0
Kissinger Sommer
Vom Wintergarten in die Garage
Im Wintergarten auf der Dachterrasse musizierten die junge niederländische Geigerin Noa Wildschut und das Kammerorchester der Bamberger Symphoniker – ein Ensemble, das  eigens zu diesem Konzert zusammengestellt wurde.
Im Wintergarten auf der Dachterrasse musizierten die junge niederländische Geigerin Noa Wildschut und das Kammerorchester der Bamberger Symphoniker – ein Ensemble, das eigens zu diesem Konzert zusammengestellt wurde. // Gerhild Ahnert
Signet des Fränkischen Tags von Thomas Ahnert
Bad Kissingen – Das Ehepaar Münch hat in seinem spektakulären Domizil am Staffelsberg ein Benefiz-Doppelkonzert zugunsten des Kissinger Sommers organisiert.

Es war vielleicht kein Zufall, sondern eher ein Glücksfall, dass sich Kissinger-Sommer-Intendant Alexander Steinbeis und das Ehepaar Eugen und Ingeborg Münch kennenlernten. Vermutlich war es bei der letzten Mitgliederversammlung des Fördervereins Kissinger Sommer. Denn die Münchs gehören seit vielen Jahren zu den Sponsoren des Festivals. 

Man sei, so Steinbeis, ins Gespräch gekommen. Und dabei habe Eugen Münch den Vorschlag gemacht, sein neues Haus am Staffels mal für eine Benefizveranstaltung des Kissinger Sommers zur Verfügung zu stellen. In die Ausgestaltung, so der Hausherr, werde er sich nicht einmischen – oder anders gesagt: Carte blanche.  

Am 14. Oktober findet im innovativen Kissinger Haus „Wagenburg“ ein Benefizkonzert zugunsten des Kissinger Sommers statt.
Im innovativen Kissinger Haus „Wagenburg“ hat ein Benefizkonzert zugunsten des Kissinger Sommers stattgefunden. // Sigismund von Dobschütz

Das Ergebnis war ein Doppelkonzert, um möglichst alle Altersgruppen  zu erreichen: Zunächst ein traditionelles Konzert aus dem Bereich Klassik im Wintergarten auf dem Dach des Hauses, dann, für die Jüngeren (oder Junggebliebenen) eine moderne Variante: Ein „Garagenkonzert“. 

Pantha du Prince (oder bürgerlich: Hendrik Weber) in der Tiefgarage des Münchschen Anwesens
Pantha du Prince (oder bürgerlich: Hendrik Weber) machte in der Tiefgarage weiter. // Gerhild Ahnert

Der Name bot sich an, denn es fand tatsächlich in der Tiefgarage des Hauses statt. Die Autos waren evakuiert und der Boden geschrubbt. Und für manche Art von Musik eine höchst förderliche Akustik in der Weite des Raumes. Und am Ende natürlich – in dem flugs umgeräumten Wintergarten – ein geselliger Empfang. 

Über die Jahreszeiten

Was verbarg sich hinter dem Bereich Klassik? Das war ein Konzert über die Jahreszeiten – mit drei der Konzerte aus Antonio Vivaldi „Vier Jahreszeiten“ in Kombination und Gegenüberstellung mit den entsprechenden Einzelsätzen von Astor Piazzollas „Los Cuatro Estaciones Porteñas“ in einer Bearbeitung für Solovioline und Streichorchester von Leonid Desyatnikov.

Ensemble eigens zusammengestellt

Es musizierten die junge niederländische Geigerin Noa Wildschut und das Kammerorchester der Bamberger Symphoniker – ein Ensemble, das es offiziell gar nicht gibt, sondern das eigens zu diesem Konzert zusammengestellt wurde. Und das spielte, angestiftet und geradezu gescheucht von der Solistin, wie die Teufel. 

Mitten im Sturm

Auch wenn es übertrieben klingt: So natürlich authentisch, so mitreißend und so bildkräftig hatten wohl alle Besucher Vivaldis „Jahreszeiten“ noch nie gehört. Das war keine feinziselierte, betuliche und distanzierte Unterhaltungsmusik, wie sie Karajan und Kollegen vorgeschlagen haben, sondern pure Natur aus der Sicht der betroffenen Menschen. Da muss der Komponist mitten im Gewitter und im Sturm gesteckt haben oder im Winter mit klappernden Zähnen und kalten Füßen über das Eis gerutscht sein. Da wurde auch noch der letzte, für Streicher mögliche hässliche Ton genutzt, um starke, emotionale Bilder zu zeichnen. Und jede Möglichkeit des perkussiven Spiels.

Technische Souveränität

Und das alles mit einer technischen Souveränität nicht nur der Solistin, dass man, auch dank der guten Akustik des Raumes, eine absolut konturenscharfe, dynamisch stark differenzierte Musik erleben konnte, die allen großen Spaß machte. Wann sieht man schon Musiker bei ihrer Arbeit schmunzeln oder lachen? 

Technoparty im Keller

Dann ging’s zur Technoparty hinunter in den Keller, in die Tiefgarage, akustisch überraschend gut geeignet. Maurice Ravels Antwort auf die Frage nach seinem Meisterwerk ist bekannt: „Der Bolero natürlich. Schade nur, dass er überhaupt keine Musik enthält.“ 


Ravel hat Pantha du Prince (oder bürgerlich: Hendrik Weber) nicht gekannt. Bei seinem Bolero kann man das (einzige) Thema noch mitpfeifen oder nachsingen. Er hatte noch gelernt, dass Musik aus Melodie, Harmonie und Rhythmus besteht. 

„Garden Gaia“

Bei Pantha sind die beiden ersten Kategorien komplett entfallen. Zugegeben: die bruitistische Geräuschkulisse kann zunächst einmal interessant sein, weil sich die Klangfarben und eben auch Rhythmen ändern. Und noch interessanter wurde es hier, bei dem Programm namens „Garden Gaia“ (Garten Erdmutter“), als endlich der Schlagzeuger Brendik Hovik Kjeldsberg dazukam. Da bekamen die Geräusche plötzlich erkennbare rhythmische Strukturen.

Interesse erlahmte

Aber so schön das war: Die Effekte nutzten sich ab, weil sie sich wiederholten; das Interesse konnte erlahmen, weil diese Musik keinerlei Entwicklung erfährt, weil sie keine Gedanken erkennbar macht, mit denen der Komponist etwas Geistreiches anfängt, weil keinerlei  Emotionen geweckt werden. Und weil man sich immer öfter gegen steigende Dezibelzahlen wehren musste. 

Theoretische Unterfütterung

Was wirklich unverständlich ist, ist Panthas theoretische Unterfütterung: „Es gibt Wissenschaftler, die sagen: Wir Menschen sind zusammengefalteter Ozean. In meiner Musik geht es um Bewusstwerdung, um die Beschreibung von Lebensrealität und des verlorenen Paradieses mit den Mitteln der Musik. Es geht darum, sich in einem freien Raum zu bewegen und um eine maximale Offenheit und Sensibilität für den eigenen Körper zu entwickeln – das eigene seelische Befinden und die Atmosphäre, die uns umgibt...usw.“ 

Konnte man das alles hören? Wäre das alles nicht so lang und laut gewesen, hätte Hendrik Weber durchaus punkten können. Denn vielleicht ist sein „Garden Gaia“ in 40 Jahren schon klassische Musik. Und er hätte sich die Beobachtung ersparen können, dass schon lange vor dem Ende sich eine immer stärkere Prozession in Richtung Aufzüge zum Wintergarten bewegte. Dort konnte man sich beim Empfang ganz entspannt entfalten und unterhalten, Ernährungsdefizite ausgleichen und bekam von dem Trio „Redpack“ auch noch ein paar launige Ohrwümer auf den Weg . 

Mehr über Kultur in der Region lesen Sie hier:

Inhalt teilen
  • kopiert!