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Welterbetag in Bad Kissingen
Wenn Gräber Geschichten erzählen
Welterbetag in Bad Kissingen
Naomi Boadou (22, links) und Paula Rüffer (19) zeigen die Bearbeitung von Schilfsandstein. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Auf großes Interesse stießen die beiden Friedhofsführungen von Victoria May, hier an der Grabstätte des Badearztes Oskar von Diruf (1824 bis 1912), Kurarzt des Reichskanzlers Otto von Bismarck. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Die Grabstätte des Arztes Alfred Sotier (1833 bis 1902), Kurarzt der österreichischen Kaiserin Elisabeth und der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria, sowie seines Sohnes Paul Sotier (1876 bis 1950), Leibarzt von Kaiser Wilhelm II. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Viele Besucher kamen zum Unesco-Welterbetag auf den Kapellenfriedhof. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Besucherandrang beim Unesco-Welterbetag auf den Kapellenfriedhof. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Victoria May (Mitte) zeigte bei ihren Führungen interessante Grabmale berühmter Kissinger wie hier die Grabstätte des Bildhauers Valentin Weidner. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Grabmal des Kissinger Komponisten Cyrill Kistler (1848 bis 1907). // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Andrew Baier (18, links) und Simon Bade (21) beim Reinigen eines historischen Grabmals. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Georg Böswald-von Brunn erklärt an Beispielen, wie man historische Grabmale restauriert. // Sigismund von Dobschütz
Welterbetag in Bad Kissingen
Steinrestaurator Petro Schiller (Zweiter von rechts) erklärt die Restaurierung eines Grabmals, hier mit Stefan Aichner (rechts), Leiter der Jugendbauhütte Regensburg. // Sigismund von Dobschütz
Bad Kissingen – Groß war das Interesse am Welterbetag auf dem Kapellenfriedhof. Dort sind etliche Persönlichkeiten beerdigt, die zum Ruhm Bad Kissingens beigetragen haben.

Vor fünf Jahren wurde Bad Kissingen als Mitglied der „Great Spa Towns of Europe“ gemeinsam mit zehn anderen berühmten europäischen Kurorten als Unesco-Welterbe anerkannt. Seitdem feiert die Stadt an jedem ersten Sonntag im Juni den in Deutschland im Jahr 2005 eingeführten Unesco-Welterbetag mit Mitmachaktionen, Sonderführungen und Ausstellungen. Diesmal hatte das städtische Kulturreferat auf dem historischen Kapellenfriedhof mehrere Vorträge, Führungen und Aktionen organisiert.

Schon morgens hatten sich etwa 60 Interessierte auf dem Kapellenfriedhof zur Begrüßung durch Bürgermeister Thomas Leiner eingefunden, um sich dann von Kulturreferent Peter Weidisch und Welterbe-Managerin Anna Maria Boll über die Bedeutung des Unesco-Welterbe-Titels und das diesjährige Programm des Welterbetages informieren zu lassen, das gemeinsam mit dem DSD-Ortskuratorium und der Jugendbauhütte Regensburg, einem Projekt der Stiftung, geboten wurde.

Bei ihren beiden Friedhofsführungen nahm Historikerin Victoria May die Besucher auf „eine Zeitreise durch das 18. und 19. Jahrhundert“ mit. Am Beispiel ausgewählter Grabstätten erzählte sie aus dem Leben bedeutender Persönlichkeiten, die durch ihr Wirken zum Ruhm des Staatsbades beigetragen haben.

So hatte der Badearzt Alfred Sotier (1833 bis 1902) die österreichische Kaiserin Elisabeth und die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria bei ihren Kuraufenthalten betreut. Sein Sohn Paul Sotier (1876 bis 1950) war Leibarzt des ehemaligen deutschen Kaisers Wilhelm II. in dessen holländischem Exil.

In der ganzen Welt unterwegs

Eine Gedenktafel an der Familiengrabstätte erinnert an Carl Leo Freiherr Heußlein von Eußenheim (1838 bis 1870). Er war zu seiner Zeit wohl der einzige Kissinger, der in der Welt unterwegs war. Über Heußleins nicht ungefährliche Abenteuerreise (1862 bis 1864) berichtete DSD-Ortskurator und Autor Dr. Raymund Müller bei Vorstellung der von ihm gemeinsam mit Heimatforscher Gerhard Wulz verfassten Biografie „Von Kissingen nach Point de Galle“.

Als erst 24-Jähriger hatte Heußlein über Wien, Triest und Korfu die ägyptischen Metropolen Alexandria und Kairo erreicht. Weiter ging es nach Ceylon (heute Sri Lanka), Indien und Birma. Kaum zurück in Bad Kissingen, zog es ihn 1864 nach Mexiko, um dort Kaiser Maximilian gegen die Aufständischen um Benito Juárez zu unterstützen. Heußlein starb 1870 in Frankreich als Soldat im Deutsch-Französischen Krieg.

1348 erstmals urkundlich erwähnt

Wesentlich kleiner als heute war der Kapellenfriedhof bei seiner Erschaffung, deren genaues Datum unbekannt ist, erzählte Victoria May bei ihren Führungen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde er 1348, nachdem etwa ein Drittel der Kissinger Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen war.

Zugleich wurde auch eine Marienkapelle erstmals erwähnt als „Kapelle außerhalb der [Stadt]Mauern“. Dieses erste, mit der Zeit marode gewordene Kirchengebäude wurde 1727 durch einen Neubau nach Plänen des Baumeisters Balthasar Neumann ersetzt. Über Geschichte und Besonderheiten der heutigen Marienkapelle berichtete DSD-Ortssprecher Prof. Reinhard Haus in seinem Vortrag.

Ein erstes Mal wurde der Friedhof im Jahr 1855 erweitert. Elf Jahre später wurde er im Deutschen Krieg zum Kampfplatz. Danach wurden hier 150 der insgesamt 350 Kriegsopfer bestattet – bayerische ebenso wie preußische. Eine zweite Friedhofserweiterung folgte im Jahr 1890 mit dem Leichenhaus. Auf eine zunächst geplante dritte Erweiterung des Kapellenfriedhofs wurde verzichtet, als 1933 der neue Parkfriedhof am Sinnberg geschaffen wurde. Allerdings gab es noch bis 1980 Bestattungen auf dem Kapellenfriedhof.

Heute wird der historische Kissinger Friedhof als Denkmalsort erhalten. Dazu gehört vor allem die fachgerechte Pflege und notfalls Restaurierung historischer Grabmale. Worauf hierbei handwerklich zu achten ist, erläuterten an konkreten Beispielen der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Georg Böswald-von Brunn aus Rottendorf (Würzburg) sowie Steinrestaurator Petro Schiller aus Königsberg (Haßberge). Konkrete Arbeitsbeispiele zeigten vier Jugendliche der Jugendbauhütten, einem Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die gerade an verschiedenen Standorten ihr Freiwilliges Soziales Jahr ableisten.

Projekt mit Jugendlichen

Während Naomi Boadou (22) aus Bonn und Paula Rüffer (19) aus Oldenburg (Niedersachsen) mit Hammer und Spitzmeißel einen schweren Schilfsandstein-Block bearbeiteten, reinigten Andrew Baier (18) aus Füssen und Simon Bade (21) aus Regensburg eine verschmutzte Grabplatte. „Bei ihrer Arbeit können Jugendliche praktisch erfahren, welche Bedeutung altes Handwerk noch heute hat“, wirbt Stefan Aichner als Leiter der Jugendbauhütte Regensburg um freiwilligen Einsatz von Jugendlichen.

„Wir können uns vorstellen, mit den DSD-Jugendbauhütten in Zukunft projektbezogen zusammenzuarbeiten“, war Kulturreferent Peter Weidisch von dieser Präsentation angetan. Auch insgesamt war er – ebenso wie Welterbe-Managerin Anna Maria Boll – mit dem Verlauf des Welterbetages zufrieden. „Mit weit über 500 Besuchern in sechs Stunden war es alles in allem ein äußerst erfolgreicher und harmonischer Tag.“

Literaturhinweise

Gerhard Wulz: „Der Kapellenfriedhof in Bad Kissingen. Ein Führer mit Kurzbiografien, Stadt Bad Kissingen, Taschenbuch, 2. erweiterte Ausgabe, Preis: 6 Euro, ISBN 978-3934912243

Welterbetag in Bad Kissingen
: Autor Raymund Müller (Pseudonym Rainer Lös) mit seiner Biografie über den Kissinger Weltreisenden Carl Leo Freiherr Heußlein von Eußenheim (1838 bis 1870). // Sigismund von Dobschütz

Rainer Lös, Gerhard Wulz: „Von Kissingen nach Point de Galle. Das abenteuerliche Leben des Carl Leo Heußlein von Eußenheim“, Verlag Merry Old Publishing, gebunden, 120 Seiten, reich bebildert, Preis: 20 Euro, ISBN 978-3943540376 

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