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Seelsorge für Schausteller
Coburger Vogelschießen: Ein Pfarrer auf Reisen
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer // Julia Scholl
Coburg – Ein Pfarrer auf Mission: Johannes Bräuchle begleitet seit 18 Jahren Schausteller, Zirkusleute und Co. in Südbayern emotional und spirituell. Auch in Coburg ist er regelmäßig zu Gast.

Schwäbisch schwatzend schlängelt sich Johannes Bräuchle durch die Menschenmenge. Er ist ein Mann auf Mission: Denn der Schausteller-Seelsorger besucht seine Schäfchen, und zwar immer da, wo sie gerade ihre Campingwagen aufgestellt haben.

Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer und in dem Ehrenamt in ganz Süddeutschland unterwegs, um seine reisende Gemeinde zu besuchen. // Julia Scholl

Johannes Bräuchle, bald 78 Jahre alt, fährt im Jahr an die 40.000 Kilometer, um etwa 7.500 Menschen in allen Lebenslagen beizustehen. Die konfessionsübergreifende Gemeinde des evangelischen Pfarrers besteht seit 18 Jahren aus Schaustellern, Zirkusleuten, Marktbeschickern und Puppenspielern in ganz Südbayern.

Ein Ehrenamt, das der Stuttgarter zu Beginn seines Ruhestandes übernommen hat. Ungewöhnlich war sein Weg schon von Beginn an. Nach dem Studium habe man ihn in eine Gemeinde geschickt, die eigentlich ihre Kirche verkaufen wollte. „Ich habe gemeint: Es ist wirklich toll, wenn ihr dem frischen, neuen Pfarrer als erste Amtshandlung die Kirche unter dem Hintern wegverkauft“, sagt er lachend. Doch mit frischen Ideen konnte der damals Anfang 20-Jährige das Ruder herumreißen.

Scheitern an einer „klassischen Gemeinde“

Auch später führte ihn sein Weg zu ungewöhnlichen Aufgaben, wie zum Aufbau einer Gemeinde in einer Stuttgarter Trabantenstadt. Lediglich an einer „klassischen Gemeinde“ sei er gescheitert. „Immer, wenn ich eine neue Idee hatte, wurde sie abgewiesen“, sagt Bräuchle. Als er zum Ruhestand gefragt wurde, ob er nicht das Ehrenamt Schausteller-Pfarrer übernehmen wolle, war die Antwort klar. Und seitdem führt ihn sein Weg auch jährlich nach Coburg zum Vogelschießen.

Gelbe Pufferweste, fescher Hut und ein weißes Hemd – man könnte meinen, Johannes Bräuchle sei an diesem Tag auf dem Ketschenanger in Zivil unterwegs. Das volle Gewand spart sich Bräuchle für den Gottesdienst am Sonntag auf. Doch ein Erkennungsmerkmal seines Berufsstandes darf nicht fehlen: der Kollar. In Kombination mit dem weißen Hemd wirkt der weiße Stehkragen subtil und sagt aber trotzdem: „Ich bin im Dienst“.

Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Alexander Heppenheimer stammt aus einer Familie mit langer Tradition im Zirkus- und später im Schaustellerwesen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Einiges los auf dem Coburger Vogelschießen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Da sagt Johannes Bräuchle nicht nein, wenn Ludwig Müller ihn fragt, ob er ein paar Mandeln möchte. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Eine Runde im Riesenrad drehen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Einiges los auf dem Coburger Vogelschießen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Ludwig und Sohn Lukas Müller mit Johannes Bräuchle. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Einiges los auf dem Coburger Vogelschießen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Eine Runde im Riesenrad drehen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Einiges los auf dem Coburger Vogelschießen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Karl-Heinz Hartnagel, Sandra Hartnagel und Johannes Bräuchle vor dem Brezenhaus. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Michael Heigl ist schon lange für die Familie Zinnecker unterwegs. In diesem Jahr haben sie den „Best XXL“ dabei. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Ludwig und Sohn Lukas Müller mit Johannes Bräuchle. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle wird zum Ehrenschützen ernannt.Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle (links) wird zum Ehrenschützen ernannt. // FOTOGALERIE Matthias Klar
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Ludwig und Sohn Lukas Müller mit Johannes Bräuchle. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Familie Heppenheimer war eine der größten Zirkusfamilien. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer und in dem Ehrenamt in ganz Süddeutschland unterwegs, um seine reisende Gemeinde zu besuchen. // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer  // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer // FOTOGALERIE Julia Scholl
Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Ludwig und Sohn Lukas Müller mit Johannes Bräuchle. // FOTOGALERIE Julia Scholl

„Es ist wichtig, erkennbar zu sein. Das hat etwas mit Wertschätzung zu tun“, sagt Bräuchle, während er über den Platz schlendert. Hier und da hält er an, hält ein Schwätzchen mit den Schaustellern. Viele kennt er seit über einem Jahrzehnt. So auch Familie Hartnagel, die unter anderem mit ihrem Brezelstand auf dem Vogelschießen vertreten ist. „Wir kennen uns sicher seit zehn, 15 Jahren“, sagt Sandra Hartnagel. Johannes Bräuchle hat ihren Sohn Karl konfirmiert, der in sechster Generation den Betrieb übernehmen wird. 

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Man begleitet die schlimmsten, die schönsten Momente und alles dazwischen.

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Johannes Bräuchle Schausteller-Pfarrer

Der Termin, der damals eigentlich für die Konfirmation angesetzt war, hat nicht in die Pläne der Familie gepasst und so haben sie kurzerhand Johannes Bräuchle gebeten, ob er das nicht übernehmen könnte. Konfirmationen, Hochzeiten, Gottesdienste, Segnungen, aber auch Beerdigungen – Bräuchle deckt alles ab. 


Was ist die Zirkus- und Schaustellerseelsorge?
Die „Circus- und Schaustellerseelsorge“ (CSS) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist das Angebot zur Begleitung der heute rund  23.000 Menschen, die zur „Gemeinde auf der Reise“ gehören. Diese Gemeinde gibt es schon seit über 60 Jahren.


Es sind schöne Momente, wie eine Taufe von vier Kindern und einer zusätzlichen spontanen Hochzeit in einem Zirkuszelt. Aber auch andere Momente gehören dazu. „Eine Familie bei Tübingen hat mich gefragt, ob ich ihr Kind taufen könnte. Sie wollten noch klären, wo sie feiern können, und dann ist die ganze fünfköpfige Familie in einem Auto verunglückt“, erzählt Bräuchle. „Man begleitet die schlimmsten, die schönsten Momente und alles dazwischen.“

„Es sind alles sehr offene Leute“

So hat er zum Beispiel auch den neuen Wagen von Alexander Heppenheimers Schwester gesegnet. „Das gehört ebenso dazu“, sagt Bräuchle. „Es ist uns sehr wichtig, jemanden als Ansprechpartner zu haben“, sagt Alexander Heppenheimer, dessen Familie auf eine lange Tradition im Zirkus- und später auch im Schausteller-Geschäft zurückblicken kann. Es sind Gespräche wie dieses, über den Tresen hinweg oder auch mal dahinter, die Johannes Bräuchle gerne führt. „Es sind alles sehr offene Leute und das macht einfach Spaß“, sagt er, mit dem nächsten Ziel vor Augen: den Mandelstand und den Eispalast. 

„Ein paar Mandeln?“, fragt Ludwig Müller mit einem Lächeln und packt bereits eine Tüte für den Pfarrer. Zu ein paar Mandeln sagt Johannes Bräuchle nicht Nein, die mag er am liebsten, verrät er. Gemeinsam stehen sie hinter dem Tresen der Schaustellerfamilie.

Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Ludwig und Sohn Lukas Müller mit Johannes Bräuchle (von rechts). // Julia Scholl

Von den Unterrichtsstunden für die Kinder im Camper bis zum Ausblick auf Rehe am Morgen, wenn sie in Kronach am Waldrand campieren: „Es ist ein ganz besonderes Leben“, sagt Ludwig Müller. Und sein Sohn Lukas hat jede Intention, es weiterzuführen. In einem speziellen Kurs hat er alles erlernt, was er braucht, um als Schausteller einen eigenen Betrieb zu führen. „Das ist heute wirklich wichtig“, sagt Lukas Müller.

Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Da sagt Johannes Bräuchle nicht nein, wenn Ludwig Karl ihn fragt, ob er ein paar Mandeln möchte. // Julia Scholl

Lukas Müllers Karriere auf den Festplätzen Deutschlands ist noch ganz am Anfang. Johannes Bräuchle strebt nun den endgültigen Ruhestand an. Im nächsten Jahr möchte er aufhören. Ein Nachfolger? Noch nicht wirklich in Sicht. Das Ehrenamt für seinen Bereich erfordert viel Zeit, parallel zu einer Stelle in einer Gemeinde sei es kaum zu bewältigen.  

Johannes Bräuchle wird zum Ehrenschützen ernannt.Johannes Bräuchle ist Schausteller-Pfarrer
Johannes Bräuchle (links) wird zum Ehrenschützen ernannt. // Matthias Klar

Abschied von Coburg?

„Coburg wird mein Abschied“, sagt er. Doch dem Schützenfest wird er als Seelsorger wohl erhalten bleiben. Denn, was er zu diesem Zeitpunkt am Samstag noch nicht weiß: Die Schützengesellschaft Coburg wird ihn am Tag darauf spontan zum Ehrenschützen ernennen. Als Schützenbruder wird er nun weiter zum Vogelschießen kommen und auch die künftigen Sonntagsgottesdienste auf dem Ketschenanger übernehmen.  

Wer gehört eigentlich zur reisenden Gemeinde?

Alle Menschen, die als Artisten oder Schausteller auf Reise sind – und ihre Familien:

  • Artisten kleiner und großer Zirkusse mit teilweise sehr langer Familientradition
  • Schausteller mit ihren Fahr- und Spielgeschäften, Zucker- und Schießbuden, Ausschank- und Imbissläden, die auf Kirmes, Volksfest und Jahrmarkt zu finden sind,
  • Puppenspieler mit ihren reisenden Bühnen
  • reisende Marktkaufleute mit ihren Warenständen auf den Festplätzen

Was tun Zirkus- und Schaustellerseelsorger?

Sie besuchen die Familien auf der Reise, feiern Gottesdienste auf Volksfesten im Festzelt, auf dem Autoscooter und in der Manege. Sie übernehmen Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen, bereiten Jugendliche auf ihre Konfirmation vor und machen ihnen Freizeitangebote. Sie beteiligen sich an Schul- und Ausbildungsprojekten für die Kinder beruflich Reisender. Die Arbeit ist ökumenisch und eng zusammen mit den Berufsverbänden der Schausteller, Marktkauf- und Zirkusleute.

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