Der Musik des Coburger Komponisten war das 2. Sinfoniekonzert gewidmet. Chor und Philharmonisches Orchester des Landestheaters vereinten sich unter Leitung von Peter Stenglein mit dem Bachchor in einem fulminanten Konzert.
Aus zehn packenden Einzelstücken bestehend, die in mehr oder weniger bekannten Weihnachtsliedern wurzeln, spannt dieses Werk seine musikalischen Schwingen zwischen tief reichender Innerlichkeit und – ja – gewaltiger Beschwörung des Geistes unserer Weihnacht. Um Flehen um Erlösung aus dem Jammertal der menschlichen Existenz, wie man das früher beschrieb, und der mit der Geburt Christi verbundenen Hoffnung.
Womit sich auch erklärt, wieso das Landestheater Coburg die Aufführung von „ein bisschen“ Weihnachtsmusik plus eines Psalms zum 2. Sinfoniekonzert der Saison erklärte. Und sich unter der Leitung von Stenglein der Coburger Bachchor, der Chor des Landestheaters und das Philharmonische Orchester vereinten. Die Musik von Marcus Maria Reißenberger (geb. 1962), Dozent an der Würzburger Hochschule für Musik, hat das verdient. Und sie hat eine ihr würdige Uraufführung erfahren. Klangerfüllt verließen die zahlreichen Zuhörer am Sonntag die Morizkirche. Jubel für den Komponisten, der sich jedoch nur kurz zeigen wollte und den Ausführenden dankte.
Schon vor der eigentlichen Uraufführung berührte Reißenbergers Psalm 130 aus dem Jahr 2018 nach einem König David zugeschriebenem Text tief. Einzelne, bedächtig gesetzte Klänge, licht ansteigendes Glockenspiel, Streicher begleiten sanft. Der große, aber zurückhaltende Chor verharrt lange dunkel in der Tiefe. Darüber setzen die vier Solisten eher knapp ihre elementaren Aussagen: Herr, wer wird besteh'n? Meine Seele wartet. Denn bei dir ist Vergebung.
Es ist ein meditatives Fließen, das sich sanft und zunehmend machtvoller in ein ungeheures Flehen steigert, dass Gott doch erbarmen muss… Dieser Weg wird immer wieder auch in den späteren Weihnachtsstücken beschritten.
Dabei verkörpern die Solisten des Landestheaters immer wieder das Individuum, einsam, und dann tröstlich eingehend in die große bittende Menschenmenge. Es sind dies Emily Lorini (Mezzosopran), Jaeil Kim (Tenor) und der kurzfristig für den erkrankten Araszkiewicz eingesprungene Gast Aaron Eunhyuk Lee (Bass), welche die Zuhörer führen. Über sie, über Chor und Orchester steigt die Sopranistin Hlengiwe Precious Mkhwanazi so kraftvoll und klar in die höchsten Höhen; eine archaische Sirenenstimme, fordernd in der von Reißenberger bei aller vertrauten Tonalität doch durchaus fordernd bleibender Klangwelt.
Die „Weihnachtsmusik“ bringt eine Folge vielfältiger Klangbilder, emotional davontragend, in einer den Zuhörer umarmenden instrumentalen Gestaltung, die ihn aber weder einlullt noch Effekt heischend hin und her zerrt. Einleitend eine „Sinfonia“, sanft sich ausbreitend, aus leiser Melancholie. Bach, ja, wohltuend, Reißenberger bekennt sich zu seinen Vorbildern, hat aber längst unaufgeregt und souverän spannende Eigenständigkeit gewonnen. Mit „Es ist ein Ros entsprungen“ darf das Orchester über die bekannte Melodie schweifen und träumen bis zum großen Klangbild. Dann bringen einzelne Instrumente solo und das Wiegen des Orchesters wieder zur Ruhe: „Ach lieber Herre Jesu Christ“, bevor aber die Sopranstimme in eine dramatische Beschwörung tritt.
Ihr Kinderlein kommet
Sehr wohl auch Paukenschlag und Fröhlichkeit: „Freu` dich sehr, oh meine Seele“. Aus den jahrhundertealten Texten und Liedern gewinnt Reißenberger zeitlos schweifende Seelenbilder, Klanggemälde: „Ihr Kinderlein kommet“ und „In dulci jubilo“ – was interessiert hier, was war; auf den Schwingen dieser neu gewonnenen Musik fällt es dem Publikum schwer, nicht nach jedem Stück in Begeisterung auszubrechen. Was auch der fulminanten Entfaltung von Orchester und Chören unter Peter Stengleins Dirigat zu danken ist.
Reißenbergers „Sanctus“ steigt mit großer Kraft der Heiligkeit Gottes entgegen, kompositorisch kunstvoll religiöse Ergriffenheit und Verehrung des Göttlichen auslotend.
In all dem allenfalls die Überlegung, die abschließende anhaltende Meditation über Dona nobis Pacem mit nochmaliger Errichtung einer wahren Klangkathedrale in einen anderen Aufführungszusammenhang zu verschieben, nachdem die höchsten Gipfel schon mehrmals erklommen sind.
Jedes der zehn Stücke ist ein einnehmendes Kunstwerk für sich, das sehr gut auch einzeln erklingen kann. Zusammen ergeben sie eine hinreißende klangliche Vergegenwärtigung unserer existenziellen Dunkelheitserfahrung, der Sehnsucht nach Erlösung darin und einer für das Überleben unerlässlichen Zuversicht.











