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Kissinger Sommer 20206
Cecilia Bartoli: Als sei sie nie weg gewesen
Cecilia Bartoli
Konzertabend „Queen of Baroque“ mit Cecilia Bartoli und Les Musiciens du Prince, Monaco, beim Kissinger Sommer. // Julia Milberger
Bad Kissingen – Kissinger Sommer: Nicht nur Cecilia Bartoli hatte großen Spaß an ihrem Konzert im Max-Littmann-Saal

Natürlich war die Spannung groß im randvollen Max-Littmann-Saal. Man wollte dabei sein bei der Rückkehr von Cecilia Bartoli, die vor zehn Jahren das letzte Mal beim Kissinger Sommer war. Man hatte viel von ihr gehört, vor allem aus Salzburg, wo sie nicht nur als Sängerin aktiv ist. Aber man wollte sich halt gerne auch ein eigenes Bild machen, ob (natürlich) und wie sie sich vor allem stimmlich verändert hat.

Kontakt zum Publikum

Und das erstaunliche geschah: Als nach einer Ouvertüre des Orchesters – Händels Sinfonia aus der Oper „Rinaldo“ – Cecilia Bartoli leise auf die Bühne kam, war es, als sei sie nie weg gewesen. Sie hatte sofort wieder Kontakt zu ihrem Publikum und vermittelte ihm das Gefühl, jetzt gemeinsam etwas unternehmen zu wollen, auf das man sich freuen konnte. Und man konnte sich freuen.

Natürlich hat sie sich verändert. Wäre ja letztlich auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Und natürlich hat sich auch ihre Stimme verändert, Wobei man sagen muss, dass sie als Mezzosopranistin weniger Probleme hat als ihre Kolleginnen vom Sopran. Und weil sie vernünftigerweise auch nie Wagner gesungen hat. Sagen wir mal so: Ihr wichtigstes Werkzeug, ihre Stimmbänder, haben wie bei jedem Menschen etwa an Elastizität eingebüßt, wobei sie mit ihrem Training den Prozess entschleunigen kann. Aber sie ist halt eine erfahrene Sängerin, die mit einer ganz bewussten Artikulation des Ansatzes viel ausgleichen kann. Ansonsten hat sie immer noch ihre enormen Klangfarben, ihr Timbre, ihre belcantistischen Fähigkeiten, ihr tolles Rhythmusgefühl und ihre ansteckende Lust am Singen.

Aber eins scheint sich verändert zu haben, wenn es kein Zufall war. Aber Cecilia Bartoli kann sich selbst am besten einschätzen. Sie scheint ihre extreme Virtuosität ein bisschen zurückgefahren zu haben. Sie kann immer noch sehr schnell singen, schnell durch die Intervalle springen. Aber zungenbrecherische Bravourstücke waren zumindest dieses Mal nicht im Programm enthalten. Früher hätte sie ein solches Konzert sicher mit Carlo Pepolis „La Danza“ beendet und vorher von tobenden Stürmen und tosenden Meeren gesungen – aber vielleicht war es auch nur ein Zufall des Programms.

So endete sie mit Händels „What passion cannot Music raise and quell“ aus der „Ode for St Cecilia’s Day“. Auch ein schöner, aber nachdenklicher Schluss.

Ansonsten sang sie viel Händel: „V’adoro, pupille“, eine Arie der Cleopatra aus der Serenata „Giulio Cesare in Egitto“ oder „Augelletti, che cantate“ die Arie der Almirena aus „Rinaldo“ mit den vielen Vogelstimmen. Bei dem ungemein poetischen, intimen „Lascia la spina, coglie la rosa“ scheint auch sie nach dem tausendsten Mal sichtlich gerührt zu sein. Aber es gab auch Antonio Vivaldis „Sovvente il sole“ – alles ungemein ausdrucksstark und trotzdem sorgfältig gesungen. Und immer wieder brach bei ihr die Experimentierlaune durch.

Sie hatte früher schon gerne ausgetestet, wie leise man im Max-Littmann-Saal singen kann, um trotzdem noch verstanden zu werden. Und sie war auch jetzt wieder beeindruckt.

Perfekter Begleiter

Das Orchester Les Musiciens du Prince – Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano war (leider) zum ersten Mal beim Kissinger Sommer. Es erwies sich als der perfekte Begleiter: ein gemäßigtes Originalklangorchester in einer nicht einmal so kleinen Besetzung, das mit einem wunderbar lebendigen Klang ganz ausgezeichnet auf Cecilia Bartolis Spontanität einließ und in den instrumentalen Stücken von Händel, Hasse oder bei dem Konzert für Trompete, Streicher und Basso continuo D-Dur von Telemann spannende Klänge und Strukturen entwickelt.

Und das sich mit viel Vergnügen auf die Komödiantin Cecilia Bartoli einließ und von ihr provozieren ließ etwa zu Wettstreiten, wie es sie in der Barockzeit tatsächlich gegeben hat – damals allerdings mit großem Ernst geführt. Aber jetzt: Wer war besser: Trompete oder Stimme? Klar, dass die Trompete irgendwann nicht mehr folgen konnte.

Oder das gelassen blieb, als sich, völlig deplatziert, die Sängerin in den Instrumentalstücken immer mal nach vorne in die Mitte drängelte, weil sie endlich wieder singen wollte, weil sie sich als Primadonna beleidigt fühlte und wieder eingefangen werden musste – ein köstliches, aber perfekt organisiertes Chaos.

Interessanterweise war im Programm zusätzlich zu allen Ankündigungen noch ein Tänzer aufgeführt. Man hatte schon Befürchtungen, dass er einen auf Mary Wigman machen würde.

Aber zum Glück beschränkte er sich auf zwei oder drei Armbeugen. Für mehr war nicht Platz auf der Bühne. Hätte er zu einem Sprung angesetzt, wäre er im Publikum gelandet. So konnte er sich auf seine zweite hineininszenierte Aufgabe konzentrieren: Er war Cecilia Bartolis Garderobier, der ihr auf offener Bühne half, ihre Kostüme den Rollen anzupassen. Und noch etwas war neu: Über dem Podium hing eine schwarze Tafel, auf die die gesungenen Titel projiziert wurden. Das war für den einen oder anderen ganz hilfreich, und mit der Zeit wird es auch perfekt funktionieren.

Offenbar hatte nicht nur Cecilia Bartoli großen Spaß an diesem Konzert, sondern auch alle anderen Beteiligten, die noch nicht aufhören wollten. Und so saßen die Zugaben locker. Zuerst die Arie „Mie fide schiere, all'armi " aus der Oper „I trionfi del fato“ („Die Triumphe des Schicksals“) des italienischen Komponisten Agostino Steffani, dann die unvermeidlichen „Non ti scordar di me“ von Ernesto De Curtis und „O sole mio“ von Eduardo Di Capua und schließlich „Nobil onda“ aus der Oper „Adelaide“ von Nicola Antonio Porpora.

Und war da vielleicht auch „Summertime“ dabei? Da wurden noch einmal alle Register des komödiantischen Singens und Musizierens gezogen. Endlich einmal wieder ein Konzert, in dem es nicht nur viel zu hören, sondern auch zu lachen gab.

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