Man müsste einmal nachzählen. Aber gefühlt sind die Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie das Orchester, das in den letzten 40 Jahren am häufigsten beim Kissinger Sommer gastiert hat, das mit einer Ausnahme jedes Jahr da war – und zwar sehr oft mit seinen Chefdirigenten Horst Stein, Jonathan Nott und, seit 2016, Jakub Hrůša, aber auch mit Gastdirigenten wie Herbert Blomstedt – der kürzlich seinen 99. Geburtstag feierte – oder Christoph Eschenbach, den beiden Ehrendirigenten. Und vielen anderen. Sie sind sozusagen zum inoffiziellen Hausorchester des Kissinger Sommers geworden. Sie haben es ja auch nicht weit bis nach Hause.
Und so stand auch dieses Mal wieder Jakub Hrůša am Pult. Chefdirigenten geben das Dirigat bei einem herausragenden Jubiläum nicht gerne ab – was ja sein Gutes hat. Und das Programm war dem Anlass angemessen. So erklangen zwei der Großwerke von Johannes Brahms, der im Max-Littmann-Saal zumindest in den vergangenen Jahren eine große Rolle gespielt hat.
Hrůša dirigierte analytisch
Aber es waren zwei Großwerke, die selten erklangen: die 3. Sinfonie und das 2. Klavierkonzert. Denn erstere gilt unter den Dirigenten, letzteres unter den Pianisten als schwierig. Dafür ist die 3. Sinfonie allerdings auch Brahms‘ kürzeste und komprimierteste. Jakub Hrůša dirigierte sehr analytisch, aber auch sehr zupackend, vermied jede romantische Vernebelung, was dem Orchester mit seiner auf Klarheit und Konturenschärfe zielenden Musizierweise sehr entgegenkam.
Die zwei „Vorhangakkorde“ die die Sinfonie eröffnen, erzeugten eine Spannung, die nicht nur durch den Satz, sondern durch die ganze Sinfonie anhielt. Und man konnte nicht nur die melodischen Einfälle von Brahms, die von vielen Seiten spannend beleuchtet wurden, genießen, sondern auch die Konstruktion der Sätze, die vielen raffinierten harmonischen Wechsel an Stellen, wo man sie nicht erwartete, die Fortspinnung der Themen, die in allen Sätzen wieder auftauchen.
Raffinierte KlangfarbenUnd man freute sich über das engagierte Musizieren des Orchesters, das mit raffinierten Klangfarben und einer sehr ausgefeilten Dynamik für Spannung sorgte, das eine sehr bewusste, intellektuelle Interpretation lieferte.
Solist beim B-Dur-Klavierkonzert war Lukas Sternath. Er hat 2022 in München den ARD-Wettbewerb im Fach Klavier gewonnen und anschließend auch am Kissinger Klavier-Olymp teilgenommen. Seine Interpretation war sehr durchdacht und harmonierte perfekt mit dem Orchester. Er spielte agogisch relativ frei im Rahmen seiner Freiräume, passte sich sehr gut in die Übergänge ein, die Jakub Hrůša sehr markant und sehr plausibel gestaltete.
Sehr gut funktionierte das Zusammenwirken in den wunderschönen Passagen mit den solistischen Bläsern vor allem im zweiten Satz, in denen beide Seiten sehr sensibel aufeinander eingingen. Und Lukas Sternat versuchte nicht, in Phasen, in denen er von Brahms zur zusätzlichen Orchesterfarbe heruntergefahren wird, trotzdem die Nase herauszustrecken und ich besonders bemerkbar zu machen. Gut hören konnte man ihn dank der Transparenz des Orchesters trotzdem.
Und in Sachen manuelle Fähigkeiten musste Lukas Sternath nie an seine Grenzen gehen. Er spielte souverän, konnte auf jede übertriebene virtuose Geste verzichten. Auch in den Kadenzen blieb er bodenverhaftet. Er setzte nicht auf die virtuose Show, sondern auf die strukturelle Flexibilität. Das Orchester war ihm dabei ein ausgesprochen fairer und sensibler Partner. Und doch blieb ein irritierender Beigeschmack, der die Begeisterung ein bisschen trübte: Sein Anschlag war sehr hart und dadurch sehr monochrom. Da verschenkte er einiges an Klangfarben. Und den Gebrauch des Pedals hätte man sich ein etwas eingeschränkter vorstellen können.
Sternath hielt dagegen
Deutlich wurde das gleich zu Beginn. Das Orchester hatte die beiden sehr kräftigen, lauten „Vorhangakkorde“ gespielt, als Lukas Sternath dagegenhaltend einstieg. Da prallten zwei Klangkonzepte zusammen, die nicht zusammenpassten: auf der einen Seite der klare, konkrete, konzentrierte und konturierte Klang des Orchesters, auf der anderen Seite die halligen, sich verbreitenden und sich dem Hörer entziehenden Klänge des Klaviers. Da hätte Lukas Sternath ganz einfach der guten Akustik des Max-Littmann-Saals mehr trauen und zutrauen müssen. Er kannte ihn ja eigentlich auch schon.
Als Zugabe spielte Lukas Sternath den dritten Brahms des Abends: sein Intermezzo op. 117/1. Da hatte er nicht die Konkurrenz des Orchesters, gegen die er sich behaupten musste. Und da konnte er plötzlich leise, lyrisch, verträumt und ganz weich spielen. Da bekam die Musik einen zauberischen Hauch. Ein schöner Abschluss, der nachwirkte.









