In den zweiten Präsentkorb zum 40. Geburtstag des Kissinger Sommers hatten Chefdirigent Sakari Oramo und sein BBC Symphony Orchestra London – übersichtlich, aber gewichtig – zwei Monumente der romantischen sinfonischen Literatur gepackt: zwei Werke, die in den ersten Jahren des Festivals zu den meistgespielten zählten, aber jetzt einfach wieder einmal dran waren, das Cellokonzert von Antonín Dvořák im ersten Teil und die 1. Sinfonie von Johannes Brahms im zweiten.
Es war durchaus ein Vergnügen, die beiden Brocken auch in dieser Kombination zu hören, denn so manches klang neu und vieles anders. Und es war interessant, wie unterschiedlich die beiden komponierten, die sich im Leben nahestanden. Denn Brahms hat den acht Jahre jüngeren Dvořák zumindest in den ersten Jahren seiner Karriere sehr gefördert.
Orchester war bestens aufgelegt
Dazu kam, dass es, wie schon bei dem ersten Konzert, ein bestens aufgelegten Orchester und in dem Cellisten Kian Soltani einen ebensolchen Solisten zu erleben gab. Der mittlerweile auch schon 34-jährige Vorarlberger war zwar erst zweimal beim Kissinger Sommer, das aber nachhaltig: Denn schon beim ersten Mal 2014 bekam er den Luitpoldpreis des Fördervereins – im Rückblick eine gute Entscheidung. Und ein Jahr später spielte er in drei Konzerten.
Kian Soltani hat sich zu einem echten Lustmusiker entwickelt. Das Cello, das er spielt, ist kein röhrendes Gerät, sondern es hat einen wunderbaren, lebendigen Ton, mit dem er absolut souverän umgeht, dessen kontrastierenden Farbenreichtum er immer gezielt einsetzt, mit dem er Klangräume schafft.
Andererseits ist er aber auch ein bewusster Agogiker, der immer seine Tempofreiheiten nutzt, wo er allein ist, oder wo ihm das Orchester Freiräume lässt. Und schließlich ist er ein fabelhafter Techniker, der nach dem Motto vorgeht: Je schneller, desto vergnüglicher. Er spielt auch als Solist mit der analytischen Klarheit eines Kammermusikers, allerdings in ständigem Kontakt mit dem Orchester auf der Suche nach den idealen Ergebnissen des Zusammenwirkens.
Intime Zwiesprache
Höchst erfreulich, dass Sakari Oramo und seine Leute das genauso sehen. Um die Qualität des Orchesters wusste man ja schon vom Vorabend. Und die Bläser waren wieder auffallend gut (die Streicher natürlich auch, aber sie sind keine Solisten). Und sie ließen sich auf Soltanis Spiel ein. Sie begleiteten ihn sehr sensibel in Passagen, in denen das Cello das Sagen hat – vor allem der zweite Satz lieferte da viele markante Beispiele von geradezu intimer Zwiesprache. Aber sie provozierten ihn auch in den beiden Ecksätzen, ohne ihn klanglich zuzudecken – bis auf die Stellen, an denen das Eintauchen des Cellos als Orchesterklangfarbe Konzept ist.
Und es spielte wie der Solist auch Dvořáks starke Emotionalität aus. Besonders auffallend war das im dritten Satz, in dem der Komponist plötzlich ein melancholisches, trauriges Volkslied eingebaut hat. Da hatte er in New York, wo er das Konzert komponiert hat, erfahren, dass in der Heit seine Schwägerin gestorben war, die er gerne geheiratet hätte (man kennt das von Mozart). Zu den klagenden Klängen des Cellos spielte das Orchester einen engagierten, tröstenden Hintergrund. Bis wieder die tänzerisch-folkloristische Stimmung die Oberhand gewann.
Klang ähnelt einer menschlichen Stimme
Die Zugabe zeigte, dass man sich auch darüber Gedanken machen kann, dass sie nicht immer nur virtuos spektakulär oder von Bach sein muss. Kian Soltani hatte die Idee gehabt, das von Dvořák verwendete Trauerlied im Original zu nehmen und für eine Gruppe von mehreren Celli zu arrangieren. Das machte wirklich Eindruck. Zumal der Klang des Cellos sehr dicht an den der menschlichen Stimme herankommt.
Und dann also Brahms 1. Nach den tief romantischen Klängen des Cellokonzerts hätte der Kontrast nicht größer sein. Schon der zupackende Beginn zeigte, dass es bei dem Hamburger in Wien nicht um weiche, wohlige Klänge ging, sondern klare Strukturen und Verläufe. Und Oramo nahm das Brahms’sche Anliegen ernst. Er stellte nicht mehr den Gefühlsmenschen Dvořák, sondern den Intellektuellen Brahms in den Fokus. Er entromantisierte den Ton ziemlich gründlich zugunsten einer vielleicht etwas nüchternen, aber spannenden Hörweise, der die Chance geboten wurde, das Gehörte zu analysieren. Man konnte die Sinfonie sozusagen wie durch eine frisch geputzte Brille hören – was fast ein bisschen gewöhnungsbedürftig war.
Dazu kam, dass Sakari Oramo sichtlich Spaß an der Situation hatte und immer wieder ein bisschen ins Tanzen geriet. Das hatte die Konsequenz einer gewissen Lockerheit, die seine Musiker ansteckte, weil er sein Dirigat nicht als ständiges Bremsen verstand, sondern als Anfeuerung. Sie durften, wenn sie etwas zu sagen hatten, durchs auch etwas lauter werden, als es die dirigentische Tradition vorsieht. War man bei dem turbulenten Beginn noch ein bisschen erschrocken über die ungewohnte Klangkraft, lernte man sie schnell schätzen, weil die Stimmführungen immer außerordentlich plastisch waren. Und weil man leichter nachvollziehen konnte, wie wenig thematisches Material Brahms brauchte, um sehr viel Musik zu machen.
Emotionales und intellektuelles Vergnügen
Und dass es Oramo und seinen Leuten immer gelang, den Eindruck der Kleinteiligkeit durch präzise und spannend gestaltete Übergänge zu vermeiden. Das Zuhören wurde so nicht nur zu einem emotionalen, sondern auch intellektuellen Vergnügen.
Auch hier passte die Zugabe ausgezeichnet zu dem vorausgegangenen Werk: die Drei Rumänischen Tänze von Béla Bartók: eine kurze, knackige Angelegenheit, die dieselbe klangliche Klarheit hatte wie die Brahms-Sinfonie. Rhythmisch waren sie allerdings aus einer anderen Welt.










