Schon zum zweiten Mal nach 2018 hatte die Europäische Märchengesellschaft (EMG) mit Sitz in Rheine (Westfalen) zu ihrem an wechselnden Orten jährlich stattfindenden Internationalen Märchenkonkress nach Bad Kissingen eingeladen.
Fünf Tage lang diskutierten über 150 Kulturwissenschaftler und Volkskundler, professionelle Erzähler und andere Märchenfreunde aus Deutschland und angrenzendem Europa in zehn Vorträgen und etwa 15 Arbeitsgruppen im Hotel Sonnenhügel über die Historie, Zukunft und Besonderheit der Märchen.
Wünsche und Sehnsüchte
Diesmal stand der Kongress, der erstmals gemeinsam mit der Märchenstiftung Walter Kahn (Volkach) durchgeführt wurde, unter dem Motto „Das Menschsein im Märchen“ und schloss damit an das Thema des Kongresses von 1979 an, der damals unter dem Motto „Vom Menschenbild im Märchen“ stand.
„Märchen offenbaren uns menschliche Wünsche und Sehnsüchte, Tugenden und Abgründe. Es menschelt im Märchen, nicht zuletzt auch, weil sie menschgemachte Dichtung sind“, hieß es bereits im Vorwort der Einladungsbroschüre. „In den Märchen wird menschliches Schicksal verhandelt, auch wenn das Geschehen in eine Phantasiewelt gelegt ist. Entspringen doch auch all die Wunder im Märchen der Einbildungskraft der Menschen.“
„Nicht in den Märchenfiguren manifestiert sich das Menschsein, sondern in der Phantasie seiner Zuhörer“, erklärte dem entsprechend der Volkskundler Professor Helge Gerndt, seit 1994 Mitherausgeber der „Enzyklopädie des Märchens“, in seinem Eröffnungsvortrag. Der Mensch im Märchen sei erst nach der Zeit Siegmund Freuds allmählich zum wissenschaftlichen Thema geworden. Richtig populär wurde das „Menschsein im Märchen“ schließlich durch den EMG-Märchenkongress des Jahres 1979.
Gezielte Forschungsarbeit
Die Geschichte des deutschen Volksmärchens begann allerdings schon 200 Jahre früher. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nahmen sich schließlich ihrer ernsthaft an, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Sie sammelten nicht nur Volksmärchen und hielten sie in ihren Schriften poetisch aufbereitet für die Nachwelt fest, sondern begannen zugleich mit gezielter Forschungsarbeit.
Doch Märchen bleiben letztlich historische Produkte, die immer wieder aufs Neue dem Wandel unterzogen sind, zumal sie „keine autorisierten Texte von Schriftstellern“ sind. „Das Märchen bestimmt selbst, wie es in einer bestimmten Situation erzählt werden will. Wie man unterschiedlich erzählen kann, gibt es auch unterschiedliche Arten des Zuhörens“, erklärte Gerndt.
Horchen ins Innere
Märchen gleichen als Produkte der Phantasie der modernen Fantasy oder auch der Science Fiction. Fraglich ist allerdings, ob in unserer hektischen Welt der Sozialen Medien und Künstlichen Intelligenz noch Zeit und Lust bleibt, Märchen wirklich anzuhören. Märchen verlangen, so betonte der Volkskundler ausdrücklich, ein „tiefes Zuhören, ein Horchen ins Innere, ins eigene Menschsein.“
Kritisch äußerte sich Gerndt deshalb zu Hörbüchern, bei deren Anhören man zum Beispiel durch gleichzeitige Hausarbeit abgelenkt wird. Haben Märchen also noch eine Zukunft? „Märchen an sich sind unsterblich“, versicherte Gerndt.
Die eigentliche Frage ist, ob das mündliche Erzählen von Märchen noch eine Zukunft hat. Hier zeigte der Eröffnungsredner deutliche Skepsis. „Es kommt auf die Erzähler und ihre Zuhörer an.“
Beachtenswerte Leistungen
Ein solcher professioneller Märchenerzähler ist Dirk Nowakowski (71) aus Ladenburg (Rhein-Neckar-Kreis). Der ausgebildete Museumspädagoge wurde in einer Feierstunde für seine 40-jährige Tätigkeit nicht nur als Erzähler, sondern vor allem als Märchenforscher und Seminarleiter mit dem mit 5000 Euro dotierten Europäischen Märchenpreis 2026 der Märchenstiftung Walter Kahn ausgezeichnet. Ausführlich zählte Professorin Kristin Wardetzky, Mitglied im Stiftungsvorstand und in derselben Feierstunde zum Ehrenmitglied im Stiftungskuratorium ernannt, die beachtenswerten Leistungen des Preisträgers auf.
„Dirk Nowakowski verfügt über ein außergewöhnlich umfangreiches Wissen über Märchen und Mythen aus unterschiedlichen Kulturen und Ethnien, deren regionale Spezifika und deren globale Verflechtungen. Mit akribischem Spürsinn hat er Quellen entdeckt, die bisher der Märchenforschung verschlossen geblieben sind. All dies leistete er als Einzelkämpfer, ohne Einbindung in universitäre Institutionen. Dirk Nowakowski ist nicht nur eine lebendige Bibliothek, sondern als Erzähler ein mitreißender Vermittler seiner umfangreichen Entdeckungen.“
Kulturelles Erbe
Vor 40 Jahren habe sich durch Nowakowskis ersten Kontakt mit der Europäischen Märchengesellschaft „eine Tür für mich geöffnet“. Denn damals habe er auf einem Jahreskongress der EMG nach mehrjähriger Tätigkeit als Museumspädagoge „erstmals professionelle Märchenerzähler erlebt“. In seiner Dankesrede machte er den Unterschied zwischen Märchen lesen und Märchen hören nach einem Zitat der Brüder Grimm deutlich: „Aufgeschriebene Märchen gleichen den Noten in der Musik. Erst wenn sie zum Klingen gebracht werden, können sie ihren Zauber entfalten.“ Deshalb sei das Märchenerzählen völlig zu Recht im Dezember 2016 von der deutschen Unesco-Kommission in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. „Wir tragen deshalb Verantwortung für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes.“













