uns selbst, unsere Diagnosen oder die Konzepte, mit denen andere uns betrachten. Die Seele lässt sich für mich daher weniger rational erfassen als vielmehr spüren.
Gerade den Psychotherapeuten stellen Sie in den Mittelpunkt Ihres neuesten Buchs. Warum kommt diesen Fachkräften eine so zentrale Bedeutung zu?
Der Psychotherapeut ist das Bindeglied zwischen den Wissenschaften und der praktischen Anwendung und damit die Bezugsperson für den Patienten, der er mit Vertrauen auf Hilfe und Heilung begegnet. Mit seiner Persönlichkeit, seiner Präsenz und seiner inneren Haltung beeinflusst der Therapeut maßgeblich den Behandlungsprozess und trägt zu einer gelingenden Therapie bei.
Durch Ihr Buch „Die Seele des Psychotherapeuten“ plädieren Sie dafür, die therapeutische Perspektive zu erweitern. Können Sie Ihren Ansatz verdeutlichen?
In der Psychotherapie gibt es verschiedene Ansätze und Formen, die mal tiefenpsychologisch, mal verhaltens- oder gesprächstherapeutisch ausgelegt sind und vom Therapeuten angewendet werden. Jeder Ansatz ist aber eine Brille, durch die der Patient einseitig betrachtet und dadurch nicht ganzheitlich behandelt wird. Meine Überlegungen richten sich nicht gegen die verschiedenen Therapieverfahren, die ihre Berechtigung und Wirksamkeit haben.
Vielmehr möchte ich durch meinen Ansatz der „beseelten Psychotherapie“ den Blickwinkel und damit den Gestaltungsraum des Therapeuten erweitern: Er soll an keine, meist einseitig ausgerichtete Perspektive gebunden sein und ganzheitlich zum Wohle des Patienten handeln. Dabei ermöglichen ihm seine Erfahrungen, sein Reifeprozess, seine Intuition und eine innere Seelenverankerung, das jeweils passende Therapiekonzept anzuwenden.
Was genau meinen Sie mit „innerer Seelenverankerung“?
Dieser Begriff ist mehrschichtig. Einerseits möchte ich Ärzten und Therapeuten einen Weg aufzeigen, wie sie ihre Arbeit durch eine Verankerung in der Seele wieder mit Sinn und tiefer menschlicher Präsenz füllen können. Andererseits betrifft es die Beziehung zwischen Therapeut und Patient, die aus drei Ebenen besteht: einer professionellen Arbeitsbeziehung, unbewussten Übertragungsprozessen und zwischenmenschlichen Begegnungen. Diese drei Ebenen sollten um die „Wesensbeziehung“ erweitert werden, eine Ebene, auf der sich die Seelen von behandelnder und behandelter Person begegnen, wodurch die Behandelten einen stärkeren Zugang zu ihrem Wesenskern erhalten und ihre Selbstheilungskräfte gefördert werden.
Dies ist ein wünschenswerter Gedanke, aber wie soll dieses Ziel erreicht werden?
Eine wesentliche Voraussetzung ist für mich das bewusste Innehalten. Gerade in einem von Zeitdruck, Effizienzanforderungen und festen Abläufen geprägten Praxis- und Klinikalltag kann bereits ein kurzer Moment der bewussten Pause dazu beitragen, sich wieder stärker auf die persönliche Begegnung einzulassen. Nur wenn wir selbst präsent sind, können wir einen Seelenraum schaffen, in dem der Patient sich wirklich wahrgenommen fühlt.
Und das gilt nicht nur für die therapeutische Beziehung, sondern für die Medizin insgesamt und sollte sich meines Erachtens auch auf das menschliche Miteinander übertragen. Idealerweise sollte eine solche innere Verankerung zu einer Grundhaltung in allen gesellschaftlichen Bereichen werden, in denen Menschen einander begegnen und Verantwortung füreinander übernehmen – von Kultur und Wissenschaft über Wirtschaft und Politik bis hin zu unserem Umgang mit der Umwelt.
Hintergrund
- Im Jahr 2024, so das RKI, erhielten in Deutschland 40,9 Prozent der Erwachsenen die Diagnose einer psychischen Störung in der ambulanten Versorgung, wobei Frauen öfter betroffen waren als Männer. Im Jahr 2012 lag der Anteil noch bei 35 Prozent.
- Bei den Krankschreibungen liegen psychische Erkrankungen auf Platz drei mit 323 Arbeitsunfähigkeitstagen pro 100 versicherten Arbeitnehmern.
- Im Jahr 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt 17,9 Millionen Menschen stationär behandelt, davon 1,1 Millionen Patienten mit einer psychischen Störung. Darunter waren 116.300 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren, was 18,9 Prozent von insgesamt 615.300 stationären Behandlungen in dieser Altersgruppe entspricht.
- Stationäre psychotherapeutische und psychosomatische Behandlungen werden in Bad Kissingen in mehreren Kliniken angeboten. Insgesamt stehen hier 730 Therapieplätze zur Verfügung. Zudem gibt es eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit rund 45 Plätzen. Zudem bieten in Bad Kissingen und im angrenzenden Umland rund 30 Personen als Psychologische Psychotherapeuten, Dipl.-Psychologen oder Ärzte mit fachlicher Zusatzqualifikation ambulante psychotherapeutische Hilfe an.
Das Buch:
Joachim Galuska, Die Seele des Psychotherapeuten, Kösel, 28 Euro (D), 320 Seiten, ET: 26.08.2026












