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Betroffene aus Coburg
„Meine Schmerzen sieht man nicht“: Leben mit Pflegegrad 1
Anita Heger in einem Café in Coburg
Modern und lebensfroh – Anna Heger sieht man ihre Krankheit nicht an. Doch die Schmerzen begleiten sie. Pflegegrad 1 ermöglicht ihr Hilfe im Haushalt. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson
Coburg – Ihre Krankheit ist unsichtbar – und trotzdem manchmal fast unerträglich: Anna Heger ist mit dem Pflegegrad 1 eingestuft, der in der Diskussion steht. Sie erklärt, was die Pflege für sie bedeutet.

Rote Brille, pinke Jacke, wache Augen: Anna Heger ist 76 Jahre alt und wirkt nicht so, als ob sie Hilfe bräuchte. Sie wohnt seit dem Tod ihres Mannes vor mehr als 20 Jahren allein. Anna Heger engagiert sich ehrenamtlich in der Kirche und singt im Bach-Chor. Seit über 44 Jahren wohnt sie in Coburg und ist gut vernetzt.

Viele ihrer Bekannten sind überrascht, wenn sie erfahren, dass Anna Heger seit ungefähr einem Jahr mit Pflegegrad 1 eingestuft ist. „Ich weiß, dass man mir meine Krankheit nicht ansieht“, sagt sie. Ihr ist es wichtig, auf sich und ihr gepflegtes Äußeres Acht zu geben. „Meine Schmerzen sieht man nicht.“


Was ist Pflegegrad 1?

Pflegegrad 1 wurde 2017 eingeführt. Er sollte es vor allem alten Menschen ermöglichen, so lange wie es geht in ihrem Zuhause wohnen zu können. Pflegegrad 1 beinhaltet kostenlose Beratung rund um Pflege, Pflegekurse für Angehörige, finanzielle Zuschüsse für Umbaumaßnahmen und eine monatliche Zahlung von höchstens 131 Euro im Monat für Haushaltshilfen, Alltagsbegleitung oder einen ambulanten Pflegedienst. Zuletzt wurde diskutiert den Pflegegrad 1 wieder abzuschaffen, da so rund zwei Milliarden Euro gespart werden könnten. Jetzt soll er bleiben, aber reformiert werden, wie das Bundesgesundheitsministerium (BGM) mitteilte. Wie genau, ist noch unklar.


Anna Hegers Weg zur medizinischen Gewissheit war ein langer: Drei Jahre lang führten sie ihre Beschwerden von Arzt zu Arzt. Als sie endlich eine Diagnose erhielt, wurde klar, dass die Symptome bleiben werden. Chronische Schmerzen. Details zu ihrer Diagnose möchte sie nicht in der Zeitung lesen.

Chronische Schmerzen und Alltag: Weitermachen, bis es nicht mehr geht

Anna Heger nimmt das Leben so wie es ist. Anstatt in Mitleid zu versinken, macht sie weiter: „Der Kontakt, die Gemeinschaft und Struktur im Alltag sind mir sehr wichtig. Ich stehe frühmorgens auf, trinke immer zur selben Zeit meinen Kaffee und lese dann Zeitung. Ich gehe mehrmals die Woche in den Chor und in die Kirche“, sagt sie. 

Irgendwann merkt Anna Heger, dass der Haushalt für sie immer mühseliger wird. Sie kann die Arme nicht mehr weit genug nach oben bewegen, um ihre Fenster zu putzen oder Regale zu entstauben. Langes Stehen wird für sie mehr und mehr zu einer Qual. Solange es geht, lächelt sie den Schmerz weg.

Finanzielle Unterstützung reicht für drei Stunden Hilfe 

Doch irgendwann wird Anna Heger klar, dass sie Hilfe im Haushalt braucht. Bei ihrer Pflegekasse beantragt sie einen Pflegegrad. Ein Gutachter beurteilt, ob und welchen Pflegegrad Anna Heger bewilligt bekommt. Sie wird in den Pflegegrad 1 eingestuft. Damit stehen ihr 131 Euro im Monat für eine Haushaltshilfe zu. Das reicht zwar nur für ungefähr drei Stunden im Monat. Doch es ist besser als nichts.

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Für mich ist das okay, ich beschwere mich nicht. Nur frage ich mich, wie die Menschen das machen sollen, die nur eine gesetzliche Mindestrente bekommen.

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Anna Heger Betroffene mit Pflegegrad 1

Anna Heger hat ein Lebensmotto: „Die vier G’s begleiten mich seit über 20 Jahren: Gott, Gebet, Gemeinschaft und Gesang.“ Anna Heger ist gläubige Katholikin. Sie überlegte vor einigen Jahren sogar, ins Kloster einzutreten. Ihre zwei angeheirateten Kinder, die leiblichen Kinder ihres verstorbenen Ehemanns, nennt sie ihre „Herzenskinder“.

Ihre Motivation: Glaube, Liebe, Hoffnung

Doch beide leben nicht in Coburg. Ihr Mann war Lehrer, seine erste Frau verstarb und Anna Heger zog beide Kinder wie die eigenen auf. Sie selbst ist examinierte Altenpflegerin und mittlerweile in Rente. Ihr Mann erkrankte damals an Krebs, sie kümmerte sich um ihn so gut es ging: „Ich konnte ihm ja auch nicht mehr helfen. Aber ich war eben trotzdem da, und das hilft dann doch.“

Anna Heger kümmerte sich um die beiden Kinder, um ihren kranken Ehemann und als Altenpflegerin um alte Menschen. Auch heute noch gilt: Wenn jemand Hilfe braucht, dann ist sie da. Und jetzt braucht sie selbst Hilfe. Doch sie hat keine Angehörigen in Coburg, die sie unterstützen können.

Pflegegrad 1: Haushaltshilfe und sozialer Kontakt

Für Anna Heger ist die Hilfe für Menschen mit einem Pflegegrad nicht nur die finanzielle Entlastung: „Gerade für Menschen, die nicht mehr so viel raus können, ist es wichtig, Menschen zu haben, die zu ihnen nach Hause kommen. Nicht nur um im Haushalt zu helfen, sondern auch einfach für den menschlichen Kontakt.“

Doch diese Hilfen stehen gerade auf dem Prüfstand. Nach der Debatte um die Abschaffung des Pflegegrades 1 steht fest, dass er bleiben soll. Aus der Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums zu den Zwischenergebnissen der Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ geht hervor, dass die konkreten Leistungen der Pflegegrade überprüft und vereinfacht werden sollen. Was das genau für Anna Heger und andere Betroffene bedeutet, ist noch unklar.

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Mein ganzes Leben lang musste ich lernen, loszulassen. Ich habe mich schon in den letzten Jahren darauf eingestellt.

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Anna Heger Betroffene mit Pflegegrad 1

Zuschüsse für Umbau – aber draufzahlen muss man fast immer

Für Umbauten in ihrer Wohnung kann Anna Heger mit dem Pflegegrad 1 einmalig Zuschüsse bis zu 4.180 € beantragen. Das ist zwar mit viel Papierkram verbunden, aber immerhin: Es geht.

Die Zuschüsse für Umbaumaßnahmen seien eigentlich zu wenig: „Für einen Umbau reichen die Zuschüsse nicht aus, aber es ist eine Unterstützung. Für mich ist das okay, ich beschwere mich nicht. Nur frage ich mich, wie die Menschen das machen sollen, die nur eine gesetzliche Mindestrente bekommen“, sagt Anna Heger. Auch sei es schwer, bezahlbare Haushaltshilfen zu finden. Draufzahlen müsse man fast immer.

Leben mit einer unsichtbaren Krankheit: Loslassen und Weitermachen

Solange es geht, will Anna Heger im Chor singen. Denn Singen ist für sie nicht nur ein Hobby. Musik und Gemeinschaft, das bedeutet für Anna Heger: Leben. Doch sie weiß, dass sich Dinge ändern und das Leben trotzdem weitergeht: „Mein ganzes Leben lang musste ich lernen loszulassen. Ich stelle mich schon jetzt darauf ein, dass das Singen im Chor irgendwann nicht mehr geht.“ Anna Heger lächelt gelassen. Wenn sie eines im Leben gelernt hat, dann ist es wohl: weiterzumachen. 

 

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