Er ist der beste Beweis, dass das Konzept funktioniert: 2003 wurde der Kissinger Klavier-Olymp (damals noch Klavier-Olympiade) ins Leben gerufen, um für den Kissinger Sommer pianistischen Nachwuchs zu generieren und auch ein bisschen an das Festival zu binden: Igor Levit war 2004 bei der zweiten Auflage des Wettbewerbs dabei; da war er 16 Jahre alt. Heute, im Rückblick, könnte man sagen: Erstaunlicherweise hat er damals nicht gewonnen, sondern wurde nur Zweiter hinter Alexei Zouev.
Aber er kam, nicht jedes Jahr, immer wieder, und er erhielt 2009 den Luitpoldpreis des Fördervereins Kissinger Sommer. Da konnte er ja eigentlich gar nichts anderes machen als dem Festival treu zu bleiben. Mittlerweile ist er unter den Pianistinnen und Pianisten, die beim Kissinger Sommer auftreten, der absolute Quotenkönig, trotz aller großen Namen. Bei seinem Rezital am Mittwoch war der Max-Littmann-Saal inklusive Grüner Saal geradezu quälend voll.
Man macht allerdings auch nichts falsch, wenn man kommt. Denn Igor Levit hat sich, seit seine Karriere begann, ständig weiterentwickelt. Nicht nur technisch hat er ein verblüffendes Niveau erreicht, sondern auch interpretatorisch. Er hat immer wieder Stücke in seine Programme aufgenommen, um die seine Kollegen einen großen Bogen machen. Und man hatte nie den Eindruck, dass er sich dabei quälen musste. Bei ihm hatte die zeitgenössische Musik immer eine Chance, vom Publikum wahr- und ernstgenommen zu werden.
Über 100 Jahre alt
Darum ging es dieses Mal aber nicht. Denn „Kaddish“ von Maurice Ravel – hier in der Klavierbearbeitung von Alexander Silioti – ist über 100 Jahre alt. Das ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum, und Igor Levit machte das deutlich. Er schaffte es, mit dem modernen Flügel in den Klangfarben so etwas wie sakrale Atmosphäre zu schaffen.
Aber er machte das Gebet auch zu einer sehr persönlichen Angelegenheit: Stockend, fast buchstabierend, als suche er einen Eingang in das Gebet, und sehr leise setzte er ein, mit Nachhall und Schwebungen, um dann die sich entwickelnde Melodie ganz langsam lauter und zielgerichteter werden zu lassen und sie leise verklingen zu lassen. Da wirkte wirklich jeder einzelne Ton, als sei er genau durchdacht zu einem überzeugenden Gesamtgefüge.
Dass er fast unmittelbar zu Franz Schuberts Sonate Nr. 20 A-Dur D 959 überleitete, war eine gute Idee, denn strukturell gefühlt schloss er sie an „Kaddish“ an. Auch hier stellte sich sofort der Eindruck einer totalen Durchdachtheit ein. Denn Schuberts vorletzte Sonate ist, wie Robert Schumann einmal schrieb, von einer „neuen Einfalt“. Es geht hier nicht mehr um die Zurschaustellung von pianistischer Virtuosität, sondern um möglichst starke Expressivität und Liedhaftigkeit. Dass heißt, dass in dieser Sonate nicht allzu viel Spektakuläres passiert. Also gilt es, sein Augenmerk auf eine möglichst differenzierte Artikulation und Intonation zu richten. Und das Spiel mit der Frage: „Wie geht es weiter“ außerordentlich spannend zu machen.
Faszinierend war vor allem der dritte, etwas tänzerische Satz. Denn plötzlich war Tempo da, aber die Klarheit blieb, unter anderem in den Bezügen zum ersten Satz. Und sehr schön war das wiederholte Auftauchen des Refrainthemas im Rondo, das er schon im zweiten Satz seiner a-Moll-Sonate D 537 verwendet hat, das in verschiedenen Beleuchtungen eine umwerfende Sanglichkeit entwickelte. Und deutlich wurde die zyklische Struktur, als ganz zum Schluss noch einmal ein paar Takte vom Beginn des ersten Satzes auftauchten.
Gespannt sein konnte man auf Igor Levits Interpretation von Ludwig van Beethovens 3. Sinfonie, der Eroica, in der berühmten Bearbeitung von Franz Liszt. Der hatte sich die Eroica vorgenommen, um die Musik auch da bekannt zu machen, wo es keine Orchester gab. Und er war so seriös gewesen, bei der Bearbeitung auf eigene virtuose Verschwierigungen zu verzichten. Denn die neue Fassung war schon schwierig genug.
Nicht an Dirigenten gebunden
Was Igor Levit daraus machte, war eine ungemein spannende Erfahrung. Zum einen war es sein Spiel. Nachdem er ja nicht an einen Dirigenten gebunden war, konnte er frei schalten und walten und war vor allem in der Tempofrage sein eigener Herr. Nicht, dass er alles schneller gespielt hätte – das wäre seinem Gestaltungswillen nicht immer entgegengekommen wie etwa im zweiten Satz, dem berühmten Trauermarsch, dem er sehr viel Zeit ließ, um seine Wirkung zu entfalten. Aber an manchen Stellen, vor allem an Kulminationspunkten, hätten sich die meisten Orchester (und Dirigenten) schwergetan, ihm zu folgen.
Den Zuhörer konnte das freuen. Zum anderen war es – nicht zuletzt auch durch Igor Levits messerscharfe Konturierung – leichter, Strukturen zu erkennen, weil sich die Musik nicht aus allen Ecken des Podiums zusammensetzen musste und einen homogenen, aber nicht verschwommenen Klang hatte. Man entdeckte da plötzlich Strukturen, die im orchestralen Normalbetrieb untergehen. Unterm Strich eine Interpretation, die näher an Beethoven dran war als die Orchesterfassung und die nicht das Ergebnis, sondern das komponierende Entstehen in den Vordergrund rückte.
Treffsicher
Igor Levit spielte das Werk mit einem unglaublichen Zugriff, mit zum Teil atemberaubender Virtuosität und Treffsicherheit, starken, präzisen Kontrasten und einer tollen Agogik. Und wer das sinfonische Werk kennt, hatte großen Spaß daran, es im hintersten Ohr mitzuhören – wenn man überhaupt nachkam. Aber die Orchester müssen nicht befürchten, dass sie durch so eine Konkurrenz arbeitslos werden. Denn sie haben einen großen Vorteil: Sie haben bis in die Extreme gehende unterschiedliche Klangfarben, die einen großen Reiz ausmachen. Und sie können lange Töne mühelos aushalten.
Wenn ein Pianist einen Ton über drei Takte halten soll, genügt nicht ein Anschlag mit Pedal, sondern er muss ihn repetieren, ständig anschlagen. Das klingt dramatisch, aber es kann ein bisschen nerven. Und dann ist auch der Klang nicht so vielfältig. Es kann dadurch eher ein Gewöhnungseffekt eintreten. Diese Gefahr bestand bei Igor Levit nicht. Der drosch die letzten Akkorde mit fünffachen Fortissimo in die Tasten. Das Publikum stand schon, bevor er den Kopf heben konnte.
Eine Zugabe gab es nicht, auch wenn „Für Elise“ schon genügt hätte. Aber man konnte Igor Levit nach dieser enormen athletischen, artistischen Anstrengung gut verstehen. Wir haben ja schon vom Zuhören Muskelkater bekommen.









