Sabine Höll sitzt vor ihrem Second-Hand-Geschäft auf einer urigen Holzbank. Gerade so ist darauf Platz für zwei. Vor ihr steht ein leerer Getränkekasten, bedeckt mit einer Spanplatte und einer alten Zeitungsseite. Ein Präsentierteller Marke Eigenbau für ihre neuesten Kreationen: Ohr- und Fingerringe. Sie stellt sie her aus den Überbleibseln leerer Flaschen: Kronkorken.
Was andere in die graue Tonne schmeißen, landet bei Sabine Höll auf einem Schraubstock oder unter einem Lasergerät, mit dem sie einige der Ringe verziert. Später, das hofft sie, baumeln ihre Kreationen an den Ohren der Kunden oder stecken fest an deren Ringfingern. Auch alte Zeitungsseiten kommen bei ihr per se nicht in den Müll. Daraus bastelt Sabine Höll Tüten für die Kundschaft. Sie sieht in Sachen einen Wert, die für andere oft keine Bedeutung mehr haben. Ein Pakt mit der Nachhaltigkeit.
Ein Urgestein im Steinweg: Sabine Höll
Seit gut 30 Jahren besitzt die 59-Jährige einen Second-Hand-Laden mit dem Namen „Secondo-Engelservice“ im Steinweg. Angefangen habe sie mit Second-Hand-Kleidung. Ihr Schwerpunkt: „Markenkleidung.“ In den 90er-Jahren und Anfang der 2000er lief alles noch super, erzählt sie. Das Geschäft brummte. Dann kam eine für den Einzelhandel große Zäsur – „dann kam Corona“, sagt Sabine Höll. Im Zeitraum der Pandemie gingen bei ihr im Geschäft vor allem Sachen, „die man nicht anziehen musste“. Sie stellte ihr Geschäftsmodell um, suchte sich ein neues Alleinsstellungsmerkmal. Man müsse sich ja von der Masse abheben, sagt sie.
Ihr neuer Schwerpunkt: mehr Handarbeiten, mehr Eigenkreationen.
Im Steinweg: Sabine Höll setzt auf Markenkleidung
Der Schrei nach Second-Hand-Kleidung, sagt die 59-Jährige, „ist immer noch groß“. Wobei man auch sagen könnte: „ist wieder groß“. Wer sich in den Fußgängerzonen umschaut und zufällig an einem jüngeren Publikum vorbeiläuft, sieht das ein oder andere gebrauchte Kleidungsstück. Vintage-Mode ist im Trend. „Aber vor allem bei Studenten, die weniger bezahlen wollen“, findet Sabine Höll. Die würden eher im Internet nach Schnäppchen suchen. Sie sagt, „wenn ich ein T-Shirt für drei Euro verkaufe, kann ich meine Miete nicht zahlen“. Deswegen nehme sie von ihrem Kundenstamm auch nur Markenkleidung an, die maximal zwei Jahre alt sei. Ihr Paradigma: keine Marken, keine Gewinnspanne.
Ihr Kleidungsgeschäft läuft auf Kommissionsbasis. Sie habe, sagt Sabine Höll, seit Jahren Stammkunden: „Die bringen saisonweise Kleidungssachen zu mir.“ Der Gewinn wird halbiert, Sabine Höll bekommt eine Hälfte, die andere ihre Kunden.
An ihrem rechten Ohr baumelt ein Aperol-Spritz-Kronkorken, an ihrer rechten Hand trägt sie einen weißen Kronkorken mit einer Skizze der Veste Coburg. Die Varianten der Ringe reichen von Brauereien und Getränkemarken bis hin zu Coburg-Motiven. Ihr Angebot manifestiert auch Erinnerungen an den Steinweg vergangener Tage. Ein Zurück in die Vergangenheit: Pfandmarken von geschlossenen Klubs, wie der „Wilden Hilde“ oder dem „Monkeys“, leben bei Sabine Höll als Ohrschmuck weiter.
Ihr Mann habe jetzt einen schweren Job, sagt Sabine Höll
Bei Sabine Höll kosten ein Paar Ohrringe und ein Fingerring jeweils zehn Euro. Bisher würden ihre Schmuckstücke gut angenommen, sagt sie. Wie ist sie überhaupt auf die Idee dafür gekommen? Im Internet, sagt sie. Und dann konnte „das kreative Ich“ in ihr nicht Nein sagen. Wie so oft. Der Leidtragende? Vor allem ihr Mann: „Neulich haben wir einen Kasten Bier gekauft – nur, weil ich die Kronkorken wollte.“ Ihr Mann, sagt sie, habe jetzt einen schweren Job, „er muss mehr Bier trinken“.
Um einen Kronkorken in einen Ring im Veste-Stil zu verwandeln, brauche sie eine halbe Stunde. Das Motiv habe ihr Mann illustriert. Ein Lasergerät graviert das Motiv auf den Korken. Für die Ohrringe nimmt sie einen kleinen Schraubstock. Darauf spannt sie die Pfandmarken ein und bohrt mit einem Handbohrer winzige Löcher ins Plastik. Präzisionsarbeit. „Mit einem Nagel wird das nichts.“ Ihr Geschäft, sagt Sabine Höll, sei ansonsten schwierig – und sehr abhängig von einer Zielgruppe: Touristen. Und als ob Sabine Höll die Szene inszeniert hätte, stehen wie aufs Stichwort drei Touristeninnen vor ihr. Eine Mama und ihre zwei Töchter stöbern an den Verkaufsständern.
Die Mama: „Wir würden uns gerne im Laden umschauen?“
Sabine Höll: „Na klar.“
Was sich Sabine Höll von der Stadt Coburg wünscht
Wer im Laden der 59-Jährige steht, muss sich erstmal einen Überblick verschaffen. Vom Sortiment, von den Büchern, den Schlüsselanhängern, Metallstickern, selbstgestrickten Socken, den Mini- und XL-Büsten des Heiligen Mauritius, dem Coburger Schutzpatron. Der Platz reicht aus, um sich ohne größere Schwierigkeiten umdrehen zu können. „Ein wenig chaotisch“, sagt Sabine Höll. Aber ihr Durcheinander hat Methode. Sie versteht sich als eine Frau, die das macht und verkauft, worauf sie Lust hat: „Das ist meine Leidenschaft.“
Kooperation mit der Stadt?
Erst vor kurzem sei der Bürgermeister vorbeigelaufen, erzählt Sabine Höll. „Der könnte ja mal auf mich zugehen.“ Sie spricht von einer Kooperation mit der Stadt. Vielleicht könne man ja etwas zusammen machen. Genug Ideen hat Sabine Höll jedenfalls.













