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Frauennotruf Coburg
Schon fast 200 Fälle von Gewalt - nur in diesem Jahr
Frauennotruf Coburg zu Gewalt und Dunkelziffern
Der Frauennotruf in Coburg hat fast 200 Fälle registriert, alleine in diesem Jahr. // Anne-Nikolin Hagemann
Signet des Fränkischen Tags von Anne-Nikolin Hagemann
Coburg – Der 25. November ist der UN-Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Dass das Gewaltproblem immens ist, zeigt sich an den steigenden Zahlen. Nicht nur irgendwo - sondern auch in Coburg.

Viele, die sich bei der Fachberatungsstelle Frauennotruf melden, fragen zuerst, ob sie das überhaupt dürfen. Ob sie eigentlich Notfall genug sind.

„Es kommen Frauen, die massive körperliche und psychische Gewalt erleben und trotzdem sagen: Es gibt ja noch Schlimmeres“, sagt eine Sozialpädagogin, die in der Beratungsstelle arbeitet und in diesem Text anonym bleiben möchte. Manchmal kann auch sie das, was die Frauen schildern, noch erschrecken. Erschreckend sind auch die Zahlen, die sich verschiedenen Statistiken zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen entnehmen lassen: Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen in Deutschland häusliche Gewalt. Jede dritte Frau erfährt mindestens einmal im Leben Gewalt. Alle 48 Stunden wird eine Frau von einem aktuellen oder ehemaligen Partner getötet.

Lego und Taschentuch-Box

In Stadt und Landkreis Coburg zählt die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2023 130 weibliche Opfer von Partnerschaftsgewalt. „Die Dunkelziffern sind viel höher“, sagt die Mitarbeiterin des Frauennotrufs. In ihren Beratungsprotokollen zählt sie für das Jahr 2023 349 Kontakte aus 166 Fällen. Im Jahr 2024 sind es schon jetzt bereits 198 Fälle. Frauen mit und ohne Migrationshintergrund, jeden Alters, über alle sozialen Schichten hinweg. Viele davon „denken im Traum nicht an eine Anzeige“. Und: „Noch immer kommen zu wenige. Nur ein Bruchteil der betroffenen Frauen wendet sich an uns.“

Das Sofa im Beratungszimmer in der Mohrenstraße 15 ist weich, das Licht warm und gedämpft. Auf dem kleinen Tisch steht eine Taschentuch-Box bereit, daneben liegen Anti-Stress-Bälle und Spielzeug bereit, eine Beschäftigung für nervöse Finger. In einer Spielzeugbox in der Ecke warten Legosteine und ein Kuschelhund auf Kinder, die die Mama begleiten.

Das Frauenhaus als Zufluchtsort in akuten Bedrohungsszenarien ist vielen ein Begriff – die Fachberatungsstelle als niederschwellige, kostenlose und anonyme Anlaufstelle dagegen kennen wenige. Flyer und Abreißzettel auf Damentoiletten in Gaststätten, beim Gynäkologen und in anderen Arztpraxen und öffentlichkeitswirksame Aktionen wie aktuell die Orange Days sollen das ändern. Auch von Psychologen und Fachstellen oder über die rund um die Uhr erreichbare bundesweite Hilfs-Hotline 116 016 werden Frauen an die Fachberatung verwiesen.

Frauennotruf: „Wir glauben immer, bedingungslos“

Ein „zu klein“, ein „zu wenig Notfall“ gibt es dabei nicht, sagt die Mitarbeiterin: „Wenn eine Frau eine Belastung spürt, wenn sie Angst hat, ist sie bei uns richtig. Wenn sie sich von unserem Angebot angesprochen fühlt, gibt es dafür meist auch einen Grund.“ Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre oder transgeschlechtliche Menschen. Ob es um psychische Gewalt geht oder um körperliche, um einen einmaligen Vorfall oder eine lange Geschichte: Beim Frauennotruf gibt es ein offenes Ohr – ohne Skepsis: „Wir glauben immer, bedingungslos.“

Frauennotruf Coburg zu Gewalt und Dunkelziffern
Auch Präventionsarbeit in Schulen, wie hier in Coburg, sei wichtig. // Anne-Nikolin Hagemann

Die Beraterinnen hören zu und geben einen Überblick über die Hilfsmöglichkeiten, vermitteln bei Bedarf an Psychologen oder weitere Fachstellen wie Jugendamt oder Migrationsberatung, begleiten auf Wunsch zur Polizei, wenn eine Anzeige gemacht werden soll, oder zum Gericht, um einen Gewaltschutzantrag zu stellen, mit dessen Hilfe der Täter an der erneuten Kontaktaufnahme gehindert werden soll. Welche konkreten Schritte sie einleiten möchte, entscheidet die Frau immer selbst.

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Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das eigene Zuhause

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Beraterin im Frauennotruf

Der wichtigste Schritt ist gemacht, wenn die Frau sich entschieden hat, sich helfen zu lassen. „Das Thema ist noch immer schambehaftet, weil es das Intimste berührt“, sagt sie Fachberaterin. Denn in der Regel kommt der Täter aus dem direkten Umfeld und ist nicht der „gefährliche Fremde“, um den es in der öffentlichen Diskussion so oft geht: „Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das eigene Zuhause“, sagt die Expertin. Mit dem Schritt, sich Hilfe zu suchen, sind oft existentielle Fragen verbunden: Was wird mit den Kindern? Wie und wo lebe ich in Zukunft? Oft melden sich Angehörige und Freunde beim Frauennotruf: „Da ist was. Aber sie sagt nichts.“ Oder auch: „Sie sagt was. Aber sie tut nichts.“

Wer sich Sorgen um eine Kollegin, eine Freundin, eine Angehörige macht, weil die sich sozial isoliert, sich häufig krankmeldet, dem rät die Expertin: „Ansprechen und dabei empathisch sein. Hilfe anbieten. Dranbleiben. Das Thema muss aus der Tabu-Zone. Betroffene müssen wissen, dass sie nicht alleine sind. Und dass sie keine Schuld an der Gewalt trifft.“ Ein Flyer der Fachberatungsstelle im Briefkasten oder auf dem Schreibtisch kann da oft schon ein entscheidender Impuls sein.

Frauennotruf Coburg zu Gewalt und Dunkelziffern
Manchmal sei es schon wichtig, dass Frauen eine erste Info oder einen Flyer bekämen. // Anne-Nikolin Hagemann

Abwarten und Hoffen ist für Betroffene keine gute Idee – denn dann droht die Gefahr, dass die Gewalt sich zur Gewaltspirale entwickelt: „In der Regel ist es so, dass sich durch Gewalt die Grenzen verschieben“, sagt die Beraterin des Frauennotrufs, „die Übergriffe passieren häufiger, schlimmer und in kürzeren Abständen.“ Grenzen zu setzen, Nein zu sagen, die eigenen Bedürfnisse berücksichtigen: Das ist der beste Schutz vor Gewalt, weiß die Expertin. „Immer, in jedem Bereich, von Anfang an.“ Aber gerade Frauen fällt das oft schwer: Schon in der Erziehung werden Mädchen oft gelobt, wenn sie brav sind und sich anpassen. „Und wenn wir Erwachsenen ehrlich sind: Sagen wir wirklich immer ‚Nein‘, wenn wir etwas nicht wollen? Oder nicht stattdessen oft einfach ‚Passt schon‘?“

Coburg, Lichtenfels UND Kronach 

Primär-Prävention ist deshalb auch ein Teil der Arbeit des Frauennotrufs: Die Mitarbeiterinnen helfen in Workshops Menschen dabei, die eigenen Grenzen kennenzulernen und anzusprechen, damit ihnen Gewalt gar nicht erst widerfährt – Erwachsenen, etwa an der Hochschule Coburg, ebenso wie Kindern in Kindergärten und Grundschulen. Nur: Mit drei 30-Stunden-Kräften und einem die drei Landkreise Coburg, Lichtenfels und Kronach umfassenden Einzugsgebiet ist das auf Dauer nicht zu stemmen.  

Man konzentriert sich also darauf, pädagogisches Fachpersonal zu schulen, damit das Thema von den Einrichtungen direkt übernommen werden kann. Und widmet sich weiter dem Hauptauftrag der Fachberatung Frauennotruf: Verhindern, dass sich Gewalt gegen Frauen wiederholt. Und Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind. Denn: Die Nachfrage nach Beratung steigt stetig. Aber: Die Anzahl der Taten auch.

Kontakt Fachberatungsstelle Frauennotruf:

Online-Terminvergabe und Online-Beratung: www.notrufstelle-coburg.de

Mail: info@frauennotruf-coburg.de

Telefon: 09561 90155

Adresse:  Mohrenstraße 15, 96450 Coburg

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8:00 – 16:00 Uhr und Freitag 8:00 – 13:00 Uhr.

 

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