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Selbstständig Wohnen
Haus Spitzwiese: Die besondere WG der Lebenshilfe
Der gläubige Klaus Schwarz hat das „Letzte Abendmahl“ als Malen-nach-Zahlen-Bild gemalt und in seinem Zimmer in der Wohnstätte Spitzwiese hängen.
Der gläubige Klaus Schwarz hat das „Letzte Abendmahl“ als Malen-nach-Zahlen-Bild gemalt und in seinem Zimmer in der Wohnstätte Spitzwiese hängen. // Benedikt Borst
Bad Kissingen – Die Lebenshilfe Kissingen unterstützt Menschen mit Behinderung, eigenständig zu sein. Bewohner und Betreuer erzählen, was das Leben in der ersten Wohnstätte ausmacht.

Klaus Schwarz wohnt seit 30 Jahren im Haus Spitzwiese, einer Wohnstätte der Lebenshilfe Bad Kissingen für Menschen mit Behinderung. Hier fühlt sich der 62-Jährige wohl. Er lebt ein normales Leben. „Ich bin in die Wohnstätte gezogen, weil ich unter Leuten sein wollte“, erzählt er. Innerhalb seiner Wohngruppe übernimmt er feste Aufgaben und hilft anderen bei Besorgungen.

Er ist aktiv und gern in der Stadt unterwegs: Er fährt Rad, besucht Gottesdienste oder geht Kaffeetrinken. Sein fotografisches Zahlengedächtnis hilft ihm, mit anderen in Kontakt zu kommen. „Ich kenne alle Cafés und Kaffeepreise. Ich werde oft gefragt, ob ich als Fremdenführer arbeite“, erzählt er stolz.

Familiäre Beziehungen in der Wohnstätte

Andreas Gabel (56) wohnt im Haus Spitzwiese seit der Eröffnung vor 33 Jahren. An seinen Umzug im Februar 1990 kann er sich noch gut erinnern: „Damals war es sehr kalt“, sagt er. Als Kind hat er bereits die Franz-von-Prümmer-Schule besucht, die ebenfalls zur Lebenshilfe gehört. Nach dem Tod seiner Mutter zog er in die Wohnstätte und lebt seitdem dort. „Ich hatte mich gleich gut eingewöhnt“, berichtet er.

Andreas Gabel wohnt seit der Eröffnung in der Einrichtung an der Spitzwiese. Er liebt Blasmusik und spielt Schlagzeug in der Feuerwehrkapelle Garitz.
Andreas Gabel wohnt seit der Eröffnung in der Einrichtung an der Spitzwiese. Er liebt Blasmusik und spielt Schlagzeug in der Feuerwehrkapelle Garitz. // Benedikt Borst

Die Wohnstätte ist sein Zuhause. Hier kann er sein großes Hobby ausleben. Er hat eine Vorliebe für Blasmusik, spielt Schlagzeug und ist Mitglied der Feuerwehrkapelle Garitz. Der Höhepunkt des Jahres: Beim großen Rakoczy-Festzug mit der Kapelle an der großen Trommel durch die Stadt marschieren, inmitten tausender Zuschauer.

Grundgedanke: Hilfe zur Selbsthilfe

Die Lebenshilfe holt dieses Jahr das 30. Jubiläum ihrer ersten Wohnstätte nach. 26 Menschen mit Behinderung wohnen im Haus Spitzwiese. Susanne Heringer ist als Erzieherin von Anfang an dabei. „1990 war die Spitzwiese noch nicht erschlossen. Inzwischen sind wir aber gut in die Stadt eingebunden“, sagt sie.

22 Mitarbeiter sind dort tätig, mindestens ein Betreuer ist nachts vor Ort. Errichtet wurde die Wohnstätte, weil der Verein den Kindern der Förderschule ein eigenständiges Wohnen als Erwachsene ermöglichen wollte. Finanziert wurde der Bau aus eigenen Mitteln und mit öffentlichen Zuschüssen. „Wir sind keine Wegsperreinrichtung. Der Grundgedanke war immer die Hilfe zur Selbsthilfe. Die Bewohner sollen hier so normal wie möglich wohnen“, betont Heringer.

Arbeiten in Nüdlinger Werkstatt

In der Wohnstätte leben Menschen mit geistigen Behinderungen, psychischen Schädigungen, aber auch körperlichen Einschränkungen. Je nach persönlichen Fähigkeiten helfen sie bei alltäglichen Erledigungen mit wie Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen. Die berufstätigen Bewohner arbeiten in Nüdlingen in der Werkstatt der Lebenshilfe Schweinfurt. „Wir haben eine sehr intensive, familiäre Beziehung zwischen Betreuern und Bewohnern“, erzählt Heringer. Sie sieht das Haus als große WG. Die Betreuer seien Unterstützer, die danach schauen, dass alles passt, dass der Alltag läuft.

Am Haus Spitzwiese: Heimbeirat Wolfgang Bohlig (von links), Alex iffert, Wohnstättenleiter Stefan Busch, Stephanie Bittner vom pädagogischen Fachdienst, Klaus Schwarz, Aufsichtsratsvorsitzende Monika Fella, Erzieherin Susanne Heringer, Andreas Gab...
Am Haus Spitzwiese: Heimbeirat Wolfgang Bohlig (von links), Alex iffert, Wohnstättenleiter Stefan Busch, Stephanie Bittner vom pädagogischen Fachdienst, Klaus Schwarz, Aufsichtsratsvorsitzende Monika Fella, Erzieherin Susanne Heringer, Andreas Gabel und Erzieher Hubert Wolfram. // Benedikt Borst

„Es war wichtig, dass die Lebenshilfe Bad Kissingen Menschen mit Behinderung die Wohnstätte zur Verfügung gestellt hat“, sagt geschäftsführender Vorstand Alex Iffert. Das Haus Spitzwiese ist seitdem konstant belegt, die Nachfrage noch Wohnstätten insgesamt gestiegen.

Leben mit ambulanter Hilfe

Heute betreibt die Lebenshilfe drei Einrichtungen und unterstützt ambulant, wenn Menschen mit Behinderungen in einer eigenen Wohnung leben. Er betont, dass die Häuser jedem zugänglich sind, der Hilfe benötigt. Es handle sich um keine Pflegeheime, sondern um Einrichtungen der Eingliederungshilfe. „Früher war es lange in den Köpfen der Angehörigen, dass man diese Menschen nicht ins Heim abschieben wollte“, sagt er. Lieber hat man sie bis ins hohe Alter und bis an die Grenzen der eigenen Belastungsfähigkeit daheim versorgt.

Wohnen bis ans Lebensende

Dabei spricht viel für eine Wohnstätte. Immer wieder werden Bewohner so selbstständig, dass sie eine eigene Wohnung mieten und in die ambulante Hilfe wechseln. Die Bewohner haben die Chance, ihr gesamtes Leben in den Wohnstätten zu verbringen „Das schöne ist, dass man hier auch alt und grau werden kann“, meint Erzieherin Heringer.

Die individuelle Betreuung stehe im Vordergrund. Die Mitarbeiter sind gut ausgebildet und der fordernden Aufgabe gewachsen. Wie die Angehörigen auch, bekommen die Mitarbeiter die emotionalen Ausbrüche der Bewohner ab, egal ob Freude, Trauer, Frust oder Zorn. „Aber die Belastung ist eine andere für das Personal als für die Eltern“, sagt sie. Es verteilt sich auf mehrere Schultern, die Beschäftigten haben mehr Ruhepausen. Das erleichtert die Betreuung.

Seniorenbetreuung in den Wohnstätten

Inzwischen bietet die Lebenshilfe in ihren Einrichtungen auch Seniorenbetreuungen an, für älter gewordene Bewohner. „Der Bedarf nimmt zu“, berichtet Iffert. Ziel ist, dass die Menschen, wenn sie es möchten, bis zum Lebensende in der Einrichtung wohnen. „Sie können so lange bleiben wie möglich, solange die Pflege nicht zu aufwendig wird“, erklärt er. So wie es in anderen Familien auch der Fall ist: ein ganz normales Leben und Sterben – zu Hause.

Die Lebenshilfe Bad Kissingen

Geschichte: Die Lebenshilfe Bad Kissingen wurde am 28. April 1969 auf Initiative von Eltern gegründet. Seit 1. September 1970 trägt der Verein eine Sonderschule, den Vorgänger der heutigen Franz-von-Prümmer-Schule, damals in der Salinenstraße. Seit 2011 befindet sich die Schule in der Peter-Heil-Straße. Am 2. Januar 1990 wurde die erste Wohnstätte, das Haus Spitzwiese, eröffnet. Dieses Jahr holt die Lebenshilfe das 30. Jubiläum der Wohnstätte nach, das in der Pandemie nicht gefeiert wurde.

Angebote: Die Lebenshilfe betreibt drei Wohnstätten – Haus Spitzwiese, Haus Hollerbusch, Haus Au-Blick – und bietet Hilfen für ambulantes Wohnen und in der Offenen Behindertenarbeit.

Mitarbeiter: 130 hauptberufliche Mitarbeiter sind bei der Lebenshilfe beschäftigt sowie 70 ehrenamtliche Unterstützer. Betreut werden 75 Menschen in Wohnstätten und 35 im ambulanten Wohnen. 75 Kinder werden an der Schule unterrichtet.

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