Langsam füllen sich die Augenwinkel mit Tränen. Mit dem Dimmen des Lichtes verwandelt sich das Entsetzen über das Ende des Stückes in stille Begeisterung. Doch als die Schauspieler zum Schluss-Applaus auf die Bühne treten, löst sich die Spannung – tosender Applaus brandet auf, die Menschen im Saal erheben sich, erleichtert, bewegt. „Danke!“, ruft es aus der Regie. Die Mundwinkel sinken, die Hände verstummen. Szene Ende. Fast wie die Profis!
160 Statisten zieht es ins Landestheater
Einmal bei einem Film mitspielen – ein Wunsch, der auf vielen Bucketlists steht. Entsprechend groß war der Andrang, als Statisten für den Film Die Todessehnsucht der Maria Ohm (Arbeitstitel) gesucht wurden. Gedreht wurde unter anderem im Coburger Landestheater, einem Ort, der seit 2023 im Dornröschenschlaf liegt. Auch das Tageblatt hat es unter die 160 Statisten geschafft und durfte am 15. Januar die heiligen Hallen betreten. Doch was bedeutet eigentlich ein Drehtag im Landestheater? Kurz gesagt: dicke Daunenmäntel, eine gepolsterte Sackkarre – und ganz viel Geduld.
So läuft es an einem Filmset
„Wer war noch nie an einem Filmset?“, ruft der zweite Regieassistent, der sich im Foyer auf eine Bierbank gestellt hat. Viele Hände schnellen nach oben. Es folgt eine kurze Einführung: Toilettenpausen ankündigen, nicht dass am Ende jemand in der einen Szene noch brav auf dem Platz sitzt und in der nächsten plötzlich fehlt. Weitere Regel: Ruhe! Am Ende der Einweisung sagt der Assistent freudig: „Sie werden heute einige Minuten Theater sehen – in einem Theater, das lange kein Stück mehr sehen wird. Das ist ein Privileg.“
Ein letztes Mal ins Landestheater …
Schnell wird deutlich: Es gibt zwei Lager unter den Statisten. Die einen wollten schon immer mal in einem Film mitspielen. Die anderen möchten einfach noch einmal ins Landestheater schauen – oder sogar: eine der schönen Säulen des Gebäudes umarmen.
Strengere Türsteher als im „Berghain“?
Bevor es in die erste Szene geht, erhält das „Publikum“ – denn genau das spielen die Statisten – noch einen Outfit-Check. Wer denkt, der Berliner Club „Berghain“ hat die härtesten Türsteher und den strengsten Dresscode, der war noch nicht als Statist an einem Set. Denn bereits bei der Zusage wurden ein klares Farbschema und ein Dresscode kommuniziert: elegante Abendkleidung in den Farben Schwarz, Burgunder, Türkis, Sandfarben und Grau.
Viel Glitzer, viel nackte Haut, Muster, die flimmern könnten, sind nicht so gut. Das Outfit unserer Redakteurin, ein burgunderfarbenes, hochgeschlossenes Kleid, hingegen bekam ein zufriedenes Nicken und sogar ein Lächeln. Denn die Statisten sollen nicht herausstechen, sondern eine stimmige Kulisse bilden. Wie schöne Dekokissen auf einem Sofa, allerdings mit Mimik.
Wer sitzt wo?
Wer wo im Zuschauerraum für die erste Szene Platz findet, ist zunächst einmal ziemlich Zufall. Wie es der Zufall im Fall unserer Reporterin will – weil sie sicherheitshalber noch eine Toilettenpause eingelegt hatte –, landet sie in der dritten Reihe nur unweit neben einem Platz mit einem großen X. Was es damit wohl auf sich hat? Es soll nicht zu viel verraten werden, aber der Platz bleibt nicht leer.
Dann beginnt das typische Set-Geschehen: drehen, umbauen, proben, warten. Auch die Schauspielerinnen warten viel – in knappen Kostümen, unter denen keine Skiwäsche Platz hat. Trotz laufender Heizung ist es kalt im leerstehenden Theater. Ein solches Haus, das noch dazu seit mehreren Jahren nun leersteht, heizt sich eben nicht von heute auf morgen auf. Daunenmäntel und Decken gehören deshalb zur Grundausstattung der Schauspieler.
Theater wird zum Lost Place
Beim Warten bleibt Zeit, das Gebäude zu betrachten. Das Theater wirkt langsam wie ein Lost Place: jede dritte Glühbirne tot, Farbe, die von den Emporen blättert. Doch der Charme des Hauses ist unübersehbar – vielleicht gerade deshalb wurde es als Drehort gewählt.
Gedreht wird noch auf Film!
Gedreht wird analog, auf echtem Film, weil man sich davon eine besondere Atmosphäre und auch eine höhere Bildqualität verspricht. Das macht den „Fusselcheck“ zu einem wichtigen Moment: Nach jeder Szene wird geprüft, ob die Linse sauber war. Einmal auf „Play drücken“ und das gedrehte Material anschauen geht hier nicht. Umso beeindruckender, dass viele Einstellungen nach nur einer Klappe sitzen. 160 Menschen gleichzeitig zu koordinieren – sportlich.
Trick 17: Umsetzen
Wer sich nun mit Recht fragt: „Moment mal, mit 160 Leuten ist das Theater aber nicht voll?“ Dem kann man nur sagen: Willkommen beim Film! Trick 17 lautet: Umsetzen. Immer wieder umsetzen. Denn die Kamera kann nie den gesamten Zuschauerraum auf einmal erfassen. Deshalb wird ein bisschen getrickst, zusammengeschnitten und eben auch umgesetzt. Aber, aufgepasst! Personen, die eine besonders auffällige Garderobe gewählt haben, dürfen nicht zweimal ins direkte Blickfeld geraten, denn hier besteht die Gefahr, sie wiederzuerkennen. Die Regieassistenten müssen die Statisten also nicht einfach nur umsetzen, sondern sorgfältig sortieren.
Bevor die nächste Szene gedreht wird, nutzen viele die Umbaupause für Fotos. Eine ältere Frau knipst drauflos und sagt leise: „Wer weiß, ob ich die Wiedereröffnung überhaupt erlebe.“ Eine Jüngere umarmt eine Säule und verabschiedet sich: „Tschüss, mach’s gut.“
Doch bevor die Stimmung ins Wehmütige kippen kann, zieht die Gruppe weiter in den Spiegelsaal. Sektgläser werden verteilt – gefüllt mit dem, was wohl stark verdünnter Apfelsaft sein soll. Hier soll gleich auf die Premiere des Stückes angestoßen werden. Und so eine Szene will präzise choreografiert werden.
Deadline: 20 Uhr
Mit dem Drehschluss im Nacken versucht das Team, 160 Menschen zu sortieren, zu beruhigen, zu positionieren. Die Stimmung knistert, immer wieder rauscht ein aufgeregtes Murmeln durch den Raum. Ruhe einzufangen, ist fast schwieriger, als die Szene selbst zu drehen.
Für die Kamera ist eine besondere Einstellung geplant: eine längere Fahrt durch die Menge, während die Schauspielerin Vivien König im Film „Maria Ohm“ ihren Weg hindurchsucht. Statisten sollen immer wieder ihren Weg queren, murmelnd am Rand stehen oder mit „Sekt“ anstoßen.
Das Gewusel ist nicht die einzige Herausforderung für den Kameramann: Um die Schauspielerin von vorn filmen zu können, muss er sich rückwärts bewegen – und zwar schnell –, als Hilfsmittel dient eine Sackkarre. Auf Rückenhöhe gepolstert, dient sie als rollender Steadycam-Ersatz. Der Kameramann wird darauf angeschnallt, hält die Kamera fest – und wird durch den Saal geschoben.
Applaus zum Drehschluss
Die Szene benötigt mehrere Anläufe. Mal stimmt die Bewegung nicht, mal passen Reaktionen nicht. Doch kurz vor der magischen 20-Uhr-Grenze sitzt alles. Ein letzter Fusselcheck, ein kollektives Durchatmen. Dann bricht Applaus aus. Der Drehtag endet. Für die etwas durchgefrorenen Statisten heißt es: Tschüss, Hollywood!


















































