Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können: Das nachrichtliche Sommerloch ist vorbei und damit das endlose Spekulieren in den Medien, wer der neue Bundestrainer wird – eine Frau stand – nie zur Debatte.
Jetzt haben wir sie, die neue Lichtgestalt des bundesdeutschen Fußballs: Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt: Felix Magath wäre bereit gewesen, Lothar Matthäus konnten sich andere gut vorstellen, Jürgen Klopp wollte nicht aus Liverpool weg, Rudi Völler hätten viele gerne gehabt, weil er in seiner (zweiten) Amtszeit nicht ein einziges Spiel verloren hat. So wurde es Julian Nagelsmann.
Experten diskutieren
Damit setzte ein seltsames Schauspiel ein: Plötzlich waren sich alle Experten einig, dass der DFB eine weise, logische, mutige oder zukunftsorientierte Entscheidung getroffen hatte.
Aber plötzlich diskutierten genau diese Experten in ihren unvermeidlichen täglichen Fußball-Talkrunden, woran und warum Julian Nagelsmann scheitern muss.
Vielleicht kann er's ja
Gut, als strahlender Meistermacher war er mir bisher auch noch nicht aufgefallen. Aber, Leute! Lasst ihn doch erst einmal anfangen.
Vielleicht kann er ja, gerade wegen seiner Jugend und dem Näher-Dransein an den Spielern, die Mannschaft auf Siegeskurs und zu einem attraktiven Fußball bringen. Lassen wir ihn doch erst mal ein paar Spiele hinter sich bringen.
Mit Philipp Lahm einig
Ich ärgere mich ganz gewaltig über etwas anderes, und da weiß ich mich mit Philipp Lahm einig, dem Organisationschef der EM 24. Ich teile sein Entsetzen, als er das Gehalt des Bundestrainers öffentlich machte: 400.000 Euro im Monat.
Das sei für den Bundestrainerposten, der ja auch ein Ehrenamt sei, ganz einfach zu viel, so Lahm. Da müsse kontinuierlich nach unten abgesenkt werden.
Kein Sozialneid
Es geht hier nicht um Sozialneid. Den empfinde ich schon deshalb nicht, weil ich mit so viel Geld jeden Monat gar nichts anfangen könnte. Ich sehe mich eher jammern: „Verdammt! Schon wieder 400.000 Euro auf dem Konto!“
Und wäre ich Nagelsmann, würde ich noch mehr leiden. Denn solange der Vertrag mit dem FC Bayern läuft, kommen noch über 500.000 Euro dazu.
Da ist der Neid schon längst Mitleid. Obwohl ich schon mal überschlagen habe, wie viele Jahre ich für so ein Monatsgehalt arbeiten musste.
Aus dem Ruder gelaufen
Bei den Spielern (Spielerinnen noch nicht) sind die Zahlungen längst aus dem Ruder gelaufen. Aber musste das auch bei den Trainern sein, die nicht mit gesundheitlichen Risiken argumentieren können.
Wer kommt etwa beim DFB überhaupt auf solche Zahlen? Ist die Trainerarbeit wirklich so viel wert? Könnte man viel Geld nicht in andere Projekte investieren wie die Nachwuchsarbeit? Und wieso wird für einen Trainer Ablöse verlangt? Gibt es da Sonderrechte?
Weniger Geld als der Vorgänger
Übrigens: Ein bisschen scheint man beim DFB doch gelernt zu haben – sicher nicht aus moralischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen, denn der Verband steht angeblich finanziell ganz schlecht da: Nagelsmann ist nicht der Meistverdiener.
Er bekommt pro Jahr 1,6 Millionen Euro weniger als sein Vorgänger. Der soll pro Jahr 5,4 Millionen Euro bekommen haben. Da kann man dann wirklich die Frage nach dem Gegenwert der Leistungen stellen. Denn „vercoachen“ kann man sich auch billiger.
Für zwei Jahre Bundestrainer
Aber wenigstens hat mir meine ganze Aufregung geholfen, für mich eine Entscheidung zu treffen, die mich ein wenig optimistisch stimmt: Sollte ich wirklich noch mal auf diese Welt kommen, dann werde ich für zwei Jahre Fußball-Bundestrainer.
Ist doch logisch, wenn man in so kurzer Zeit so viel Geld bekommt. Mir ist klar, dass ich da mit der Mannschaft eine Kanterniederlage nach der anderen einfahren werde.
Aber das ist kein Problem, denn im ersten Jahr kann ich die Erfolglosigkeit auf die mangelhafte Arbeit meiner Amtsvorgänger schieben.
Im zweiten kann ich jammern, dass lauter Diven auf dem Platz stehen, die mein System nicht kapieren, die keine Verantwortung übernehmen wollen als Spielmacher, die nur quer spielen oder zurück.
Geld fürs Nichtstun
Im schlimmsten Fall muss ich die zwei Jahre auf der Seitenbank absitzen, bevor ich mich in den finanziell abgesicherten Ruhestand verabschieden kann.
Im besten Fall werde ich freigestellt. Dann darf ich nichts mehr tun, bekomme aber mein volles Gehalt bis Vertragsende. Mein bisheriger Lieblings-Reinkarnations-Berufswunsch „Redakteur“ rutscht damit auf den 2. Platz.
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