Ein gewaltiges Thema, ein gewaltiges Konzert, das Tommaso Turchetta zu seinem Einstieg als Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg gleich einen großen Triumph bescherte.
War beim ersten Sinfoniekonzert der neuen Saison im Globe zur Pause schon Jonian Ilias Kadesha als Solist gefeiert worden, so wollte das Publikum am Samstag – Wiederholung am Sonntag – den neuen GMD gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Auch das Philharmonische Orchester des Landestheaters klopfte dem Nachfolger von Daniel Carter nach dieser grandiosen Aufführung der Alpensinfonie von Richard Strauss nachhaltig Beifall. Er selbst guckte dabei in Momenten wie ein überraschter Bub. Dabei hatte der 1987 in Neapel Geborene alle drei Stücke des Abends in beeindruckender Souveränität geleitet. Seine gestalterische Kraft war von Anfang an zu spüren, ohne dass er sich etwa selbst produzieren hätte wollen. Im Gegenteil, zunächst ließ achtungsvolle Zurückhaltung viel Raum für das ganz Leise, die Stille, das Innige der Natur.
Vertonte Naturgewalt
„Über Berge und Wälder“ war das Auftaktkonzert überschrieben, was keineswegs ein bisschen emotionales „Im Frühtau zu Berge“ trällern ließ. Weber, Sibelius und erst recht dann Richard Strauss ging es um die gewaltigen, hinter den äußeren Erscheinungen wirkenden Kräfte in der Natur, in deren musikalischen Abbildern sich auch das Wesen der menschlichen Existenz an sich erkennen lässt. Schon mit Carl Maria von Webers (1786 – 1826) Ouvertüre zum „Freischütz“ zogen uns Turchetta und das Philharmonische Orchester in die Verzauberung des Waldes, die ihre Befremdlichkeit bewahrt. Auch im Aufbruch, im Aufbegehren der Kräfte lässt Turchetta eine gewisse Zurückhaltung wahren, Verehrung vor der Macht der Natur.
Mit Jonian Ilias Kadesha war ein international in großen Häusern geachteter Geiger nach Coburg gekommen, der Jean Sibelius‘ (1865 - 1957) Violinkonzert in d-Moll mit großer Delikatesse und feinstem Klangzauber lebte und erleben ließ. Die finnische Landschaft, ihre Weite, Rauheit, Schönheit durchwandelte der aus Griechenland stammende Kadesha in den vielen raffinierten Tonfindungen von Sibelius mit großer Wendigkeit, präziser und vielschichtiger Tonformulierung. Von der ruhigen, versunkenen Anschauung stieg Kadesha in die dramatische Erzählung.
Tommaso Turchetta ließ dabei das Orchester mit großer Zartheit in Dialog mit der Violine treten, verharrend in einem anhaltenden Traumzustand. Bevor im dritten Satz die Trommel in einen mächtigen Aufschwung trieb.
Mit einem kurzen Stück von George Enescu ließ Jonian Ilias Kadesha nochmals seine Virtuosität erleben.
Das Violinkonzert d-Moll von Sibelius galt übrigens auch in der überarbeiteten zweiten und von Richard Strauss 1905 in Berlin uraufgeführten Fassung über drei Jahrzehnte lang als misslungen, bis es durch Jascha Heifetz und David Oistrach Eingang in das Standardrepertoire fand.
Orchester erweitert
Und nach der Pause dann eine große Stunde für das Philharmonische Orchester des Landestheaters: mit der tatsächlich ja über 50-minütigen Alpensinfonie von Richard Strauss (1864 – 1949), für welche das Orchester weit über die vorhandenen 54 Planstellen hinaus erweitert werden musste.
Auf der großen Bergwanderung, die Strauss vom Aufbruch in der Nacht über 22 eindrucksvolle Klangbilder bis zur Rückkehr nach visionärer Erfahrung auf dem Gipfel und nach gefahrvoll überstandenem Gewitter überaus klangreich, spannungsvoll, subtil und dann wieder gewaltig und machtvoll konzipiert hat, haben die verschiedenen Instrumentengruppen jeweils große Szenerien zu bewältigen. Der Dirigent ließ die Musikergruppen und die eindrucksvollen Solisten nach der hinreißenden Darbietung zu Recht jeweils im Einzelnen vom Publikum feiern.
Coburgs großes Glück
Man kann es nicht oft genug feststellen: Welch großes Glück hat Coburg, eine Stadt dieser Größenordnung, mit einem solchen Orchester!
Und sein neuer Direktor bewies beim ersten regulären Auftritt, dass er bei aller zu entfesselnden Leidenschaft, im Toben der Natur, die Kraft besitzt, alles wieder einzufangen, zu halten, Innigkeit und Bodenhaftung nicht zu verlieren.












