Einen Liederabend hat Cecilia Bartoli beim Kissinger Sommer erst einmal vor vielen Jahren mit dem Pianisten Sergio Ciomei gegeben. Da war es wirklich höchste Zeit, dass sie wieder einmal zu einem solchen kam – dieses Mal mit dem französischen Pianisten David Fray, mit dem er seit längerer Zeit regelmäßig zusammenarbeitet.
Italienische Lieder von fast ausschließlich italienischen Komponisten standen auf dem Programm. Dabei fiel zuallererst auf, wie schnell es Cecilia Bartoli immer wieder gelingt, sofort Kontakt zu ihrem Publikum zu finden und das weite, leere Podium, das ja nur mit einem Flügel, einem Pianisten und einem Umblätterer möbliert war, mit ihrer enormen Bühnenpräsenz zu füllen.
So brauchte sie auch jetzt wieder keinerlei Anlaufzeit oder irgendwelche verzögernden Rituale; sie vermittelt das Gefühl, dass sie sich genauso auf den Abend freut wie das Publikum.
Differenzierte Gestalterin
Es wurde sehr schnell deutlich, dass Cecilia Bartoli nicht nur eine tolle Stimme mit einem tollen Umfang hat – das wusste man ohnehin. Aber in der relativ isolierten Situation, in der kein Orchester etwas verdecken konnte (das Klavier störte nicht weiter), konnte man auch genau hören, was für eine differenzierende Gestalterin sie ist.
Sie weiß immer ganz genau, was sie tun und sagen will. Da ist nichts zufällig. Da bekommt jede Silbe ihre eigene Bedeutung, ihre eigene Klangfarbe, ihre eigene Lautstärke. Da ist jede Verzierung bewusst gesetzt. Da wird der Gesang natürlich zur Kunst, aber auch zum wirkmächtigen Medium der Emotionalität.
Sei es Alessandro Scarlattis „Già il sole dal Gange“, eine Sonnenaufgangsmetaphorik, oder Giuseppe Giordanis „Caro mio ben“ oder andere, die nicht nur starke Bilder vermittelten, sondern auch starke Gefühle, die ganz bewusst artikuliert waren und deren Text trotz aller Koloraturen fast immer verständlich blieb.
Köstlich war Giovanni Paisiellos „Chi vuol la Zingarella“, bei dem sie wunderbar eine nervende Wahrsagerin sang, die auf dem Markt hörbar erfolglos ihre Weisheiten anbietet.
Ergreifender Georg Friedrich Händel
Außerordentlich ergreifend war – wie immer – Georg Fredrich Händels „Lascia la spina“. Hier konnte man beobachten, wie sie mit der Akustik des Max-Littmann-Saales experimentierte.
Im Zentrum des Konzerts stand Joseph Haydns Cantata „Arianna a Naxos“, die Geschichte einer jungen Frau, die morgens auf der Insel Naxos aufwacht, und das Bett neben ihr ist leer. Als sie am Fenster aufs Meer hinausschaut, sieht sie das Schiff von Teseo am Horizont verschwinden. Keine gute Sache. Und Cecilia Bartoli singt die inneren Vorgänge der jungen Frau außerordentlich differenziert, sich mal von innen, mal von außen zu betrachtend, immer schwankend zwischen Enttäuschung, Trauer und Wut.
Dahinter hat sie, neben anderen Liedern, einen Rossini-Dreierblock mit „L’Orpheline du Tyrol“ (mit Mitleid zu singen) und „Canzonetta Spagnuola“ (mit Schadenfreude zu singen) gesetzt. Und „Una voce poco fa“ aus „Il barbiere di Siviglia“. Da konnte sie sich janusköpfig zeigen und die Komödiantin geben als einerseits angepasste, gehorsame Rosina, andererseits als selbstbewusstes gnadenloses Drachenweib, das sich seine Liebe nicht nehmen lässt. Köstlich.
David Fray hatte, wenn man ihn so beobachtete, einen recht ruhigen Abend: Ganz entspannt saß er da, weit zurückgelehnt, auf seinem Stuhl, die Arme entsprechend weit nach vorne gestreckt; im Wesentlichen waren es die Hände, die sich bewegten. Man kann ihm da keinen Vorwurf machen. Schließlich springt auch ein gutes Pferd nur so hoch, wie es muss.
Expressive Klavierstücke
Denn so etwas wie das Deutsche Kunstlied hat sich in Italien (und Frankreich) nicht durchgesetzt. Wenn man bei Schubert-Liedern wie „Der Erlkönig“, „Gretchen am Spinnrad“ oder „Der Atlas“ den Text weglässt, bleiben immer noch veritable hochspannende, expressive Klavierstücke übrig, die auch für sich stehen können. Wären die Lieder italienischer Herkunft, bliebe nur ein recht beliebiges, austauschbares Akkordgebrösel übrig, das manchmal immerhin melodische Verläufe erkennen lässt. Würde man das weglassen, blieben immer noch veritable hochspannende, expressive A-cappella-Stücke übrig.
In gewisser Weise passierte das ja auch. Denn dadurch, dass Stimme und Klavier keinerlei Konfrontationen austrugen – und Cecilia Bartoli und David Fray perfekt interagierten – begann man recht bald, sich auf die Stimme zu konzentrieren, die die Spannung und Emotionen und auch Neugier brachte. Da wurde man ja auch hervorragend bedient.
Um Cecilia Bartoli ein paar Atempausen zu verschaffen – auf eine Konzertpause war erfreulicherweise verzichtet worden – spielte David Fray zwei Sonaten von Domenico Scarlatti (K 466 und K 1) und Franz Schuberts Impromptu g-Moll D 899 op. 90/3. Die beiden Scarlattis (in entspannter Sitzhaltung) waren sehr klar und strukturierend gespielt, mit müheloser Virtuosität und einem schönen trockenen Anschlag.
Man konnte sich nur noch ein bisschen mehr dynamische Flexibilität vorstellen, um die Musik interessanter zu machen. Bei Schubert hätte er sich besser zumindest aufrecht hingesetzt, um sein Spiel mit etwas mehr Nachdruck zu intensivieren. So geriet das Impromptu technisch sehr gut, aber leider auch langweilig. Ein Wille zur Expressivität wurde nicht erkennbar.
Drei Zugaben
Drei Zugaben spendierte das Duo: „Ti voglio tanto ben“ von Ernesto De Curtis mit seinen schönen melodischen Kurven. Dann gelang es Cecilia Bartoli, als Bizets Carmen mit ihren Kastagnetten David Fray so mitzureißen, dass er plötzlich aufrecht saß. Und dann kam der große Schreck: Sie sang Carlo Pepolis „La Danza“! Hatte da nicht vor wenigen Tagen irgend so ein Beckmesser festgestellt, dass sie das Lied in ihrem ersten Konzert nicht als erwartbare Zugabe gesungen hatte, weil sie sich vielleicht schonen wollte. Und jetzt auf einmal schmetterte sie los wie in alten Tagen, mit absolut sicherer Stimm- und Wortakrobatik trotz des hohen Tempos! Ahimè! Mi scusi! Mi dispiace molto! Chiedo scusa mille volte! Perdona!
Denn man hatte sogar den Eindruck, dass sie das Lied heller, leichter und auch deutlicher sang als früher. Bleibt nur die andere Begründung: Cecilia Bartoli hatte auf „La Danza“ verzichtet, weil sie das Orchester nicht scheuchen wollte.









