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Tanztheater in Coburg
Alte Sehnsucht in neuer Sprache
Die Coolen und Schicken von heute, im ständigen Smartphone-Fieber. Hans Henning Paar hat allerdings ein rosa Schweinchen in die Szenerie gesetzt.         Foto: Bastian Suffa
Die Coolen und Schicken von heute, im ständigen Smartphone-Fieber. Hans Henning Paar hat allerdings ein rosa Schweinchen in die Szenerie gesetzt.         Foto: Bastian Suffa // 
Coburg – Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ feiert Coburgs neuer Tanzdirektor Hans Henning Paar seine erste Premiere – das Publikum reagiert mit stehenden Ovationen.

Die Stunde da wir nichts voneinander wussten? Als ob die Menschen außerhalb dieser einen Stunde etwas voneinander wüssten. - Peter Handkes Titel für sein Stück ohne Worte, uraufgeführt 1992, ist doch Irreführung, vielleicht sogar poetisch klingender Hohn? Dass Handkes Vorlage für eine Art Großpantomime aber einen perfekten Rahmen für die Ausdruckskraft der Körper, also für den Tanz ist, zeigt der neue Coburger Tanzdirektor Hans Henning Paar mit seiner ersten Produktion in der Reithalle.

Tanz statt Pantomime

Die Menschen, heutige Menschen, auf der ewigen Suche nacheinander, und zwar gespiegelt, reflektiert, schmerzlich nachempfunden in mitreißenden, aus heutiger Alltagsgestik extrahierten, entlarvenden, weil rhythmisch in Dauerschleife gelegten Bewegungsfolgen. Diese gipfeln in immer neuen Momenten der Verdichtung, zwischen Anziehung und Abstoßung; dann werden die Körper der Tänzerinnen und Tänzer zu bildhauerisch gemeißelten Skulpturen, für Sekunden nur, aber als Bilder sich einprägend. Leben und Lebenssituationen, eingefangen und zum Ausdruck gebracht in den tanzenden Körpern. Die Momente da wir etwas voneinander wussten, sind die seltenen, die kostbaren.

Indem Hans Henning Paar die Schauspielvorlage so drehte für eine „tänzerische Neuinterpretation“, hat er ein ungemein unter die Haut gehendes, konzentriertes und packendes Tanz- und Theatererlebnis geschaffen. In einer Tanzsprache, die ohne vorher festgelegtes Vokabular aus den Körpern selbst spricht.

Compagnie wieder komplett

Die von Neil Barry Moss reduzierte Coburger Compagnie tritt nun wieder vollständig mit zehn Tänzerinnen und Tänzern an. Und die neu geformte Compagnie agiert unter der ja erst kurzzeitigen Führung von Paar schon einnehmend homogen, etwa wenn sich die ausbrechenden Individuen wieder in die breite Formation mit den gleichgerichteten Bewegungen fügen müssen, ob sie darin nun glücklich oder unglücklich sind.

Die maschinenhaft treibende Musik öffnet sich jedoch auch zu elegischen Klavierklängen, unter denen berührende Soli und Pas des deux in das Eigentliche der Menschen, in ihre Herzen blicken lassen. Yuria Nakahata und Valerina Gambino haben besondere Auftritte. Doch sie extra zu nennen ist fast unfair, begegnen wir doch jedem der Ensemblemitglieder in besonderem Maße.

Nähe zum Publikum

Wir begegnen ihnen tatsächlich fast ein bisschen persönlich, denn von Anfang an spielen sie in das Publikum hinein, fangen es in Blicken ein, erst Recht auf der Suche nach den Momenten, da wir etwas voneinander wussten. Aber glauben Sie bloß nicht, dass dies alles so schwermütig daher käme; da sind so viele witzige Momente, Skurriles, das Lächerliche heute schicker Gestik, das Gestelze und Gestöckel von Frauen wie Männern, das Affektierte der Coolen.

Tanzdirektor statt Ballettchef

Hans Henning Paar nennt sich ausdrücklich Tanzdirektor, nicht Ballettchef. Er stellt sich außerhalb des in Coburg bislang gepflegten, in erster Linie klassisch fundierten Tanztheaters seines Vorgängers Mark McClain. Das hat den Ballettfreunden in dessen Art große Abende beschert, wobei sich auch McClain sehr wohl öffnete für heutige Bewegungssprache.

Wandel im Tanztheater

Nun kündigt sich mit Paar Wandel hin zum betont heutigen Tanztheater an, das im Laufe des 20. Jahrhunderts ungemeine Vielseitigkeit und oftmals verblüffende Ausdruckskraft und Energie entwickelt hat. Paar jedenfalls öffnet mit „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ eine Tür in eine andere Tanzwelt. Bei der Premiere am Freitag in der Reithalle gab es stehende Ovationen.

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