Seit einigen Jahren wird die evangelische Erlöserkirche zur Zeit des Musikfestivals Kissinger Sommer immer auch zum „KunstRaum“. Diesmal präsentieren die Kissinger Künstlerin Eva Feichtinger (69) und ihr junger Kollege Jonas Goethe (25) aus Erfurt im Kirchenschiff acht Graffiti-Malereien auf Leinwand sowie zehn Graffiti-Linoldruck-Werke auf Kartonpapier als Ergebnisse ihres über sechs Monate ausgeführten generationsübergreifenden Kunstprojekts „25 68 WHAT?“. Die Ausstellung ist noch bis einschließlich 19. Juli 2026 jeweils dienstags bis sonntags zwischen 10 Uhr und 18 Uhr kostenfrei zu besichtigen.
Gleich zu Beginn der Vernissage überraschte Jonas Goethe die 150 überwiegend älteren Gäste mit einer unerwarteten Kunstform. Selbst für den 25-Jährigen war dies eine Premiere: „Ich hatte zwar schon ein Dutzend Ausstellungen, aber diese ist die erste mit Gesang.“ In modernem Hip-Hop-Stil trug er, am Flügel leise und fast unauffällig vom Kissinger Pianisten Ralf Meyer-Natus begleitet, im Sprechgesang selbst verfasste Verse vor. Darin thematisierte er die noch unaufgearbeiteten Traumata der Großeltern, die über zwei Generationen hinweg auch den Enkel berühren. Verse wie diese sind auch Grundlage der zehn auf Papier gemalten Graffiti-Exponate, die mit zusätzlichem Linoldruck ergänzt wurden.
Kirche ohne Kunst kaum denkbar
„Diese Gedanken passen ins kirchliche Umfeld“, begrüßte Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk die Besucher, die noch ergriffen vom ernsten Vortrag des Künstlers ihm erst mit Verspätung applaudiert hatten. Zudem finden Menschheits- und Glaubensthemen schon immer in der Kunst zusammen, ergänzte sie. „Kirche ohne Kunst wäre kaum denkbar.“ Die Reformation hätte ohne die Kunst, ohne die Bilder unter der einfachen, des Lesens unkundigen Bevölkerung keine solche Verbreitung gefunden. So habe zum Beispiel Lucas Cranach der Ältere (1472 bis 1553) als Hofmaler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg die berühmten Bildnisse der Reformatoren geschaffen und das visuelle Erbe der Reformation maßgeblich geprägt. Als „Maler der Reformation“ illustrierte er Luthers Bibel-Übersetzung und entwarf reformatorische Flugblätter.
Schließlich befragte die Pfarrerin beide Künstler, wie es denn zu diesem generationsübergreifenden Gemeinschaftsprojekt gekommen sei. Feichtinger hatte Goethe, der jetzt nur noch wenige Tage vor seinem offiziellen Abschluss an der Bischofsheimer Berufsfachschule für Holzbildhauer steht, im vergangenen Sommer als Teilnehmer des ersten Holzbildhauer-Symposiums im Solereservoir als „künstlerisches Multitalent“ kennengelernt. Denn ausschließlich als Holzbildhauer sieht sich Goethe keineswegs, beschäftigt er sich doch ebenso mit Malerei und Musik. So habe sie ihm die Zusammenarbeit angeboten, mit der beide dann Ende Dezember begannen.
Erfrischende Zusammenarbeit
War es ein Zugeständnis an die Jugend ihres Künstlerkollegen? „Ich hatte noch nie mit Graffiti-Spraydosen gearbeitet“, gestand die ansonsten vielseitige und erfahrene Künstlerin im Pressegespräch. „Die Zusammenarbeit mit dem jungen Kollegen war für mich erfrischend.“ Allerdings hatte auch Goethe bislang keine Erfahrung in Graffiti. Dennoch machten sie sich ans Werk, immer gemeinsam an jeweils demselben Bild arbeitend, und schufen ihre nun in der Ausstellung zu sehenden Bilder. Feichtinger: „Alle entstanden intuitiv, spontan und ohne vorherige Planung.“
Doch hinter der Spontaneität steckt System. Feichtinger nennt die Arbeitsweise „abstrakt gestische Malerei“, bei der die spontane, körperliche Bewegung der Künstlerin oder des Künstlers im Mittelpunkt steht. Nicht das geplante Endmotiv ist entscheidend, sondern das Malen selbst. Farbe wird oft instinktiv und kraftvoll mit Einsatz des Körpers durch Pinsel, Spachtel, Tropfen, Spritzen oder Gießen aufgetragen. Das fertige Bild ist danach lediglich ein Relikt dieser physischen Aktion und spiegelt das innere Erleben, die Energie und Emotionen wider, die sich direkt und ungefiltert in Farbspuren und Linien entladen haben. Erst später – falls überhaupt erwünscht – lassen sich Titel für so entstandene Werke finden.
Dies zu verstehen, fällt Besuchern bei der Betrachtung des ebenso nur zufällig entstandenen Triptychons vielleicht leichter, das zentral gleich einem Altar aufgestellt ist. Goethe nennt es „Jesus in der Wüste“. Der Heilige Geist hatte Jesus nach seiner Taufe für 40 Tage in die Einsamkeit der Wüste geführt, wo er fastete und vom Teufel in Versuchung geführt wurde. Das Gemälde ist großflächig in Gelb (Wüste) und Blau (Himmel) unterteilt. Mittig fährt wie ein Kometenschweif ein schwarzer Farbbalken hinab, der im sonst friedlich scheinenden Motiv störend als teuflische Versuchung interpretierbar ist.
Abschlussarbeiten ab 25. Juli zu sehen
Auf eine weitere Ausstellung junger Künstler macht Jonas Goethe bei der Vernissage aufmerksam: Am Samstag, 25. Juli 2026, stellen er und alle anderen diesjährigen Absolventen der Berufsfachschule für Holzbildhauer ihre Abschlussarbeiten aus, die zwischen 13 Uhr und 18 Uhr am Tag der offenen Tür in der Kreuzbergstraße 12 (Bischofsheim / Rhön) zu besichtigen sind.













