Natürlich: Wäre der Kissinger Sommer in Berlin zuhause, dann wäre die Promi-Dichte höher, würden sich die Stars und Sternchen auf die Füße treten. Aber: Bad Kissingen ist definitiv kein Nachteil. Im Gegenteil. Hier, im Schickimicki-unverdächtigen Unterfranken sind die Politikerinnen und Politiker, Künstlerinnen und Künstler nahbar und entspannt. Allen voran die gemeinhin als introvertiert und zurückhaltend beschriebene Schauspielerin Martina Gedeck. In der Kurstadt war sie offen, gelöst und begeisterte ihre Fans.
Martina Gedeck, 62 Jahre alt, Oscar-Gewinnerin mit dem Film „Das Leben der anderen“, gefeiert in Filmen wie „Bella Martha“, ist seit zehn Jahren auch in einer anderen Rolle zu sehen und zu hören: der Rolle der Erzählerin, eingebettet in ein Orchester. Sie verbindet Poesie mit Musik, wie im Kissinger Sommer 2024 als Sprecherin in „Ein Sommernachtstraum“, in der Mitte des BBC Symphony Orchestra.
Martina Gedeck: Raus aus dem Kostüm, rein ins Getümmel
Die dunkelhaarige Schauspielerin erschien kurz danach zum Empfang im Kurgarten-Café, die Haare blondiert. Extra neu in Schale hat sie sich nicht geworfen, raus aus dem Kostüm, rein ins Getümmel. „Es ist atemberaubend schön, mit dieser Rolle Teil des großartigen BBC Symphony Orchestra zu werden“, sagt sie. Sie strahlt dabei. „Ich bin angefüllt mit Glück, ob dieser Schönheit.“
Sie habe drei „intensive und fantastische Proben“ mit dem Orchester und Dirigent Sakari Oramo gehabt. Überhaupt, Oramo! „Er ist ein grandioser Performer, der seine Musikerinnen und Musiker liebt. Er verfügt über eine intensive Kraft und Leidenschaft.“
Martina Gedeck flog Dirigent Oramo um den Hals
Wie eng die beiden wurden, war am Ende des Konzerts zu sehen: Martina Gedeck flog ihm buchstäblich um den Hals, er drückte sie fest und sah selbst einfach glücklich aus.
Die Sprache ist neben der körperlichen Kunst, in der Schauspielerei Menschen und Charaktere darzustellen, ein wichtiges Standbein. Verändern die Rezitationen ihr Verhältnis zur Sprache, auch im normalen Leben? „Absolut“, sagt Martina Gedeck. „Die Rezitation ist noch viel stärker als die Sprache im Theater“, erklärt sie. „Das ist ein langer Monolog, der von mir eine große Präsenz verlangt. Ich spreche die ganze Zeit zum Publikum und das in einem riesengroßen Saal.“
Um ihre Technik zu verbessern, nehme sie Unterricht bei einer Professorin, „weil ich meinen Körper noch viel stärker ins energetische Zentrum bringen muss – du brauchst Energie für einen ganzen Saal“.
Herzog Franz von Bayern: hellwacher Zeitzeuge
Während Martina Gedeck noch den Empfang und die Menschen genoss, hatte sich einer schon zurückgezogen: Herzog Franz von Bayern. Der 90-Jährige war zusammen mit seinem langjährigen Lebensgefährten Thomas Greinwald angereist. Es gab wohl kaum einen Gast, der eine interessantere und spannendere Vita wie dieser Zeitzeuge zu bieten gehabt hätte.
In Kurzform: 1933 geboren, die Eltern ausgewiesene Hitler-Kritiker, der Vater von der Gestapo verhaftet, Flucht nach Ungarn, die Familie inhaftiert in den KZs Sachsenhausen, Flossenbürg und Dachau. Nach dem Krieg: seine Zeit in New York und später in München, wo er zum ausgewiesenen Kunstmäzen und Kunstsammler wurde.
Förderer von Jahrhundertmaler Gerhard Richter
90 Jahre alt, kerzengrade, blitzgescheit und hellwach – so präsentierte sich das Oberhaupt des Hauses Wittelsbach, der früheren Herrscherfamilie des Königreichs Bayern. Wie ihm das moderne Klassikstück „Der neue Orpheus“ von Kurt Weill gefallen hat? „Leider kannte ich den Text nicht, aber das war ja meine Zeit damals.“
Die Moderne hat ihn nie geschreckt, eher angezogen. Es heißt auch, er habe den damals jungen Maler Gerhard Richter entdeckt und gefördert. Er muss lachen. „Ja, das stimmt, das waren meine Münchner Buben." Und fügt augenzwinkernd hinzu: "Aber glauben Sie bitte nicht, dass ich seine Kunst verstanden hätte.“
Günther Beckstein hat großen Respekt vor Steinbeis' Mut
Dass Intendant Alexander Steinbeis am Eröffnungsabend Kurt Weills Werk gewählt hat, ringt dem Klassik-Fan und Experten Günther Beckstein großen Respekt ab. Der frühere bayerische Innenminister: „Kurt Weill ist für den Zuhörer harte Arbeit, sehr interessant und dabei kurzweilig. Es fasziniert mich sehr, dass der Kissinger Sommer zur Eröffnung keine Klassik-Schlager aufführt, sondern ein solches Werk – da zolle ich hohen Respekt!“
Auch unter den prominenten Gästen: Markus Blume, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Der war früher in der Abteilung Attacke als Generalsekretär der CSU. Und er gibt zu: „Der Job, den ich heute mache, ist eindeutig schöner.“
Claudia Roth: Kultur wird weltweit angegriffen
Für manche Promis war es ein schönes Wiedersehen, so sind Günther Beckstein (81), der einstige schwarze Sheriff der CSU, und Claudia Roth (69), Ur-Grüne, Managerin von Rio Reisers „Ton, Steine, Scherben“ und Kulturstaatsministerin seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden. Claudia Roth hat noch ein Jahr bis zu ihrem 70. – was sind ihre Pläne, wie will sie weitermachen? Claudia Roth: „Ich werde mich so gut ich kann weiter für Kultur engagieren“, denn: „Nicht nur die Kultur in Deutschland wird – in dem Fall durch Sparmaßnahmen – angegriffen, sondern die Kultur weltweit.“
Kunst und Kultur "Sound unserer Demokratie"
Der Krieg gegen die Ukraine führe es ihr deutlich vor Augen: „Da wird die Kultur der Ukrainer ausradiert, da werden Konzertsäle zerstört, da wird versucht, eine komplette kulturelle Identität auszuradieren.“ Kunst und Kultur sei „der Sound unserer Demokratie und der Demokratien in der ganzen Welt.“
Wohlwissend, dass es immer weniger dieser Gesellschaftsformen weltweit gibt, sagt sie: „Kultur muss uns etwas wert sein, wir können sie nicht kaputtsparen.“ Gerade deshalb finde sie den Ansatz des Kissinger Sommers, Musik für alle zu machen, „wunderbar“.
"Junimond" wurde für Claudia Roth geschrieben
Apropos Musik: 1986 wurde das Lied „Junimond“ von „Ton, Steine, Scherben“ veröffentlicht. Die Melodie hat Martin Hartmann, Band-Mitglied und damaliger Lebensgefährte von Claudia Roth geschrieben – und zwar für sie. Rio Reiser (gestorben 1996) erfand den Text, es geht um überwundenen Liebeskummer. Der Song wird noch heute im Radio rauf- und runtergespielt.
Was geht Ihnen durch den Kopf, Frau Roth, wenn Sie das Lied heute hören? „Ja, Martin hat es für mich komponiert, nachdem sich unsere Beziehung verändert hat. Heute sind wir beste Freunde. Und wenn ich den Song höre, dann freue ich mich vor allem für Martin, denn er verdient über die Gema zum Glück noch heute an diesem sehr berührenden Lied.“
Hier finden Sie viele Bilder zum Empfang, von den Gästen und Besuchern:
Weiteres zur Eröffnung des Kissinger Sommers finden Sie hier:



































































