Es gibt nicht viele Paare, denen es vergönnt ist, 70 Jahre verheiratet zu sein. So lange das Leben gemeinsam verbringen zu können und ein hohes Alter zu erreichen, sei eine Gnade Gottes, findet der christliche Glaube. Daher der Name „Gnadenhochzeit“. Ein Jubeltag, den die 91-jährige Edith und der 95-jährige Andreas Knauth an diesem Dienstag begehen.
Als das Jubelpaar den Bund der Ehe schloss, war Konrad Adenauer Bundeskanzler, der Bundespräsident hieß Theodor Heuss und der US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Bill Haleys „Rock Around The Clock“ führte die Charts an, im Kino begeisterte die „Geierwally“. Kennengelernt haben sich der gebürtige Kölner und seine aus Jeßnitz bei Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) stammende Frau Anfang 1956 bei der Schweizer Versicherungsgesellschaft Helvetia in Köln. Der Außendienstleiter und die Sekretärin verstanden sich auf Anhieb. Von „Liebe auf den ersten Blick“ möchte sie nicht reden, doch scheint es schnell „gefunkt“ zu haben: Nach einem Dreivierteljahr heiratete das junge Paar. Über berufliche Stationen in Düsseldorf, erneut Köln und Hannover kamen die Eheleute 1972 nach Rödermark, inzwischen als sechsköpfige Familie. Vier Söhne waren 1962, 1963, 1965 und 1970 zur Welt gekommen.
Die Kinder sind heute mit ihren Familien über den Globus verteilt: Ralph, der Älteste, lebt nahe San Francisco (USA), der Drittgeborene Gerrit residiert in Melbourne (Australien) und der Jüngste, Axel, wohnt in Baden bei Zürich. Nur Oliver, Sohn Nummer zwei, weilt in der Nähe: Er hatte sich 2005 mit seiner Familie, nach über fünf Jahren in Ägypten in Seßlach niedergelassen. Dorthin zogen auch seine Eltern 2008.
2020 siedelten die Jubilare nach Coburg um: Um keine beschwerlichen Treppen mehr steigen zu müssen, bezogen sie eine neue Penthouse-Wohnung mit Aufzug in der Innenstadt. Von dort können sie vieles fußläufig oder mit dem Bus erreichen. Andreas und Edith Knauth schätzen das kulturelle Angebot in der Region: Beide zählen zu den Abonnenten des Coburger Landestheaters, sind Mitglied beim VEREIN e.V. Coburg und besuchen gern Feste in der Umgebung. Schon allein, um die kulinarische Vielfalt ihrer Wahlheimat zu genießen.
Bevor der Vorstand 1996 nach 48 Dienstjahren bei der Helvetia ausschied, war er Mitglied der Geschäftsleitung der Direktion für Deutschland in Frankfurt. Edith kümmerte sich währenddessen um die Familie, begleitete ihren Mann auch gern zu Terminen oder auf Reisen. Aus der Zeit stammten erste Berührungspunkte mit der heutigen Wahlheimat, berichtet er: „Ich hatte beruflich öfter mit der Huk-Coburg zu tun.“
Über zwei Jahrzehnte mussten Edith und Andreas Knauth reisen, wenn sie ihre Söhne besuchen wollten. Die letzte große Reise führte sie 2015 einmal um die Welt: Über Singapur ging es zunächst nach Melbourne zu den „Aussie Knauths“, weiter zum Treffen mit Enkel Jens in Neuseeland, bevor sie nach San Francisco flogen und zum Schluss noch die Hochzeit von Enkel Sven in Santa Barbara miterlebten. Kurz vor dem 60. Ehejubiläum bereiste das Paar Thailand, Vietnam und Malaysia. Selbst vor einer Fahrt im Heißluftballon übers Coburger Land, ein Geschenk zur Diamantenen Hochzeit, schreckten die damals 81- und 85-Jährigen nicht zurück. Im letzten Jahr feierte die Familie Ediths 90. und Andreas‘ 94. Geburtstag auf einer Donaukreuzfahrt von Passau nach Budapest. Den Satz „Dass Ihr Euch das in Eurem Alter noch zutraut!“ hörten die beiden rüstigen Senioren schon oft.
Inzwischen lassen sie ihre Nachkommen lieber nach Deutschland kommen. So muss die große Feier noch warten, bis ein Großteil der Familie aus dem In- und Ausland eintrifft. Am Muttertag 2025 hatte Edith Knauth zuletzt alle vier Söhne beisammen, dazu drei von vier Schwiegertöchtern und zehn von 15 Enkeln. „Das war das allerbeste Geschenk überhaupt“, strahlt sie.
Wie lautet denn ihr Rezept für ein so langes gemeinsames Leben? „Wir haben immer auf Harmonie geachtet und nie einen großen Streit gehabt“, antwortet Andreas spontan. Dazu gehörten eine gute Portion Toleranz sowie Verständnis. „Viel Geduld und auch Humor“, fügt Edith mit Schmunzeln weitere Zutaten hinzu: „Man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.“ So sei es ihnen stets gelungen, Kompromisse zu finden und alle Herausforderungen zu meistern. Dazu zählen auch die gesundheitlichen Begleiterscheinungen des Alters. Trotz seiner Augenerkrankung und nachlassender Kräfte wohnen sie noch allein in ihrer Wohnung und versorgen sich größtenteils selbst. Wenn Edith ihrem Andreas eine Freude machen will, dann kocht sie ihm sein Leibgericht: Spinat, Bratkartoffeln und Spiegelei.
Das lokale wie das Weltgeschehen verfolgen sie aufmerksam, die Tageszeitung gehört für sie dazu. „Ich lasse sie mir jetzt halt vorlesen“, sagt er. Am meisten bedauert Andreas, nicht mehr Autofahren zu können. Das erste E-Auto, das er sich zum 90. Geburtstag zulegte, fährt nun seine Frau. Gern unternehmen die beiden noch Ausflüge in die nähere Umgebung oder besuchen Sohn und Schwiegertochter in Seßlach. Dass sie dazu noch fit genug ist, ließ sich die 91-Jährige gerade bei einem Test vom Fahrlehrer bestätigen. Nun lernt sie noch ein neues Fahrzeug zu bedienen, denn Andreas hat bei Ausfahrten neuerdings Unterstützung durch einen Rollstuhl. „Das ist mein neuer Mercedes“, scherzt er.
Was wünschen sich beide zu ihrem Jubeltag? „Weiterhin Harmonie und Ruhe“, sagt Edith, aber das Wichtigste sei es, gesund zu bleiben. „So gesund, um viele Dinge noch machen zu können“, ergänzt ihr Mann. Dann möchte er auch 100 Jahre alt werden.
Drei Monate nach seinem Hundertsten stünde 2031 dann das nächste Ehejubiläum an: die Kronjuwelenhochzeit (75 Jahre).












