Nach vier Tagen voller Klaviermusik im und rund um den Regentenbau sind die Würfel gefallen: Der Sieger des Kissinger KlavierOlymps ist 26 Jahre alt, kommt aus Ungarn und heißt Mihály Berecz.
Das gab der künstlerische Leiter Alexander Steinbeis am Ende des Abschlusskonzerts im Max-Littmann-Saal bekannt.
Wettbewerb mit Familiencharakter
Der kleine, aber feine Wettbewerb mit Familiencharakter fand in diesem Jahr bereits zum 21. Mal statt. Natürlich heißt es hinterher gerne, dass die Jury vor einer schwierigen Aufgabe stand, dass sie sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Das stimmte – natürlich auch dieses Jahr.
Aber in einer Hinsicht stimmte es nicht: Der Gewinner war unangefochten. Die Jury entschied sich für Mihály Berecz, denn – so heißt es in der Begründung – „er vereint Musikalität, Stilwillen und performative Lust in höchstem Maße.
Er überzeugte die Jury mit seinem technischen Können, durch Witz, Zeitbewusstsein und seinen strukturbewussten Interpretationen.“
Publikumspreis für Miyu Shindo
Mirabelle Kajenjeri (24) aus Frankreich wurde der 2. Preis zuerkannt. Die Jury beeindruckten ihr „natürliches Musizieren und ihr virtuose Gestaltungskraft.“
Der 3. Preis wurde an die 21-jährige Miyu Shindo aus Japan vergeben. Weitere Pianisten des Wettbewerbs waren Martina Consonni (Italien) und Anton Mejias (Finnland). Den Publikumspreis erhielt Miyu Shindo.
Die erfolgreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wettbewerbs sind zum einen im Programm des Kissinger Sommers 2024 zu erleben, zum anderen werden alle durch die Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltern und der Vermittlung weiterer Auftritte unterstützt.
Haje musste in die Klinik
Das sind unterm Strich allerdings nur fünf junge Leute. Eigentlich waren es bisher immer sechs Teilnehmer. Das war auch in diesem Jahr so geplant.
Aber der Sechste im Bunde, der 18-jährige Berliner Simon Haje, musste in der Nacht vor seinem Konzert aus gesundheitlichen Gründen ins Krankenhaus gebracht werden.
Sein Konzert am Sonntagmorgen musste deshalb abgesagt werden. Für Simon Haje ist der KlavierOlymp damit nicht vorbei. Er wird 2024 wieder eingeladen.
Aus sechs verschiedenen Ländern
Die erste Konzertabsage seit dem Gründungsjahr 2003 war nicht die einzige interessante Zahl für Statistiker. Erstmals waren drei Frauen und drei Männer eingeladen. Die Zahl der Quotenfrauen scheint vorbei zu sein.
Und erstmals waren es sechs Teilnehmer aus sechsverschiedenen Ländern: Italien, Ungarn, Japan, Finnland, Frankreich und Deutschland.
Und was natürlich trotz aller Kunst besonders wichtig und erfreulich ist: Die Besucherzahl des bisherigen Rekordjahres 2022 konnte noch einmal überboten werden. Über 1400 Karten wurden (trotz der Absage) verkauft.
KlavierOlymp: hohes Niveau
Auffallend in diesem Jahr war das durchwegs hohe virtuos-technische Niveau der Teilnehmer. Nicht ein einziges Mal gerieten die jungen Leute an die Grenzen ihrer spielerischen Möglichkeiten, wie das bisher immer mal wieder vorkam.
Im Gegenteil: Der Mut, die Risikobereitschaft sind gewachsen, und dadurch hat sich das Repertoire ein wenig zum 20. und 21. Jahrhundert verschoben.
Nur noch ein Manko
Jetzt heißt es nur noch ein Manko zu beseitigen: Die jungen Leute sollten jetzt (endlich) auch die Komponistinnen für sich entdecken.
Die Jury bestand aus Thomas Ahnert (Musikkritiker „Saale-Zeitung“ und Mitbegründer des KlavierOlymps), Manuel Brug (Musikkritiker „Welt“), Ulrich Hauschild (Kulturmanager), Sonia Simmenauer (Geschäftsführerin Impresariat Simmenauer) und Alexander Steinbeis (Intendant Kissinger Sommer).
Konzert im Radio
Das Abschlusskonzert wurde vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten und wird am 21. Oktober um 15.05 Uhr auf BR-Klassik sowie am 27. Oktober um 20.03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt.
So spielten die einzelnen Nachwuchstalente:
Martina Consonni : Beethoven hatte doch Humor
Martina Consonni musste als Erste raus auf das Podium, ohne die Konkurrenz zu kennen. Sie löste das Problem mit Humor: mit Beethovens Variationen „La stessa, la stessimima“ aus Salieris Opera buffa „Falstaff“ – das Duett von zwei Weibern aus Windsor, die den Frauenhelden entlarven.
Sie holte da mit pfiffigem Anschlag derart viel Humor aus der Musik, wie man ihn Beethoven nicht zutraut. Und man schaute immer wieder nach, ob das Stück nicht doch von Mozart war.
Auch sonst hatte sie ein intelligentes Bewusstsein für Dramatik. Etwa bei Mendelssohns Rondo capriccioso mit seinen Stimmungsschwankungen, aber auch mit dem köstlichen Elfengeschnattere, das der Komponist gerne verwendet hat. Bei aller klugen Analyse hätte man sich da mehr Differenzierung gewünscht, um stilistisch prägnanter zu werden.
Mozarts KV 330, Schumanns „Papillons“ oder Chopins b-Moll-Scherzo hätten profilierter sein können. Dazu kam ein nivellierender Pedalgebrauch. Bartóks „Rumänische Volkstänze“ und vor allem George Crumbs „Gemini“ aus dem „Makrokosmos“ atmeten große gestalterische Kraft.
Mirabelle Kajenjeri: In der Ruhe liegt die Kraft
Mirabelle Kajenjeri eröffnete mit Beethovens As-Dur-Sonate op. 110. Der Eindruck einer vorsichtigen Zurückhaltung erledigte sich schnell: Sie verwendete viel Sorgfalt auf die nicht überstürzte, hintergründige Entwicklung von Spannung.
Die dynamischen und agogischen Kontraste der Beethovenschen Musik wirkten dadurch umso stärker. Nur bei der Schlussfuge hätte man sich ein bisschen Ruppigkeit gewünscht.
So hatte sie etwas Testamentarisches. „Back to the sounds“ des Belgiers Jean-Luc Fafchamps war ein nettes Sammelsurium freundlicher Töne. Aber die Frage blieb: Zurück von wo?
Interessant war, dass Mirabebelle Kajenjeri zwei französische Komponisten im Programm hatte, deren Musik in der engsten Nachbarschaft mit der Musik der damaligen Zeit entstanden ist: Debussy mit „Feux d’artifice“ und „L’isle joyeuse“, Ravel mit „Oiseaux tristes“, „Une barque sur l’océan“ und „La vallée des cloches“.
Der etwas konkretere Ravel lag ihr noch besser als Debussy, auch wenn man Ravels Glocken am Schluss etwas geheimnisvoller gestalten könnte. Chopins h-Moll-Sonate war ein schöner Abschluss in einer absolut stimmigen Gestaltung.
Miyu Shindo: Die Lust am Zupacken
Miyu Shindo hatte sich ein Programm zusammengestellt, das schon deshalb Respekt abnötigte, weil es eine enorme Kondition erforderte. Aber auch, weil es stilistisch einen weiten Horizont spannte. Aber sie konnte sich das leisten, weil sie bei aller Virtuosität eine höchst ökonomische Spielweise pflegt.
So wirkt bei ihr alles einfacher, als es ist. Bei Chopins Nocturne op. 27/2 und der Mazurka op. 33/4 nahm sie sich noch alle Zeit, um eine persönliche Deutung zu entwickeln.
Aber bei Beethovens f-Moll-Sonate op. 57 machte Miyu Shindo klar, warum sie „Appassionata“ heißt. Sie spielte alle drei Sätze mit einem enorm leidenschaftlichen Druck, der dem Werk eine durchgehende Spannungs- und Entwicklungslinie gab.
Ihre Lust am Zupacken konnte sie ausleben bei Alexander Rosenblatts „Paganini-Variationen“, wo sie den Teufelsgeiger unnachgiebig in den Jazz einführte. Und, zum Schluss, bei Liszts „Réminiscences de Don Juan de Mozart“ als dramatischem und virtuosem Höhepunkt.
Dazwischen wirkte Schubert wie unter die Räder geraten. So kantig, ruppig hätte man die zwei Sätze aus den „Drei Klavierstücken“ D 946 nicht erwartet.
Anton Mejias: Spätes Erwachen
Anton Mejias aus Finnland war mit einigen Vorschusslorbeeren angereist. Aber er konnte die nicht wirklich einlösen. Das lag zum einen an seinem Programm, das er mit vier Präludien und Fugen aus J. S. Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ eröffnete. Nichts gegen Bach.
Aber mit vier solchen Paarsätzen, die sich strukturell sehr ähneln (oder anders gesagt: Zwei hätten auch genügt) verschenkte er Zeit für andere Facetten. Zumal er sie auch nicht sehr differenzierend gestaltete. Aber das „WTK“ ist halt eines seiner Leidenschaften.
Ansonsten scheint sein Problem noch zu sein, dass er sich schwertut, sein Publikum zu interessieren oder gar mitzureißen. Er hatte gute Ideen, aber er brachte sie nicht zu Ende.
Seine Mozart-Sonate KV 281 war viel zu schnell und oberflächlich. In Granados „Quejas“ und „Bolero“ machte er Eindruck mit seinem rhythmischen Gefühl, aber nicht mit den Klangfarben. Rautavaaras Etüde op. 40/5 war eine nette Zugabe. Bei Liszts unnötig langer h-Moll-Ballade rissen die Spannungsfäden. Immerhin: Bei Prokofjews 8. Sonate am Ende zeigte er Potenzial.
Mihály Berecz: Dirigent an den Tasten
Bei Mihály Berecz hatte man schnell das Gefühl, dass da der künftige Sieger spielte. Es war schon mutig, mit der empfindlichen G-Dur-Sonate Hob. XVI:39 von Haydn zu beginnen. Aber er tat das so locker und unverkrampft, mit einem so frischen, vollkommen unmanirierten Anschlag und bezwingender Leichtigkeit, dass man gute Laune bekam.
Der 26-Jährige hat bereits einen erstaunlich reifen Zugang zur Musik. Er spielt wie ein Dirigent, der genau analysiert, was er vor sich hat, und sich entscheidet, was er daraus machen will, wo er damit hinwill.
So bekommt er durchgehende Konzepte und findet Freiheiten, die Musik wirklich zu interpretieren. Die Ergebnisse sind absolut schlüssig.
Auch in ihren Kontrasten: nach dem hellen Haydn Bartóks dunkel grundiertes wuchtiges „Szababdan“ (Im Freien) und Liszts farbig und rhythmisch glänzend gestaltete „Ungarische Rhapsodie“ Nr. 12; Chopins ungewöhnlich persönlich gehaltene „Polonaise-Fantaisie“ op. 61, dann die „Bianca-Variations“ von Thomas Adès (mehr steckt halt nicht drin).
Und zum Schluss Beethovens wunderbar strukturierte, bis zum Schluss spannende Sonate op. 111 – inklusive eines Ragtime.
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