Natürlich war das Bedauern groß, als die Mezzosopranistin Waltraud Meier im Oktober 2023 ihren Abschied von den internationalen Bühnen nahm. Und doch ist sie ihrer Kunst in einer wichtigen Funktion erhalten geblieben: Sie gibt Meisterkurse. Und da sie jetzt viele freie Abende hat, hat sie die Lesung für sich entdeckt.
Jede Silbe mit Spannung
Eine kluge Entscheidung auch für das Publikum, wie man jetzt im Max-Littmann-Saal erkennen konnte. Denn es ist schon etwas Spezielles, wenn jemand mit einer ausgebildeten Gesangsstimme einen Text vorliest. Für die Opern- und Liedsängerin Waltraud Meier war und ist es ganz normal, das Wort nicht nur für sich, sondern auch als Teil der Musik zu sehen. Und so gestaltet sie nicht nur die großen Emotionen, sondern gibt jeder Silbe ihre eigene Spannung. So entstehen starke, differenzierte Sätze, mit denen sich lange Spannungsbögen basteln lassen. Und sie hat die Wichtigkeit einer glasklaren Artikulation gelernt, mit der sie nicht nur als Sängerin, sondern auch als Vorleserin ihr Publikum interessiert machen kann.
„MazelTov!“ Dem Motto des Kissinger Sommers 2026 entsprechend, hatte Waltraud Meier eine Dichterin und einen Dichter ausgewählt, die mit Bad Kissingen in Verbindung stehen: Else Lasker-Schüler und Gad Kaynar-Kissinger: Erstere wurde zwar inb Elberfeld geboren und lebte später in Berlin und Jerusalem. Aber ihr Großvater mütterlicherseits war ein Weinhändler in Bad Kissingen. Wann oder ob sie ihn besucht hat, ließ sich bisher nicht feststellen. Ein Teil ihrer Gedichte hat sie ihrer Mutter Jeannette gewidmet, die mit 52 Jahren starb, als Else Lasker-Schüler 21 Jahre alt war. Sie hat diesen Tod nie wirklich überwunden und schrieb, sozusagen als Trauerarbeit, mehrere Gedichte über sie. Waltraud Meier las aus dem berühmtesten: „Meine Mutter“. Mit dem Satz „Als meine Mutter starb, zerbrach der Mond“ begann sie den Text, der ihre Mutter immer noch präsent erscheinen ließ. Und sie fragte: „War sie der große Engel, der neben mir ging? Ich werde jetzt immer ganz alleine sein wie der Engel neben mir“.
Waltraud Meier hatte mit der Textauswahl ein breites Spektrum der Themen eröffnet, und damit konnte sie zeigen, das sich die Dichterin stilistisch nicht einfach verorten ließ. Und sie hatte weitere berühmte Gedichte ausgewählt wie „Weltende“, „Mein blaues Klavier“. Die Verscheuchte“ oder „Abschied“.
Ein prägnantes Beziehungsgedicht
Gad Kaynar-Kissinger hat das Dritte Reich nicht erlebt, aber setzte sich mit dem Problem auseinander, das er als Kind als deutscher Muttersprachler in Israel hatte. Denn Deutsch galt dort lange als „verbotene Sprache“. „Meiner Mutter Sprache“ ist denn auch sein bedeutendstes autobiografisches Werk. Es beschreibt die Zerrissenheit, in Israel mit der deutschen Sprache der geflohenen Eltern aufzuwachsen. Oder „Schweigen“ - ein prägnantes Beziehungsgedicht über die körperlose, fast greifbare Sprachlosigkeit und Distanz zwischen zwei Menschen, die sich gegenübersitzen. Gad Kaynar-Kissinger hatte es sich nicht nehmen lassen eigens zu dieser Lesung nach Bad Kissingen zu kommen. Bei den Jüdischen Kulturtagen war er auch schon zu Gast.
Natürlich darf bei einer „Musikalischen Lesung“ die Musik nicht fehlen. Dmitry Yudin, Preisträger des Kissinger KlavierOlymps 2025, bot zwei Etüden von Witold Lutoslawski, Erwin Schulhoffs „Maxixe“ aus den „Fünf Pittoresken“ und „Präludium und Con molta espressione“ aus der „Suite für Klavier“ von Pavel Haas. Er fand mit leichter Hand eine perfekte Mischung von Heiterkeit und Melancholie, die die Lebenswirklichkeit der beiden Dichter wunderbar illustrierte. Und zum Schluss gab’s Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der Partita Nr. 1 B-Dur, die den Aspekt der Beruhigung, aber auch der Zeitlosigkeit ins Spiel brachte. Eine außerordentlich stimmige und stimmungsvolle Veranstaltung. Man sollte sich wieder mehr um die Poesie kümmern.









