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Politische Botschaften
Mit Gespür für das Ungesagte
Lars Reichow
Lars Reichow beim Kissinger Kabarettherbst 2026. // Klaus Werner
Bad Kissingen – Der Kissinger Kabarettherbst ist gestartet - mit Lars Reichow aus dem Boomerland.

Als feinsinniger, humorvoller und wortgewandter Beobachter eröffnete Lars Reichow mit seinem Programm „Boomerland“ den Kissinger Kabarettherbst 2026, wobei sein sezierender Blick dem aktuellen Zustand Deutschlands galt.

Dabei erzählte er im Plauderton von skurrilen und bekannten Alltagsbetrachtungen wie familiäre Essensgewohnheiten oder WhatsApp-Gruppen, setzte sich musikalisch und am Klavier mit seinem Traum vom funktionierenden Deutschland oder mit Konfigurationsproblemen eines abgestürzten Computers auseinander. Außerdem hatte er politische Botschaften im Gepäck, die vor allem, aber nicht nur aus nachdenklichen Breitseiten gegen die AfD bestand.

Aus eigener Lebenserfahrung

„Boomerland“ – da ist der 1964 geborene, vielfach ausgezeichnete Kabarettist mit seiner über 30-jährigen Bühnenerfahrung regelrecht hineingewachsen und kann von daher aus seiner eigenen Lebenserfahrung schöpfen. Was es mal bedeutete, eines unter 1,3 Millionen Kindern zu sein, die 1964 im Vergleich zu heute mit 650.000 Kindern geboren wurden, erläuterte mit einem humorvollen Blick auf das jährliche Familienessen, wo der männliche Futterinstinkt aus kargen Zeiten auf die strukturierte Essensaufnahme der jüngeren Ehefrau oder das Probieren von anderen Tellern traf – einschließlich der Angst vor Herpes.

Smiley-Desaster

Doch nicht nur die Nahrungsaufnahme machte den Unterschied zu einst, sondern auch der kommunikative Umgang mit anderen – präsentiert am Urlaub mit Freunden in der Pfalz, dessen Planung dank einer WhatsApp-Gruppe abgewickelt wurde und bei zehn Teilnehmern im Daumenhoch- oder Smiley-Desaster mit Welpen-Fotos endete.

Seine Themen nimmt Lars Reichow aus dem Alltag, wobei er aus der Normalität das Besondere filtert. So nimmt der die Boomer-Redewendung „Früher war alles besser“ unter die Lupe, die nach Nachmittagskaffee und Häuschen mit Garten klinge – ein Status Quo, den die „Boomer-Bremser“ nicht verändern wollen. „Wo bleibt das gesellschaftliche Versprechen auf eine Zukunft voller Chancen“, so seine Frage und benennt als bremsendes Hauptproblem: „Die Lösungen unserer Probleme sind schon lange bekannt, aber Lösungen können Spuren von Veränderungen enthalten.“

Wunsch nach Hoffnung

Doch nicht der erhobene Zeigefinger bleibt im Gedächtnis der rund 300 Gäste im Kurtheater, sondern sein Wunsch nach „guten Nachrichten, nach mehr Hoffnung“. Ein Wunsch, den die AfD als Klimaleugner und Remigrationspartei nie erfüllen kann, denn ihr Ziel sei nie gewesen, Deutschland besser zu machen – „Sie ist nutzlos!“ Passend dazu gab es das Lied vom Populisten, für den negative Nachrichten gute Nachrichten seien, der einem etwas vormache, dessen Ziel die Macht sei: „Haben wir unsere Lektion gelernt – oder ...“

Vier Möpse im Kinderwagen

Neben den tiefsinnigen Botschaften hatte der Kabarettist aus Mainz auch leichte Kost im Gepäck. Mal ging es um ein Loblied auf die Ehefrau, in dem er das Zwischenmenschliche mit humorvollen und ironischen Untertönen persiflierte, mal um den Besuch eines Tayler-Swift-Konzertes, wo er sich mit Turnschuhen um 40 Jahre jünger fühlte, aber sich über den Saal wunderte, der oben offen war (Stadion), jeder mitsang und ständig mit seinem Handy kommunizierte: „Jeder machte sein eigenes Ding“, so seine Beobachtung. Über die Vorteile des Alterns – „Man ist nicht mehr so schnell, kann sich alles in Ruhe anschauen.“ – kam er zur Forderung nach mehr Kindern und wunderte sich über vier Möpse, die im Kinderwagen mit Sauerstoffzelt Gassi geschoben werden, oder über Hunde, die im Babytragetuch die Welt erkunden. Verkehrte Welt, so sein Fazit.

Im Wechsel aus warmer Bariton-Stimme am Klavier und lässiger Erzählstimme am Bistrotisch entführte Lars Reichow in eine Welt des politischen Kabaretts, das abseits der schrillen Comedy-Szene die leisen Töne des Alltags aufnimmt und daraus feinsinnige Schlüsse zieht. Vielmehr versteckte er hinter seinem Klamauk den sehr authentischen Wunsch: „Wir jammern auf hohem Niveau. Warum sind wir nicht stolz auf das Erreichte.“ Dem Publikum gefielt seine ungefilterte Art , was man am spontanen Beifall für einzelne Sequenzen, aber vor allem am sehr herzlichen Schlussapplaus spürte.

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