0
Schauspiel in Coburg
Wenn der "Reichsbürger" sich das Publikum angelt
Theater Reichsbürger
Schauspieler Tobias Bode mimte den Reichsbürger Jan. // Annemone Taake
Signet des Fränkischen Tags von Gabi Bertram
Coburg – Wie tickt eigentlich ein Reichsbürger? Und noch wichtiger: Wieviel Reichsbürger steckt in jedem von uns? Eine Premiere des Landestheaters Coburg lässt das Publikum tief blicken - auch in sich selbst.

Es brodelt in der Alchimistenküche. Hinein in den Sud: ein bisschen kleinbürgerliches Spießertum, utopische Freiheitsträume und eine gute Portion Ordnungsregelverweigerung, diffuses Querulantentum, natürlich Verschwörungsgläubigkeit, jede Menge Macken,  Exzentrik und Spinnerei – und, ups, da ist sie, die Molche, aus der Reichsbürger erwachsen. Die da oben, fuchteln Arme irgendwohin ins Nirvana, die da oben manipulieren uns, wollen uns gefügig machen, quasi zum „Personal“ (Warum heißt es schließlich Personalausweis?). Mit mir nicht, schreit der Reichsbürger und verweigert sich, kocht sein eigenes Lebenssüppchen, in verquaster Weltsicht, er hortet Waffen und scheut sich nicht, auf die Hüter der Ordnung zu schießen.

Theater Reichsbürger
Schauspieler Tobias Bode mimte den Reichsbürger Jan. // Annemone Taake

Nicht so Jan Brückner. Smart kommt er um die Ecke, verheiratet, stolzer Hundebesitzer, ein Typ, wie du und ich. Sehr eloquent, mit ganz eigenen Ansichten und Argumenten: Des einen Uhl ist des anderen Nachtigall oder in Jans Worten „Des einen Freiheitskämpfer ist des anderen Terrorist.“ 

Ein gesellschaftliches Phänomen in Coburg auf die Bühne gebracht

Mit dem Monodrama „Der Reichsbürger“,  am Freitagabend als Premiere vom Landestheater auf die Bühne der Reithalle platziert, nimmt das Autorenpaar Annalena und Konstantin Küspert ein gesellschaftliches Phänomen unter die Lupe, das längst in allen Kreisen angekommen ist, zwar scheel, aber auch mit einer gewissen Ambivalenz beäugt.  Lange ignoriert oder schlichtweg als Eigenbrötler und Wirrköpfe abgetan, gewinnt das Thema der „Reichsbürgerlichen“ immer mehr an Zündstoff und Brisanz, nachdem im Dezember 2022 die Umsturzpläne rund um Heinrich XIII. Prinz Reuß bekannt wurden, bei Großrazzien Waffenarsenale gefunden wurden oder selbsternannte Reichsbürger das Feuer auf Polizisten eröffneten.

Tobias Bode schlüpft in die Rolle des Jan Brückner, weit davon entfernt, als aggressiver Verschwörungstheoretiker das Publikum agitieren zu wollen. Nein, der Jan ist ein netter Typ, der so bisschen aus seiner Weltensicht plaudert und im „Mehr-oder-weniger-Mitmach-Dialog“ sein Publikum als Wegbegleiter mitnimmt. Ein Reichsbürger? Purer Populismus, sagt er und nennt sich stolz „Selbstverwalter“, ein Souverän. Und die Coburger, ja, die hätten geschichtsbedingt ohnehin die DNA der Selbstverwirklichung und ein enormes Potenzial an Selbstbestimmung. Aber frei? Frei sind sie nicht, so wie alle anderen in diesem eigentlich gar nicht existierenden Staat Bundesrepublik, meint er.

Theater Reichsbürger
Schauspieler Tobias Bode mimte den Reichsbürger Jan. // Annemone Taake

„Wir leben in einem Land, das es nicht gibt“, skandiert er und schwupps explodiert da per Handschlag auf den roten Knopf virtuell ein Feuerwerk, wie mehrfach an diesem Abend, wenn Zündstoff in der Luft liegt . Denn, erklärt der pfiffige Jan, die BRD sei ein Konstrukt der Alliierten und stünde im Handelsregister der USA als Firma: Haha, ein kapitalistischer Freizeitpark , besetzt mit Militärbasen und moderiert von einer Scheinregierung. „Der letzte gesamtdeutsche Staat war das Deutsche Reich.“

„So ein Schmarrn“, flüstert eine Dame, aber dann geht Jan geschickt und ziemlich raffiniert ans Eingemachte. Wohin gehen unsere Steuern, wenn Rentner von Armut bedroht sind, Krankenhäuser pleitegehen, Brücken, Straßen und Gleisnetze marode sind, das Bildungssystem vom „Abschaum der Kulturbereicherer“ unterwandert wird. Nach zweifelhaften Projekten in Peru, Südafrika, im Kongo? „Die Deutschen“, sagt der Jan, „sind vielleicht nicht durchtrieben genug und gefangen im aufoktroyierten Schuldmythos, der jegliche Form des Nationalstolzes tabuisiert“.  

Und weiter geht's mit den Ratschlägen ans Publikum: „Lösen Sie sich von der eigenen Arroganz, gehen Sie Schritte außerhalb der Mauern Ihres Denkens, holen Sie sich Ihre Souveränität vom Staat zurück, denken Sie Zivilisation neu.“ Spätestens hier wird es dem einen oder anderen nach dem anfänglichen Plauderstündchen mulmig in der Magengegend. Was da vorher tatsächlich ein Stück Ambivalenz zwischen „Schmarrn“ und „ein Fünkchen Wahrheit“ im Denken verursachte, wird zur Erkenntnis, dass hier ein Mann agiert und argumentiert, was weder mit Freiheit noch mit Selbstverwaltung zu tun hat.

Reichsbürger nimmt das Publikum an den Haken

Jan knallt verbal geschickt weiter um sich: Revolutionen kommen von unten, Augen auf für die neue Aufklärung der Befreiung von staatlicher Verordnung und Unmündigkeit. „Naturrecht, Freiheit, Autarkie“ und Otto, der Krake, und ein eigenes kleines Reich in purer Selbstverwaltung. 

Jetzt wird das Absperrband herausgeholt, das die Zuhörer im Mitmachmodus um sich selbst zur kleinen Insel schlingen, und der Freistaat „Jan“ wird ausgerufen. Okay, da wird's skurril. In Rechtsnachfolge der „GmbH BRD“ geht es um Eckpfeiler einer neuen Verfassung. Ein bisschen halbherzig stimmt das Publikum ab – beispielsweise über Glück als Staatsziel, über Monarchie oder Kapitalismus, über Gleichheit von Mann und Frau („Was für ein Unsinn, Gleichberechtigung ja, aber Gleichheit – Gott bewahre…“), aber auch über Begrenzung der Zuwanderung und Flüchtlingszahlen.

Das Thema ist noch nicht ausdiskutiert

Eine Handvoll ist dafür, die große Mehrheit dagegen. Mutet alles an wie auf einer einsamen Insel, auf der unser Jan der König werden will, natürlich ganz demokratisch gewählt. Staatsanleihen für den neuen selbstverwalteten Staat gibt's – wen wundert's – gleich bei Jan. Hä, geht's also doch wieder um Kohle und für wen und für was?

„All das macht Ihnen Sorgen? Nein, es sollte Hoffnung machen?", meint Jan und verabschiedet sich ziemlich flugs. 

Die Theaterbesucher bleiben ein wenig ratlos zurück, irritiert, was noch kommt oder ob noch was kommt, denn schließlich hatte der smarte Jan ja eingangs seinen Vortrag und eine Diskussion angekündigt. Die ersten holen ihre Garderobe, andere noch ein Glas Wein, in Grüppchen wird debattiert, auch mit Tobias Bode, der sich endlich outen kann – nicht als Reichsbürger freilich. In der Rolle aber hat der Schauspieler brilliert – nicht aggressiv, nicht aufdringlich, mit scheinbar logischen Argumenten, auf jeden Fall charmant, agil - und unter der Hand äußerst subversiv.

Theater Reichsbürger
Schauspieler Tobias Bode mimte den Reichsbürger Jan. // Annemone Taake

„Ich wollte schon immer meine eigenen Gesetze machen“, lacht Stadträtin Bettina Lesch-Lasaridis. „Aber Spaß beiseite“, sei sie bewegt von diesem eindrucksvollen Vortrag. „Das zeigt, wie verfänglich solche populistischen Phrasen sind, die unglaublich irritieren. Davon kann man schon fehlgeleitet werden.“ Dana Mojek, die aus dem einstigen Jugoslawien kommt und seit 30 Jahren in Deutschland lebt, ist eher den Tränen nahe. Sie versteht nicht, wie hierzulande in der Gesellschaft immer alles schlecht geredet wird und solche Spinnereien überhaupt auf offene Ohren stoßen können. „Mehr als die halbe Welt lebt viel schlechter, man könnte auch dankbar sein“, sagt sie.

Wieviel Reichsbürger steckt im Zuschauer?

Was die Küsperts mit ihrem Monologschauspiel mit Gespür herausgearbeitet haben, ist die feinstichige Subversion, mit der die sogenannten Reichsbürger agieren. Keiner, der hier in der Reithalle sitzt, kann wohl von sich behaupten, nicht die eine oder andere Aussage oder Idee insgeheim auch schon gedacht zu haben. Der Rattenfänger zu Coburg hat die Flöte leise und melodiös angestimmt und bis zum lautstarken, nervigen Pfeifen gebracht. Gute Frage: Wieviel Reichsbürger steckt in jedem von uns? Sind wir schlau genug, zu durchschauen, was da für ein Musikstück gespielt wird? Ein Schauspiel zum Nachdenken, auch über eigene Ansichten. Und gut tut der, der seinen Kopf nicht gleich mit an der Garderobe abgibt.

Und am Ende wird klar, was im Alchimistensud für Reichsbürger- und Selbstverwaltertum noch fehlt: Eine ordentliche explosive Prise Aggressivität. Denn der Jan und seine Kumpane nehmen sich das Recht der Selbstverteidigung gegen jede staatliche Ordnung heraus – mit dem kleinen, geschmeidig in der Hand liegenden Revolver, den er im Publikum präsentiert, „aber auch mit weitaus größeren und automatischen Waffen …“

Lesen Sie auch: 

Inhalt teilen
  • kopiert!