0
Ausbildung
Erfolgsmodell Praxisklasse - Jugendlichen eine Chance geben
Von links: André Prechtl, Julia Hanna, Jana Müller, Mio Reinlein
Von links: André Prechtl, Julia Hanna, Jana Müller, Mio Reinlein // Foto: Jürgen Wittrin
Bad Kissingen – Das in Bad Kissingen praktizierte Modell bietet weit mehr als klassischen Schulunterricht. Mit praktischen Erfahrungen zur Ausbildung – eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art.

Mio Reinlein ist Schüler der Praxisklasse an der Anton-Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen – noch, denn er steht kurz vor seinem Abschluss. Um an der Praxisklasse teilnehmen zu können, verließ er seine alte Schule. Und es hat sich bezahlt gemacht. Bald schon tritt er seine Ausbildung als Steinmetz bei Alles aus Stein - Schlereth GmbH & Co. KG in Burkardroth an. An diese Stelle ist er über sein Praktikum gekommen.

Mio Reinlein im Klassenzimmer. Im Hintergrund sein Lieblingsfach - Mathe.
Mio Reinlein im Klassenzimmer. Im Hintergrund sein Lieblingsfach – Mathematik. // Foto: Jürgen Wittrin

Sowohl für die Schülerinnen und Schüler, als auch die Betriebe ist die Praxisklasse ein lohnendes Modell, erklärt André Prechtl. Über diesen langen Zeitraum sei es den Praktikantinnen und Praktikanten nicht möglich, sich zu verstellen. Zudem könne sich der Arbeitgeber ein ausführliches Bild über die Arbeitsleistung machen. Die Betriebe wüssten somit relativ genau, wen sie da beschäftigen und potenziell anstellen.

Auf der anderen Seite bekommen die Heranwachsenden einen genauen Einblick in den Arbeitsalltag. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Schulklassen verbringen sie viel mehr Zeit in der Praxis und bekommen damit aber auch die Möglichkeit, besser abzuschätzen, ob Beruf und Betrieb ihren Vorstellungen entsprechen. 

Der Erfolg gibt Recht

Die Praxisklasse ist im Landkreis Bad Kissingen einzigartig. Sie ist eine Chance für Jugendliche, die das momentane Schulsystem sonst nicht oder nur schwer auffangen könnte. Klassenleiter André Prechtl unterrichtet Mathematik, Ethik, Natur und Technik (NT), Wirtschaft und Beruf (WIB), Sport und Schulerlebnispädagogik. Er hat bereits viele Schülerinnen und Schüler kommen und gehen sehen. „Die Praxisklasse ist ein Segen für die Schüler“, sagt der Lehrer.

Und die Bilanz nach knapp zwei Jahrzehnten Projektbegleitung kann sich sehen lassen. Durchschnittlich 75 % seiner Schützlinge können nach der Schule in ein Ausbildungsverhältnis wechseln. Ein Erfolg, der auch zeigt, wie wichtig die Rahmenbedingungen an Schulen sind.

Der Außenbereich der Anton-Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen.
Der Außenbereich der Anton-Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen. // Foto: Jürgen Wittrin

Das Konzept der Praxisklasse

Die Praxisklasse richtet sich an Acht- und Neuntklässler aus dem Raum Bad Kissingen. Dort befinden sich hauptsächlich Jugendliche, die eher praktisch veranlagt sind. Damit wird denen eine Chance gegeben, die schulisch Schwächen aufweisen und mit ihren Noten sonst nur geringe Möglichkeiten auf einen Abschluss hätten. Ziel ist es, die Heranwachsenden in eine Ausbildung oder eine weiterführende Bildungsmaßnahme zu vermitteln. 

Die Schülerinnen und Schüler haben über das Schuljahr verteilt die Möglichkeit, Praktika in fünf verschiedenen Betrieben zu machen. Um sich gleich näher mit dem Betrieb vertraut zu machen, gibt es zu Beginn jeder neuen Station ein zweiwöchiges Vollzeit-Praktikum. Danach haben die Jugendlichen einmal in der Woche einen Praxistag. 

Der Unterricht in der Schule ist theoretisch und nimmt auch Rücksicht auf Schüler mit Lernschwächen. Begleitet wird das Projekt zudem von einer sozialpädagogischen Fachkraft, damit die Klassenmitglieder in der Praxis, aber auch im Unterricht gut betreut sind. Das Projekt wird von den europäischen Sozialfonds mit 36.000 Euro gefördert.


„Die Praxisklasse ist ein Modell der Förderung von Schülerinnen und Schülern der Mittelschule mit großen Lern- und Leistungsrückständen, die durch eine spezifische Förderung zu einer positiven Lern- und Arbeitshaltung geführt und durch die Kooperation mit der Wirtschaft und mit Betrieben (Praktika) in das Berufsleben begleitet werden können.“ - Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus


Richtige Rahmenbedingungen schaffen

Die geringe Größe der Praxisklasse allein ist noch kein Garant für gute Ergebnisse. Auch mit nur 15 Schülerinnen und Schülern ist eine gezielte Förderung schwierig. Deswegen stehen Klassenlehrer André Prechtl zusätzlich Jana Müller, sozialpädagogische Betreuung und die Vertretungslehrerin Julia Hanna zur Seite. Sie unterrichtet Geschichte, Politik und Geografie (GPG) und Deutsch.

Von links: Julia Hanna, André Prechtl, Jana Müller
Von links: Julia Hanna, André Prechtl, Jana Müller // Foto: Jürgen Wittrin

Jana Müllers Stelle wird von der Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi) gestellt. Als sozialpädagogische Begleitung unterstützt sie die Jugendlichen in allen möglichen Situationen. So hilft sie bei ersten Telefonaten mit den Betrieben, indem sie mit den Schülerinnen und Schülern kleine Spickzettel erarbeitet. Falls gewünscht, begleitet sie ihre Schützlinge auch zum Vorstellungsgespräch. 

Mehrschichtige Probleme und Lösungen

„Ich habe aber auch sonst ein Ohr für alle anderen Themen und Probleme“, sagt die Pädagogin. Seien es Streit in der Familie oder die Trennung der Eltern – all das kann sehr belastend sein.  Auswirkungen auf die Lernleistung sind da verständlicherweise nicht auszuschließen. Hier Unterstützung anzubieten, ist nicht nur aus einer menschlichen Perspektive wünschenswert, sondern fördert die Jugendlichen auch mit Hinblick auf ihre schulische Leistung. 

Die drei Betreuerinnen und Betreuer der Praxisklasse haben ein gutes Auge für ihre Jugendlichen und stehen untereinander in einem engen Austausch. Durch die präzise Abstimmung können sie sich gut ergänzen. Probleme mit dem Lernstoff lassen sich so ebenfalls besser aufarbeiten. „Über die Jahre hab ich die zweite und auch dritte Meinung sehr zu schätzen gelernt“, sagt André Prechtl.

Von links: André Prechtl, Julia Hanna, Jana Müller, Mio Reinlein
Von links: André Prechtl, Julia Hanna, Jana Müller, Mio Reinlein // Foto: Jürgen Wittrin

In der Praxisklasse wird kein Englisch unterrichtet, da dies den Jugendlichen sonst die Chance auf den qualifizierenden Abschluss (Quali) der Mittelschule zusätzlich erschweren würde. Der Klassenlehrer ist sich bewusst, dass er mit seinen Kolleginnen innerhalb eines Luxusmodells agiert. Sie haben das Personal und die Zeit, die in gewöhnlichen deutschen Schulklassen oft fehlt, um gezielter auf Schülerinnen und Schüler einzugehen.

Fördermöglichkeiten für den Übergang

Viele Jugendliche der Praxisklasse bringen ein natürliches technisches Verständnis mit. Auf der anderen Seite besteht bei manchen die Sorge, dass die Anforderungen der Berufsschule zu hoch sein könnten, sagt André Prechtl. Hier gibt es jedoch entsprechende Förderprogramme, die die Auszubildenden unterstützen. Ein Beispiel dafür ist die Assistierte Ausbildung flexibel (AsA flex).


Die AsA flex unterstützt Jugendliche in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter bei Ihrer Ausbildung. Über den gesamten Ausbildungszeitraum werden sie von Ausbildungsbegleiterinnen und Ausbildungsbegleitern, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und Lehrkräften begleitet und unterstützt. (Anmerkung der Redaktion)


Was die Zukunft bringt

André Prechtl pflegt engen Kontakt zu seinen ehemaligen Schülerinnen und Schülern. „Es macht einfach Spaß zu sehen, wie sich die Leute entwickeln“, sagt er. Von Zeit zu Zeit besuchen sie ihn an auch der Schule. Nicht immer sind sie am Ende auch in dem Beruf gelandet, den sie anfangs gelernt haben.

Allerdings weiß man nie, wo einen das Leben letztlich hinführt. Die Praxisklasse leistet jedenfalls ihren Beitrag dazu, den Jugendlichen die Chance zu geben, das Beste daraus zu machen. 

Inhalt teilen
  • kopiert!