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Gedenken in Coburg
Erinnerungen eines Opfers an den Pogrom
Rund 150 Menschen nahmen an dem Gedenken teil.
Rund 150 Menschen nahmen an dem Gedenken teil. // C. Winter
Signet des Fränkischen Tags von Christoph Winter
Coburg – Augenzeugenberichte zeigten beim Gedenken schonungslos, welcher Hass vor 85 Jahren bei der Pogromnacht wütete – auch in Coburg.

Mehr als 150 Menschen sind am Donnerstagnachmittag vom Coburger Marktplatz in einem Schweigemarsch zur Turnhalle am Ketschenanger und später zur Nikolauskapelle am Rosengarten gezogen. Sie hatten Kerzen in den Händen, manche Blumen, und auch zwei Flaggen des Staates Israel mit dem Davidstern begleiteten den Weg. Am 9. November des Jahres 1938 brannten in Deutschland Synagogen, wurden jüdische Geschäfte geplündert und zerstört, Menschen jüdischen Glaubens verfolgt, verletzt und getötet.

Stille Andacht mit Kerze.
Stille Andacht mit Kerze. // C. Winter

„Es war nicht der angebliche Volkszorn, der sich gegen die rechtlich und sozial schon längst ausgegrenzten jüdischen Mitmenschen entlud“, sagte Pfarrer Dieter Stößlein von der Evangelischen Erwachsenenbildung und Leiter des Coburger Arbeitskreises Lebendige Erinnerungskultur. „Es waren die vom NS-Regimes geplanten Aktionen“, sagte er vor dem Coburger Rathaus.

Adolf Hitler 1935 in Coburg. Die Stadt war im Dritten Reich eine Hochburg der Nazis.
Adolf Hitler 1935 in Coburg. Die Stadt war im Dritten Reich eine Hochburg der Nazis. // Staatsarchiv Coburg, Bildsammlung 4594, mit freundlicher Genehmigung

In Coburg demolierte die SA Geschäfte, überfiel Juden in deren Wohnungen und verwüstete die provisorische Synagoge in der Hohen Straße 30 im Haus des Predigers Hermann Hirsch.

In dem Buch „Die Coburger Juden“ von Hubert Fromm sind die Erinnerungen an den 10. November von Anne Rubin festgehalten. Die damals Elfjährige: „Bald waren alle 40 jüdischen Familien zusammengetrieben. Die Angst war greifbar. […] Wir mussten durch Coburg laufen. Mir schien es, als ob die gesamte Bevölkerung der kleinen deutschen Mittelstadt versammelt war, um uns zu verhöhnen und zu verspotten. […] Wir waren nicht ihre Nachbarn, wir waren ihre Feinde…“

Mehr Antisemitismus

„Mir als Mensch Dominik Sauerteig, als Oberbürgermeister und als Sprecher des Bündnisses ‚Coburg ist bunt‘ ist es eine Herzensangelegenheit, dass wir ein klares Zeichen setzen, in der Stadtgesellschaft, im Coburger Land und darüber hinaus“, erklärte der Oberbürgermeister zu Beginn des Gedenkens vor dem Rathaus. Wie könne es die Gesellschaft mit diesem geschichtlichen Hintergrund zulassen, dass Juden in Deutschland, in ihrer Heimat, beleidigt und bedroht würden? „Die Sicherheit aller unserer Mitbürger, das höchste Gut – unabhängig von der Religion“. Sauerteig zeigte sich erschrocken davon, dass „rechtsgesinnte, aber auch vermeintlich von ihrer Religion angetriebene Gruppen zunehmend Oberwasser gewinnen“.

Ralph Packert begleitete das Gedenken musikalisch.
Ralph Packert begleitete das Gedenken musikalisch. // C. Winter

Den aktuellen Krieg im Nahen Osten sprach Dieter Stößlein an. „Mit Trauer und Entsetzen blicken wir auf die Opfer und Angehörige in Israel. Mit Sorge blicken wir nach Gaza, wo Kinder um Eltern und Eltern um Kinder trauern.“ Es sei traurig, dass der terroristische Überfall am 7. November der Hamas auf Israel nicht zu einer Solidarisierung geführt habe, sondern wieder Antisemitismus und Judenfeindlichkeit um sich griffen. Stößlein zählte israelische Ortschaften auf, in denen Menschen aus 35 Nationen von Hamas-Terroristen massakriert wurden.

3. Bürgermeister Can Aydin auf dem Marktplatz.
3. Bürgermeister Can Aydin auf dem Marktplatz. // C. Winter

Die alte Angerturnhalle wurde am 10. November 1938 von den Nazis als provisorisches Gefängnis missbraucht. Daran erinnerte der oberfränkische DGB-Regionsgeschäftsführer Mathias Eckardt. Die jüdischen Männer wurden später nach Hof verschleppt. Dazu heißt es in den Erinnerungen von Anne Rubin: „Die flackernden Fackeln in der Menschenmenge vor der Turnhalle verstärkten die Alptraum-Gefühle. ‚Verbrennt die verdammten Juden!‘, hörten wir.“

Geschichte der Nikolauskapelle

Die dritte Station an diesem Abend war die Nikolauskapelle am Rosengarten. 1442 wurde sie als Siechenkirche erbaut, wurde mit der Reformation evangelisch-lutherisch, bis sie Anfang des 19. Jahrhunderts der wachsenden katholischen Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde. In der Zeit von 1873 bis 1932 hatte die jüdische Gemeinde dort ihre Synagoge. Im September 1932 kündigte die NS-Stadtverwaltung der jüdischen Gemeinde die Nutzung. Für den Rückbau – Wiedereinbau von Kanzel und Sakristei – sollte die Gemeinde 8.000 bis 10.000 Euro aufbringen.

Das Gedenken an die Pogromnacht wurde vom Kreis der Evangelischen Erwachsenenbildung, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, der Initiative Stadtmuseum und vielen zumeist langjährig engagierten Personen veranstaltet. Vorträge hielten Hildegard Mogalle, Rupert Appeltshauser und Dieter Lorenz. Die Musik spielte Ralph Packert.

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